Archivbild: Die isländische Alternative Rock Band Solstafir am 18.05.2016 im Täubchenthal in Leipzig. (Quelle: imago/Christian Grube)
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Audio: Inforadio, 13.12.2017, Jakob Bauer | Bild: imago/Christian Grube

Konzertkritik | Sólstafir im Heimathafen - Wenn das Gehirn die Ratio ausknipst

Gegründet hat sie sich schon 1994, aber jahrelang galt die isländische Band Sólstafir als gut gehüteter Geheimtipp. Mittlerweile verkaufen die Isländer locker den Berliner Heimathafen aus – dort haben Sólstafir gestern gespielt - und Jakob Bauer hat zugehört.

"Antichristian Icelandic Heathen Bastard" haben zwei Männer Anfang 20 hinten auf ihren T-Shirts stehen. Es sind typische Metaler-Shirts, harte Sprüche, weiß auf schwarzem Grund. Beide tragen lange Haare und Bierbecher, schütteln ihre Matten und stehen neben einem Pärchen, Mitte 50 und gar nicht metalig, das sich knutschend hin und her wiegt. Scheinbar frappierende Gegensätze, faszinierend kombiniert. Ein Sinnbild für die Musik, die Band und das ganze Konzert, das hier heute Abend so seltsam so vieles vereint.

Wenn das Gehirn die Ratio ausknipst

Der Sound knallt erstmal ordentlich und es ist auch eine der größten Stärken von Sólstafir, dass ihre Songs Momente der maximalen Intensität haben, in denen dem Publikum die Ohren wegfliegen, das Gehirn die Ratio ausknipst und den Weg frei macht für pure Emotionen. Aber eben nicht nur. Sólstafir haben sich in ihrer mehr als 20-jährigen Geschichte einen düsteren Blumenstrauß an Musikstilen angeeignet und sind so zu Lieblingen der Indie-Szene geworden. Auf verträumten Post-Rock folgt verstörender Doom-Metal, die Isländer wechseln von schnellem Speed-Punk über ängstliche Gothic-Hymnen hin zu so etwas, das in einem anderen Kontext schon mal als ungewöhnlicher Pop-Song durchgehen könnte.

Heimathafen Neukölln (Quelle: Verena Eidel)
Bild: Verena Eidel

Hipster, Metaler und Musik-Connaisseure

Das Herz der Band und des Abends ist dabei unzweifelhaft Aðalbjörn Tryggvason. Der Sänger und Gitarrist vereint in seiner Persönlichkeit und seinem Auftreten die Ambivalenz, die Wucht und gleichzeitige Verletzlichkeit dieser Band. Er hat einen imposanten Bart und die obligatorische, tief hängende Metal-Gitarre, aber auch einen femininen Dutt, enge Jeans, ein Hemd mit weitem V-Ausschnitt. Und dann wäre da noch der Gesang des schmalen Frontmanns: Seine hohe Stimme ist mal sanft, einfühlsam und weich, aber meistens verletzlich, flehend, verzweifelt, kurz vor der Explosion, vor dem Schrei.

Die Hipster, Metaler und Musik-Connaisseure im Publikum kommen voll auf ihre Kosten. Zumal Tryggvason sichtlich dankbar für die große Resonanz ist und von vergangenen Berlin-Gigs in schäbigen Kellern erzählt. Ein Ansage-Klassiker, ganz im Gegensatz zu der eindringlichen Rede, die der Isländer gegen Ende des Konzerts hält. Er spricht von Abhängigkeiten und psychischen Krankheiten, ruft seine Fans dazu auf, Menschen mit Depressionen einfach mal wirklich zuzuhören und widmet ihnen den Song vom Schwarzen Berg.

Die charismatischen Menschen dort vorne auf der Bühne, der außergewöhnliche Genre-Mix, die Atmosphäre, die zwischen Headbangern und Traumtänzern entsteht – das alles ist ziemlich beeindruckend. Ein aufregendes Konzert.

Beitrag von Jakob Bauer

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