Fall Out Boy am 06.12.2017 in Philadelphia, USA. (Quelle: imago/Ricky Fitchett)
Audio: Inforadio | 09.01.2018 | Jakob Bauer | Bild: imago/Ricky Fitchett

Konzertkritik | Lido statt Stadion - Fall Out Boy fremdeln auf kleiner Bühne

Eigentlich sind sie in Fußball-Stadien und großen Hallen zu Hause - am Montagabend haben die Alternative-Rocker von Fall Out Boy eine Ausnahme gemacht und ein Exklusivkonzert im kleinen Berliner Lido gegeben. Aber so richtig gut war das nicht, findet Jakob Bauer.

Wärmedecken und Essensreste, Campingkocher, Klappstühle und Sitzkissen liegen wild verstreut vor dem Lido herum. Stundenlang haben hartgesottene Fans Kälte und Wind getrotzt, nur um im sowieso kleinen Lido noch ein paar Meter weiter vorne zu stehen. Drinnen ist die Stimmung, ähnlich der Temperatur, siedend heiß. Die Anspannung entlädt sich in ohrenbetäubendem Kreischen, als kurz nach acht endlich das Licht ausgeht.

Kreischpotenzial einer frisch gecasteten Boyband

Die vier Männer gehen auf die 40 zu,  besitzen aber immer noch das Kreischpotential einer frisch gecasteten Boyband. Während bei anderen Bands Musik und Fans gemeinsam älter werden, haben Fall Out Boy es geschafft, das Alter ihrer Anhängerschaft konstant jung zu halten. Über 30 sind nur wenige, unter 20 dafür umso mehr.

Denn Fall Out Boy sind trotz sanfter Punk-Attitüden seit ihrer Gründung 2001 der Inbegriff von mainstream-kompatiblem Pop-Punk. Die Gitarren sind laut und das Schlagzeug hämmert. Aber eigentlich geht es um die pathetischen Melodiebögen, die Chöre zum Mitgrölen. Die "Oohs" und "Ahhs", den kalkulierten Knall, der so erwartbar wie effektiv ausfällt und bei dem alle auf "1, 2, 3, 4" gemeinsam ausrasten können.

Volle Konzentration auf die Musik

Spannender ist die Frage: Wie machen sich Fall Out Boy so ganz ohne großes Drumherum? Es gibt keine Leinwände, kein Bühnenbild, nicht mal Verstärker sind zu sehen. Die Amerikaner haben die große Rock-Show so weit zurückgefahren, wie es nur eben geht. Volle Konzentration auf die Musik. Das klappt mal mehr, mal weniger.

Sänger Patrick Stump fremdelt anfangs noch ein bisschen mit der ungewohnten Situation, wirkt erschöpft und angestrengt. Aber nach und nach blüht er dann doch noch auf, reißt die Show an sich, ist mit seiner hohen, leicht näselndenden, aber sicheren Stimme das Verbindungsglied zwischen Publikum und Band.

Verwirrte Ansagen und Nebensächlichkeiten

Ganz anders Bassist und Posterboy Pete Wentz: Er bedient von Anfang an souverän die gängigen Rockstar-Posen, animiert das Publikum zum Mitklatschen, springt in die Menge, posiert mit seinem Bass  und macht die Ansagen. Die kommen allerdings ziemlich seltsam daher. Mal gehen seine Geschichten in Fan-Geschrei unter, mal ist die Anlage nicht laut genug, mal verliert er sich in vielen verwirrten "Ähs" und Nebensächlichkeiten. Oder er hört einfach auf zu reden. Hier wäre mehr drin gewesen, mehr Fan-Service, mehr Miteinander, mehr Fall Out Boy ganz nah. Die Band spielt ihr Set zwar souverän runter, nutzt aber die Chancen, die ein intimes Club-Konzert mit sich bringt, nicht wirklich.

Fehlt nur noch der erhobene Zeigefinger

Das merkt man auch bei den Zugaben. Die spielen Fall Out Boy ohne die Bühne zu verlassen. Bassist Wentz weißt sogar extra darauf hin, dass jetzt die Zugaben kämen, damit nachher, wenn sie in ihren Hotelzimmern Twitter checken, nirgendwo steht, Fall Out Boy hätten keine gespielt! Fehlt nur noch der erhobene Zeigefinger. Und auch wenn er einen kurzen Dank an die stundenlang wartenden Fans hinterherschiebt – so richtig sympathisch kommt das nicht rüber.

Die Fans feiern trotzdem

Den Fans ist das egal. Trotz aller Abstriche werden sie Fall Out Boy wohl nie wieder in einer so intimen Atmosphäre erleben. So tanzen und schreien und singen sie, als wäre es der letzte gemeinsame Abend. Handys und Hände recken sich in die Luft, Kleidungsstücke fliegen auf die Bühne und das Bier schmeckt Montagabend scheinbar auch schon wieder.

Als die Band nach nur 80 Minuten abrupt die Bühne verlässt, ist die Party allerdings zu Ende, bevor sie so richtig Fahrt aufgenommen hat. Unklar ist, ob Hotelzimmer und Twitter warten oder ob Fall Out Boy nicht mehr länger spielen können oder wollen. Jedenfalls lassen die Amerikaner auch hier einige Blumen am Wegesrand stehen. Das Publikum hätte noch lange mit ihnen getanzt.

Beitrag von Jakob Bauer

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