Festspiel-Intendant Dieter Wedel spricht am 21.11.2017 bei der Programmvorstellung der Festspiele in Bad Hersfeld (Quelle: dpa/ Swen Pförtner)
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Video: Mittagsmagazin, 4.01.2018, Mareike Aden | Bild: dpa

Übergriffs-Vorwürfe gegen Regisseur Wedel - #metoo-Debatte erreicht deutsche Filmbranche

Die #metoo-Debatte ist in Deutschland endgültig angekommen. Jetzt haben zwei ehemalige Schauspielerinnen aus Berlin den Regisseur Dieter Wedel bezichtigt, sie sexuell bedrängt zu haben. Der weist alle Vorwürfe von sich - und erhält Rückendeckung.

Der Regisseur Dieter Wedel hat Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Frauen zurückgewiesen. In einer am Mittwochabend veröffentlichten Stellungnahme seines Anwalts Michael Philippi heißt es, Wedel werde durch die erhobenen Verdächtigungen, "die auf angebliche Vorfälle von vor 20 und mehr Jahren gestützt werden, einem massiven öffentlichen Pranger ausgesetzt".

Wedel: Bedauere meine harte Kritik am Set

Der Anwalt verweist auf eine eidesstattliche Erklärung Wedels, wonach die von mehreren Schauspielerinnen gegen ihn erhobenen Vorwürfe "unzutreffend und nicht gerechtfertigt" seien. Er habe zu keinem Zeitpunkt diesen oder anderen Frauen in irgendeiner Form Gewalt angetan. Wedel bedaure, dass er Schauspielerinnen und Schauspieler "insbesondere am Set manchmal überharter, wohl auch verletzender Kritik ausgesetzt" habe.

Im Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" erhoben die ehemaligen Berliner Schauspielerinnen Jany Tempel und Patricia Thielemann sowie eine weitere Frau, die anonym blieb, zum Teil schwere Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen den 75-jährigen Fernsehregisseur.

Vorwurf: Aufs Bett geworfen und zum Sex gezwungen

Tempel sagte demnach, Wedel habe sie 1996 in einem Hotelzimmer in München im Bademantel zu einem Vorstellungstermin empfangen. "Er hat mich mit Wucht gepackt und gegen die Wand gepresst." Sie habe "bitte nicht" gerufen, aber er habe sie aufs Bett geworfen und zum Sex gezwungen.

In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber dem Magazin bestreitet der Regisseur diesen Vorwurf. Tempel gegenüber "war ich definitiv nie gewalttätig, ich habe sie nicht 'gepackt', 'an die Wand gepresst' und auch nicht 'mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr' gezwungen", erklärte Wedel. Vielmehr hätten sie ein Verhältnis miteinander gehabt.  

Erstmals werden auch in Deutschland Namen genannt

Thielemann, die in Berlin eine bekannte Yoga-Lehrerin ist, berichtete, sie sei 1991 von Wedel zu einem Casting in ein Bremer Hotelzimmer gebeten habe. Ohne Vorwarnung habe Wedel sie bedrängt. Sie habe sich gewehrt und ihn angeschrien. Da habe ihr Wedel den Hals zugedrückt. "Ich bekam große Angst und wehrte mich mit aller Kraft", sagte Thielemann. Es sei ihr gelungen, sich Wedel zu entziehen. Wedel weist auch diesen Vorwurf zurück.

Es ist das erste Mal in der Debatte um sexuelle Übergriffe, dass in Deutschland Frauen öffentlich und unter ihrem Namen einen Beschuldigten nennen.

Die Sexismusdebatte war infolge der im Oktober bekannt gewordenen Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Hollywoodmogul Harvey Weinstein entbrannt. In der Folge berichteten weltweit zahlreiche Menschen, insbesondere Frauen und auch Prominente, unter dem Schlagwort "#MeToo" (ich auch) in den sozialen Onlinenetzwerken über sexuelle Übergriffe.

Wedel: "Auch Männer sind Übergriffen ausgesetzt"

Im November hatte Wedel im Interview mit einem Radiosender gesagt, auch Männer seien Übergriffen ausgesetzt. Als er am Theater angefangen habe, sei er immer für schwul gehalten worden. "Homosexuelle Regisseure und Schauspieler haben mich mächtig unter Druck gesetzt, aber ich habe nicht nachgegeben - und ich bin auch nicht gebrochen worden", sagte Wedel.

Dies hat dem Bericht des Zeitmagazins zufolge die Frauen dazu gebracht, ihre Geschichten öffentlich zu machen.

ARD und ZDF: Keine Hinweise auf Vorwürfe gegen Wedel

Eine Sprecherin der ARD-Programmdirektion sagte am Donnerstag, dem Sender seien die Vorwürfe der Schauspielerinnen gegen Wedel nicht bekannt gewesen. Zu Programmänderungen werde es nicht kommen. Wedel-Produktionen seien derzeit ohnehin nicht zur Ausstrahlung vorgesehen.

Auch das ZDF hatte bislang eigenen Angaben zufolge keine Hinweise auf Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den Regisseur. Dem ZDF hätten keine Hinweise zu den im "Zeit-Magazin" geschilderten Vorfällen vorgelegen, teilte der Sender mit.

Bürgermeister fühlt sich an Hexenjagd erinnert

Nach den Vorwürfen sexueller Übergriffe bekommt Dieter Wedel, der Festspiel-Intendant in Bad Hersfeld ist, Rückendeckung vom dortigen Bürgermeister. "Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit von Dieter Wedel zu zweifeln. Er genießt unser vollstes Vertrauen. Im Zusammenhang mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen fühle ich mich an eine Hexenjagd erinnert", sagte der parteilose Rathaus-Chef Thomas Fehling am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Fehling, der als Bürgermeister die Verpflichtung Wedels als Intendant der städtischen Theaterfestspiele vorantrieb, sagte: "Man sollte Ruhe bewahren. Da die Vorwürfe erstmal bewiesen werden müssen, sollte man auch keine Bewertungen abgeben. Ich möchte auch keine Gedenkenspiele betreiben." Er wolle nur beurteilen, was Wedel für die Festspiele leiste.

Fehling habe Wedel als verlässlichen, integren und zielorientiert arbeitenden Regisseur mit höchsten Qualitätsansprüchen und einem Hang zur Perfektion kennengelernt. "Wenn ihm die Qualität in der Zusammenarbeit mit Schauspielern nicht reicht, greift er natürlich ein. Aber der Erfolg gibt ihm letztlich recht", sagte Fehling zu Wedels Führungsstil.

Wedel gehört mit Fernsehfilmen wie "Der große Bellheim", "Der König von St. Pauli", "Der Schattenmann" und "Gier" zu den erfolgreichsten Regisseuren Deutschlands. Seit 2014 ist Wedel auch Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Zuvor war er lange Jahre Intendant der Nibelungenfestspiele Worms.

Sendung: Mittagsmagazin, 04.01.2018, 13 Uhr  

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Hi Benjy, ich recherchiere gerade zu Wedels Vergangenheit an der FU. Hast Du Quellen oder kennst Du Menschen aus dieser Zeit an der FU? Melde Dich gerne bei mir unter sagichganzbestimmtnicht@gmail.com

  2. 5.

    Unabhängig von diesem Einzelfall: Man braucht ja nicht so tun, als gäbe es sowas wie sexuelle Lust nicht. Auf beiden Seiten, Männer und Frauen. Auch braucht man nicht so zu tun, als würden Frauen niemals sexuelle Gefälligkeiten als Verhandlungsmasse anbieten im Gegenzug für Vorteile aller Art. Vollkommender Blödsinn diesen informellen Markt zu tabuisieren. Noch bekloppter ist es dafür rechtliche Sanktionen anzudrohen. Vergewaltigung ist es nur, wenn es kein Einverständnis gibt. Alles andere ist doch kompletter BS. Ja heisst Ja.

  3. 4.

    Ich kann und will den Fall Wedel nicht vorschnell bewerten, dass es aber gerade in der hiesigen Filmbranche bestimmte Mechanismen gibt, die mit denen in Hollywood vergleichbar sind, glaube ich schon.
    Lt. Berliner Zeitung bzw. taz äußerte sich eine Drehbuchautorin, dass es bei der Besetzung der Nebenrollen darauf ankäme, ich muss jetzt leider zitieren, "fickbares" Material zu engagieren. Ein weiteres Kriterium sei, dass sich auch die Zuschauer vorstellen könnten, 'ja, mit der würde ich gern Mal ******' !
    Der Druck, gerade für Neueinsteigerinnen ist dermaßen groß, nicht in prekären Verhältnissen zu verbleiben, dass man sich durchaus vorstellen kann, dass das wahrscheinlich keine Einzelfälle sind.
    Oft wird den nicht so bekannten Schauspielern nur noch die reine Drehzeit bezahlt, ohne irgendwelche Spesen.... Das Einstiegsgehalt eines ausgebildeten Schauspielers an einer staatlichen Bühne beträgt rund 1800 € monatlich, und das bei bei Proben am Vor- und Nachmittag und Aufführungen am Abend!
    Ich hoffe trotzdem, dass #metoo sachlicher diskutiert wird und nicht auf Medienhypeniveau dann später so endet, wie andere zur Hyperventilation geeignete Themen !!!

  4. 3.

    Dass Dieter Wedel, der schon zu Studentenbühnenzeiten an der FU Berlin stets als von dekorativen Damen umringter Supermacho auftrat, jemals schwul angemacht worden wäre, halte ich für ein Märchen, für einen Teil seiner selbstgestrickten Legende. Und warum heißt er eigentlich plötzlich nicht mehr "Dr. Wedel"? Wie aus der Berliner Theaterwissenschaft zu erfahren ist, hat er zwar eine Doktorarbeit bei Professor Knudsen geschrieben, aber nie das entsprechende Doktor-Examen, das Rigorosum, abgelegt. Wieder bloß nichts als Legende?

  5. 2.

    Ich schon beachtlich.
    Da melden sich zwei abgehaltenen und längst vergessene Aktriesen zu Wort und bezichtigen jemanden eines sexueller Übergriffe und schon melden sich, obwohl es bis jetzt unbewiesene Anschuldigungen sind, Hobbyspsychologen zu Wort und fabulieren etwas über "unbehandelte psychische Störung tief aus der Kindheit" und befinden, dass "der Mann sollte sich umgehend in Behandlung begeben".
    Ist das peinlich.

  6. 1.

    Sollte die Anschuldigung Bestand haben, weist dies auf eine relativ bedeutsam bisher unbehandelte psychische Störung tief aus der Kindheit hin und der Mann sollte sich umgehend in Behandlung begeben, anstatt alles weiter zu verdrängen. Wenigstens am ende seines Lebens sollte er reinen Tisch machen, damit er glaubhaft bleibt und nicht einfach nur alles abstreiten.

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