"Alles Schwindel" am Gorki Theater. (Quelle: MAIFOTO/Ute Langkafel)
Audio: Inforadio | 18.12.2017 | Ute Büsing | Bild: MAIFOTO/Ute Langkafel

Theaterkritik | "Alles Schwindel" - Schminke so dick wie Schulterpolster

Das Berliner Maxim-Gorki-Theater greift tief in den Fundus der unterhaltenden Bühnenkunst: 86 Jahre nach der Uraufführung zeigt es die Revue "Alles Schwindel". Erst am Ende rundet es sich, findet Ute Büsing.

Hier in Berlin ist wirklich alles Schwindel. Nur Budenzauber, Maskerade, Karneval der kaputten und kuriosen Typen. Tanz auf dem Vulkan! Das wollten uns Komponist Mischa Spolianksy und sein Texter Marcellus Schiffer schon 1931 sagen. Das Gorki sagt es uns jetzt zu Weihnachten und Silvester 2017 - mit einer ins Gigantomanische und Groteske gedrehten Revue, einem Käfig voller aufgepumpter Narren.

Allein, die Burleske in acht Bildern will in dieser Neuauflage gefällig sein. Sie plündert verspielt und selbstverliebt den Märchen- und Mythenfundus der nicht mehr ganz so goldenen 1930er Jahre und fährt dabei von allem viel zu viel auf.

Der Hund trägt Sadomaso-Maske

Im Mittelpunkt der Bühne ist eine riesige Linse. Durch sie betrachten wir vergröbert und vergrößert die niedere wie die feine Gesellschaft: Anbahnung aller Geschlechter im Gartenlokal, Flamenco und Kasatschok im Varieté, Hochstapler und Tresorknacker in der Verbrecherkneipe, Lug und Trug bei der Verlobung in besseren Kreisen.

Alle Figuren sind per se komisch. Das wird betont durch Schminke so dick wie die Schulterpolster und die Körper von Kneipenwirt und Generaldirektor. Hier spricht der Hund mit schwarzer Sadomaso-Maske, ebenso wie die Bäume im Wald und die Kaffeekanne. Alle Requisiten sind auf Pappmaschee aufgemalt.

Bis zur Pause teilt sich nur Leere mit

Durch dieses Panoptikum taumeln Evelyne und Tonio, die sich über eine Kontaktanzeige kennengelernt haben und sich auch erstmal mächtig was vormachen. Habenichtse, die protzen und sich am Ende doch als nicht ganz arm herausstellen.

Neben der Liebesgeschichte gibt es auch eine Kriminalgeschichte um eine Halskette. Obwohl das Live-Trio in schwarzen Fräcken und Hüten ganz schön einheizt und die Couplets eigentlich für Stimmung sorgen müssten, kommt bis zur Pause keine auf. Der Bühnenapparat brummt in Christian Weises Inszenierung auf Hochtouren. Doch es teilt sich nur Leere mit. Wo will er hin mit dieser Berliner Gesellschaft am Abgrund? 

Doch dann funktioniert all das Aufgekratzte und Bekloppte plötzlich wie am Schnürchen. Das Ensemble findet zusammen und zu ziemlich guten Shownummern, die jedem Boulevard Ehre machen würden. Vor allem Jonas Dassler entwickelt sich als Tonio zum Absahner. Der erst 21-jährige Frischling von der Schauspielschule kann auch mal Gorki-gekonnt aus der Rolle fallen - und Slapsticks und Saltos hinlegen kann er auch. Am Ende rundet sich das knapp dreistündige Singspiel so doch noch zu dem, als was es wohl geplant war: Jahresendzeitunterhaltung mit durchaus doppeltem Boden.

Beitrag von Ute Büsing

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