Gomringer-Gedicht an der Außenfassade der Alice Salomon Hochschule. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Kommentar | Contra Gedicht-Übermalung - Ein Anschlag - nicht nur auf die Kunstfreiheit

Hinter der Verbannung eines angeblich sexistischen Gedichts an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule steckt ein brutaler Kulturkampf. Ein Kommentar von Sascha Adamek

Vorsicht! Das folgende Gedicht soll frauenfeindlich und sexistisch sein und deshalb von der Fassade der Berliner Alice Salomon-Hochschule verbannt werden: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer." Der Text ziert in spanischer Sprache die Hochschulfassade, seitdem der Dichter Eugen Gomringer 2011 den Poetikpreis dieser Einrichtung gewann.

Die Hochschule gibt dem Kulturkampf jetzt nach

2016 schrieb der AstA in einem offenen Brief, das Gedicht reproduziere "eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind." Auch fühlten sich einige Frauen unwohl angesichts einer nahegelegenen, männlich dominierten U-Bahnstation: "Dieses Gedicht dabei anzuschauen, wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung dran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können."

Der Frauenbewunderer in Gomringers Gedicht wird im übertragenen Sinne als "potentiell übergriffig" gebrandmarkt. Dem monatelangen Kulturkampf dieser selbsternannten Kulturwächter gibt die Hochschule jetzt nach und entfernt das Gedicht – gegen den Willen des gerade 93 Jahre alt gewordenen Künstlers bolivianisch-schweizerischer Herkunft.

Der weltbekannte chilenische Dichter Pablo Neruda füllte ganze Bücher mit seiner Bewunderung der Frauen. Er schrieb zum Beispiel: "Leib eines Weibes, weißblanke Hügel, blanke Schenkel,/ du gleichst der Welt, so weit, so willig, wie du dich hingibst./ Mein Körper eines rohen Bauern Körper, durchgräbt dich und läßt das Kind entspringen aus der Tiefe der Erde." In seiner Heimat wurde der Kommunist und Literaturnobelpreisträger Neruda, ein Mann, der die Frauen und die Völker der Welt verehrte, bis in seinen Tod 1973 vom faschistischen Regime Augusto Pinochets verfolgt.

Ich wage zu behaupten, dass es Neruda niemals zu den Weihen einer Fassadenverzierung dieser Berliner "Bildungseinrichtung" gebracht hätte und die Vorwürfe  der neuen Bilderstürmer lauteten heute: Sexismus, Übergriffigkeit, Mutterkult.

Es geht um die Deutung des Menschseins

Schon längst gibt es steuerfinanzierte Hochschulstudiengänge, in denen die Existenz von Frau und Mann als "soziologisches Konstrukt" verleugnet wird. Anstatt der drängenden ökonomischen und sozialen Frage nachzugehen, warum Frauen im Arbeitsleben noch immer benachteiligt werden und wie sich das ändern ließe, widmen sich die Verfechter dieser Theorien einem brutalen politischen Kulturkampf.

Dabei geht es um nichts Geringeres als die Deutung des Menschseins. Bleibt die Frage, in welche Wüste die Verbieter eines Gedichts, in dem Frauen als Frauen verehrt werden, die Menschheit am Ende schicken wollen.

Beitrag von Sascha Adamek

Kommentar

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21 Kommentare

  1. 21.

    Meinen Respekt, meine Achtung für Ihren, zu Ihrem Kommentar. Die Direktion dieser Schule muß als schwachsinnig tituliert werden - ein schwacher Sinn! - und die Studentinnen desgleichen. Das ist der erste Schritt zu der "neuen Kulturpolitik", die die Regierung "auf den Weg" bringen will. Mich schaudert vor so viel Unvermögen, Dinge auseinander zu halten.
    ,




    die die Regierung "auf den Weg" bringen will. Mich schaudert.

  2. 20.

    Es passt zum verklärten Berliner Zeitgeist. Es ist de facto ein Kniefall vor falscher politischer Korrektheit, ein weiterer Schritt in eine Unkultur. Daher ist der Kommentar von Sascha Adamek so wichtig, weil er richtig ist. Leider ist die (unnötige) Debatte auf einem emotionalen Tiefpunkt angekommen. Die Alice-Salomon-Hochschule hat bereits durch ihr Handeln oder Nicht-Handeln verloren, die Reputation ist dahin. Wenn ich dazu unreflektierte Beiträge wie von "rbb-24-nutzer" lese, die definitiv der Kaste der selbsternannten Kulturwächter angehören, bedarf es eines Gegenpols - eigentlich. Doch sehe ich Hopfen und Malz verloren, wenn er folgendes schreibt: "An einer Hochschule bzw. dem Gebäude hat solche unreflektierte, maskulinistische feuchte-Träume-Lyrik nichts zu suchen." Mich dünkt, Herr "rbb-24-nutzer" versucht mit seinen Äußerungen ultrakonservativen Katholiken und Imame noch zu übertreffen. Vermutlich sieht er im Gedicht eine versteckte Aufforderung zur sexuellen Belästigung.

  3. 19.

    Bitte überfordern Sie nicht die Erde. Nebenbei bemerkt, überall wo Wüste ist, haben sich Frauen unterzuordnen und Schwule und Lesben gibt es schon gar nicht. Es ist schon schwer genug, wenn man wissend und doch bitte dumm/gehörig sein soll.

  4. 18.

    Liebe Genderwahnfantiker und Sprachverstümmler , es gibt keine Geschlechtsneutralität! Die Natur hat das einfach nicht vorgesehen, ob es euch passt oder nicht.

  5. 17.

    Das eine ist der eingeforderte Rechtsanspruch, das andere die davon unterschiedene Sensibilität. Beides ist nicht identisch.

    Nehmen wir es alltagspraktisch: Jeder Mensch hat ein Gefühl dafür, wem er in welcher Situation etwas sagt und wem er etwas nicht sagt opder anders sagt. Das hat nichts mit einer Verknotung des Gehirns zu tun oder mit Selbstzensur, sondern mit Intuition.

    Hier ist es analog, wenngleich mich das eben - im Endeffekt, siehe meinen Beitrag - von der Konsequenz, die daraus zu ziehen wäre, nicht überzeugt hat. Da hoffe ich auf wirkliche Einfühlung und nicht auf sprachtheoretische Ableitung.

  6. 16.

    Ich finde die Hinweise der rbb-Mitarbeiterin auf das Gefühlsleben der Studentinnen enorm bedeutsam, weil Sensibilität in den Fachbereichen der Alice-Salomon-Hochschule und im späteren Berufsleben einen hohen Stellenwert einnimmt. Praktizierte Gleichberechtigung erfordert in dieser Angelegenheit Tolereranz und Freiraum für die Gefühlswelt von Frauen, die mit männlicher Intelligenz nicht zu verstehen ist. Diese Hochschule ist ein notwendige Bildungseinrichtung zum Wohle der Gesellschaft und kein Musenzentrum.

  7. 15.

    Gut, dass der rbb jetzt mal ein Pro und Contra zu dieser Debatte veröffentlicht. Die Debatte zeigt, dass das Thema viele Menschen bewegt. Wo aber bleibt im rbb-Fernsehen die Sendung, die dieses wir auch andere interessante Thema mal etwas breiter beleuchtet. Warum gibt es inzwischen Kritik an der Genderforschung? Ist diese berechtigt oder nicht? Sind die Vertreter_innen dogmatisch oder nicht? Warum benutzen sie so eine merkwürdige Sprache? Was gehört zum Umgang zwischen Mann und Frau und wann wird es sexistisch? Wo gibt es Benachteiligungen von Frauen und warum? Sind die Gründe nur sexistisch?
    Beim mdr würde die Sendung "Fakt ist" sicher solch ein Thema aufgreifen. Beim rbb-Fernsehen gibt es keine Diskussionssendung zu gesellschaftlich interessanten Themen, kein Bürgergespräch. Warum nicht?

  8. 14.

    Das es nicht nur auf das Ob, sondern auch auf das Wo ankommt finde ich eher nicht. Mir Ausnahme von Toilettengängen z.B. sollte alles, was überhaupt statthaft ist, eben auch überall statthaft sein, besonders, wenn öff. finanziert - was auf Toilettengänge auch eher selten zutrifft (Galadiner).
    "Auch fühlten sich einige Frauen unwohl angesichts einer nahegelegenen, männlich dominierten U-Bahnstation: "
    Eine Aussage zum Nachdenken - daß es in unserer Gesellschaft "mannlich dominierte U-Bahnstationen" gibt, ist mE eher ein Problem, das man allerdings nicht mit einem Eimer Farbe beheben kann.

  9. 13.

    Den Ulbricht aus der Gruft zu holen, kann schnell zu beabsichtigten Mißverständnissen führen. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole, mein Ehrenwort.

    Wie wäre es denn, wenn jeder der hier anwesenden Stammkunden und Kiebitze seine eigene Gedichtinterpretation postet?

  10. 12.

    Achso, es hat also gar kein monatelanger öffentlicher Diskurs stattgefunden - stattdessen wählen Sie, Herr Adamek, ein martialisch-militärisches Vokabular, wenn Sie von "Kulturkampf" und "brutal" reden. Was ist an Diskussionen bitte brutal oder ein Kampf?

    Nerudas und Gomringers Werke findet schön, wer will. Kritik ist aber schöner als Anbetung, Hypothese schöner als Dogma. An einer Hochschule bzw. dem Gebäude hat solche unreflektierte, maskulinistische feuchte-Träume-Lyrik nichts zu suchen.

    Den insinuierten Diktaturvergleich u. die damit einhergehende Verharmlosung können Sie sich gleichermaßen sparen.

    Wer keine Argumente hat, muss eben auf Diffamierung Andersdenkender setzen, so wird die ASH von Ihnen als nur noch vermeintliche "Bildungseinrichtung" dargestellt - Pluralismus sieht anders aus.

    In anderen Debatten um Integration, wird "den" Moslems gerne pauschal Sexismus vorgeworfen. Die Debatte hier zeigt den verbreiteten, manifesten Sexismus auf.

  11. 11.

    Danke für die Nennung dieses Aspektes, dass es nicht nur um das Ob, sondern gerade um das Wo geht. Dies ist ein grundsätzlicher Aspekt, der in dieser Gesellschaft nahezu durchgängig zu kurz kommt. Von daher darf die Kontroverse nicht zu einseitig und zu entschieden geführt werden. Das gilt in meinen Augen für beide Seiten.

    Dennoch denke ich, dass es auf das Verhältnis zur Sprache ankommt, in welchem Kontext das Gedicht gesehen wird. Aber gewiss: Da bin ich Mann.

  12. 10.

    Sehr geehrte Frau Priess,
    ich kann Ihre Gedanken nachvollziehen, gleichwohl verstehen kann ich sie nicht. Es kann doch nicht wirklich normal in unserer heutigen Gesellschaft sein, in jede Banalität etwas hinein zu interpretieren. Hier ist es die angebliche Tatsache, dass Frauen zu Anschauungssubjekten oder gar Anschauungsobjekten degradiert würden. Ist denn dem so? Wollen diese Frauen nicht später im Berufsleben ihre wohlverdiente Anerkennung erfahren? Beruhend auf Wissen, welches sie in eben dieser Schule erlangt haben. Gerade unter diesem Gesichtspunkt finde ich das Gedicht sogar sehr passend gewählt. Manchmal verhilft schon eine kleine Änderung der Pespektive zu völlig neuen Blickwinkeln.
    Freundliche Grüße, Steffen

  13. 7.

    In Deutschland wurden schon einmal Bücher verbrannt.

  14. 6.

    Endlich wird mal wieder ordentlich "Unkultur" abgeräumt. Hitleristen, Stalinisten und Islamisten können sich nun verstärkt entfalten.
    Räumt bitte auch die Berliner Museeen auf, viele alte Männer( einige uralt, weil schon lange verstorben) haben dort ihre sexistischen Machwerke mit leicht-und unbekleideten Humandarstellungen hinterlassen. Es muss ja nicht gleich alles auf dem Bebelplatz verfeuert werden, der Kram kann in die Ursprungsländer( Italien, Niederlande, Ägypten usw.) zurückgeschickt werden; einige Staaten fordern doch häufig ihr "Kulturgut" zurück.

  15. 5.

    Nicht Kulturkampf - sondern Kulturkampf!

  16. 4.

    Was für eine kleingeistige Intoleranz gegenüber der literarischen Kunst hat in der Hauptstadt Deutschlands die Macht ergriffen!

  17. 3.

    Schade um diese wunderschöne Liebeserklärung an Alleen, Blumen und Frauen!
    Schade um die Poesie im Alltagseinerlei!

  18. 2.

    Es geht doch gar nicht um das Gedicht an sich!
    Als ich von der Debatte um das Gedicht "Avenidas" des Lyrikers Eugen Gomringer zum ersten Mal las, dachte ich im ersten Moment: Wie banal ist das denn. Ein Gedicht ist Kunst und: Mir gefällt essogar, ich finde es sehr poetisch. Ich persönlich denke weder, dass es frauenfeindlich, noch, dass es sexistisch ist. Aber in der aktuellen Debatte geht es doch gar nicht um das Gedicht an sich, sondern um dieses Gedicht in riesengroßer Schrift an der Fassade einer Fachhochschule. Es geht es um das Gefühl junger Menschen, vornehmlich der Frauen, die berechtigterweise jeden Tag mit dem Anspruch in die Alice-Salomon- Hochschule gehen, sich dort professionell und ja, so geschlechtsneutral wie möglich und nötig, ausbilden zu lassen. Dass sich Studentinnen damit unwohl fühlen, sich an der Hauswand ihrer Schule als Musen bewundert zu sehen, kann ich nachvollziehen. Über dem Eingang des RBB würde ich derlei Zeilen auch nicht haben wollen! Sabine Priess

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