Symbolbild: Die Fassade der Alice Salomon Hochschule soll übermalt werden. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Kommentar | Pro Gedicht-Übermalung - Sei nicht still, sei nicht schön, gib Dich nicht hin!

Das umstrittene Gedicht an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule wird übermalt. Wo sollte mit Stereotypen aufgeräumt werden, wenn nicht an einer Hochschule, noch dazu an dieser! Ein Kommentar von Jörg Albinsky

Ach wie schön. Poesie. Da prangen über Jahre an einer Fassade Verse, die Frauen mit Blumen und Alleen assoziieren. Man spürt förmlich den zarten Geruch in den Zeilen, das wehende Kleid, die sanfte Anmut, und, etwas im Hintergrund, den Galan, der schmachtend die Szenerie betrachtet. Das alles schlicht und in großen Lettern wie ein Barcode an der Gebäudeseite. Ein paar säuselnde Sprüche im scharfkantigen Hellersdorf, eine unverfängliche Wärme im kalten Ostwind. Das wenigstens, wird man ja wohl noch an eine Wand schreiben dürfen.

So ist die Welt für Sozialarbeiter, Erzieher und Pädagogen nicht

Nein, darf man nicht. Nicht an der Fassade einer öffentlichen Fachhochschule, die Sozialarbeiter, Erzieher und Pädagogen auf ihre Arbeitswelt vorbereitet. Eine Welt mit Menschen in den widersinnigsten, verzweifeltsten und schwierigsten Lebenslagen. Eine Welt, in der Frauen nicht zwangsläufig gut riechen und Bewunderer als kriminelle Stalker daherkommen, eine Welt mit vernachlässigten Kindern, dickleibigen Schwulen, vereinsamten Angestellten und Rentnern mit offenen Beinen.

Für den Umgang mit diesem Teil der Welt werden die Studierenden hier ausgebildet. Und bevor sie über Grenzen der Sterbehilfe, verrenkte Schultern, Anzeichen für Suizidgefährdung und Läusebefall reden, tanken sie nochmal Kraft im Leitspruch der Alma Mater: Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen – die Welt könnte so schön sein.

Es gibt mehr als dieses heteronormative Gesabber

Barbarei, ruft empört eine Kulturstaatsministerin, als die Entscheidung zum Übertünchen gefallen ist. Kunst und Kultur brauchen doch Diskurs. Aber worüber soll hier debattiert werden? Über ein Narrativ, dass schon in den 70ern das Zeitliche gebenedeite? Sollen wir ernsthaft im Jahr 2018 darüber sinnieren, dass das Bild der schön-sanften Frau als alleintaugliches Anbetungsobjekt ausgedient hat? Dass Studentinnen sich derart billige Reduktionen verbitten? Dass Schwule an einer Sozial-Hochschule nicht willkommen sind? Dass es mehr zwischen Rabatten und Alleen gibt als dieses heteronormative Gesabber. Regt die Altherren-Lyrik wirklich noch an oder nur noch auf?

Das Gedicht gehört in Bücher

Das ist Berlin: Die Studierenden, und in Folge der Akademische Senat, haben das Gedicht dahin verbannt, wo es hingehört – in Bücher, die kaufen kann, wer will. In Hellersdorf wird nicht angebetet, hier wird studiert, gezweifelt, mitgefühlt und hinterfragt. Alice Salomon war so. Sie hat gegen mächtige Widerstände diese Lehranstalt 1908 gegründet, auf dass Frauen nicht länger als Wohnstuben-Zierrat und sanfte Gebärbehältnisse ihrer Männerwelt dienen. "Arbeit", sagt Salomon bei der Eröffnung ihrer Schule, "das heißt nicht Beschäftigung, nicht Zeitvertreib, sondern eine Tätigkeit, die nicht nur ihre Zeit – sondern auch ihre Gedanken, ihr Interesse in Anspruch nimmt." Sie sagt es als Frau zu anderen Frauen. Als Reformerin und Wissenschaftlerin.

110 Jahre später droht an ihrer Schule eine Inschrift: Sei still, sei schön, gib dich hin.

Um es klar zu sagen: Herr Gomringer kann dichten, was er will. Und jeder kann es gut oder schlecht finden. Aber nicht hier, nicht an dieser Fassade. Setzt ein Zeichen. Übermalt es. Weg damit.

Sendung: Inforadio, 25.01.2018, 00.03 Uhr

Beitrag von Jörg Albinsky

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49 Kommentare

  1. 48.

    Schade, dass ich kein Haus in Berlin besitze. Ich würde dem Dichter gern anbieten, sein Gedicht auf dessen Fassade schreiben zu lassen.
    Das schreibe ich als Frau, die selbstbewusst genug ist, ungewollte Übergriffe abzuwehren als auch freundliche Komplimente anzunehmen. Dazu brauche ich weder eine metoo-Debatte noch andere Leute, die mir erklären wollen, wie ich zu denken habe.
    Ich wünsche den Studierenden und der Hochschulleitung, dass sie über echte Probleme aus ihrem Bereich - Pflegenotstand, Obdachlosigkeit, Kinderarmut (nur beispielhaft) nachdenken können und sich nicht an völlig harmlosen spanischen Worten hochziehen.

  2. 47.

    Libertas para las artes! Cuando pienso en Alemania por la noche, estoy a Pinto de dormir !

  3. 45.

    Ein Paradebeispiel für „identity Politics“, die schon in den USA den Nährboden für die Wahl Trumps gebildet hat. Meinen Sie im Ernst, die Diskussion um derlei Gedöns hat auch nur im Entferntesten mit den Problemen in diesem Land zu tun? Aber dann nicht wundern, wenn die rechtspopulistischen Rattenfänger immer stärker werden.

  4. 43.

    Sind unsere Hochschulen nicht der Freiheit (auch der Kunst ) verpflichtet? Und nicht etwa der Zensur. Mag es übertrieben sein, aber wann werden an dieser Schule die ersten Bücher verbrannt?

  5. 42.

    Wußte garnicht, daß der rbb zu so schöner Poesie fähig ist. Hoffnung wo bisher keine war? Eine Blumenallee mit Frauen zu vergleichen, finde ich sehr schön. Meine Frau wäre dann ein buntpunktiger Primelweg. Wenn ich allerdings KGE sehe, assoziiere ich das eher mit einer Wüstenstraße bei El-Alamain und C.Roth mit einer Dampfwalze beim Abbruch.

  6. 41.

    Lieber Jörg Albinsky, das Gedicht ist nichts weiter als eine Momentaufnahme, ein Stimmungsbild, zudem ein subjektives. Es beschreibt keinweswegs das ganze Universum des Menschlichen. Wenn z.B. eine Frau einen Mann küsst, dann küsst sie nicht - quasi stellvertretend - für sämtliche Frauen dieser Welt sämtliche Männer dieser Welt.
    Ich werde weiterhin eine Frau bewundern, wenn mir danach ist.

  7. 40.

    " Ein paar säuselnde Sprüche im scharfkantigen Hellersdorf, eine unverfängliche Wärme im kalten Ostwind. Das wenigstens, wird man ja wohl noch an eine Wand schreiben dürfen.

    So ist die Welt für Sozialarbeiter, Erzieher und Pädagogen nicht."

    Diese drei Sätze belegen in meinen Augen, wie weit Sozialarbeiter, 'Erzieher und Pädagogen von ihrem Beruf ertränkt werden und wieweit sie befähigt sind, ihren Beruf aus einer gewissen Distanz mit anderen Augen zu sehen. Die hilflosen Helfer sind sprichwörtlich geworden. Das sind die Ertränkten.

    Im Grunde genommen geht es um die Frage, ob technische Gebrauchsanweisungen ausschließliche Leitlinien darstellen, die Sachverhalte lückenlos beschreiben und keinerlei Anstoß erregen oder ob wohltuende Entfernung Platz greifen darf. Rockefeller hat sich ein Revolutionsbild in seiner Zentrale malen lassen. Das hat ihn nicht zum Menschenfreund gemacht, eher zum Durchhalten in der Welt berauschter Zahlen verholfen.

  8. 39.

    "Sei nicht still, sei nicht schön, gib Dich nicht hin!"
    übersetzt bedeutet das dann: Rede immer laut, kleide dich wie eine Nonne, kein Sex mit Männern!
    Weil sonst ist die Unbeflecktheit der Frau verletzt.

  9. 38.

    "Heteronormatives Gesabber", "das Zeitliche gebenedeit", da hat jemand kräftig im Synonymwörterbuch geblättert und stilsicher die unpassendsten Formulierungen herausgepickt. So kann man Inhaltsleere auch überdecken.

  10. 37.

    Ergebensten Dank, dass Sie mir dummem Weibsstück erklären, wie ich mich zu fühlen habe, wenn ich auf einen Mann treffe, der seiner Bewunderung und Vorliebe für Frauen (in diesem Falle: alle Frauen, alte, junge, schöne, häßliche, dicke, dürre, dumme ...) Ausdruck verleiht.

    Hoffen wir alle, dass er solche Übergriffe künftig unterlässt. "Frauen sind schön" zu sagen, ist wirklich wie eine Gruppenvergewaltigung in einer dunklen, schmutzigen Ecke an einem Regenabend.

  11. 36.

    Super Beitrag! Wenn Genderwahn, dann richtig. Aber daran sieht man, dass unsere Sprachvergewaltiger nur Ideologen sind.

  12. 35.

    Ich zitiere Sie: 'Setzt ein Zeichen. Übermalt es. Weg damit.'
    Dann sollten wir auch ganz schnell den Islam abschaffen.
    Bitte sich nicht hier auf Frauen und Schwule berufen, schauen Sie bitte in den Koran. Es ist absurd, eine Farce. Dummheit können Sie uns nicht eintrichtern.

  13. 34.

    Wenn das Gedicht übermalt wird, habe ich einen Vorschlag, welchen Spruch man danach auf die Hauswand pinseln könnte - und dieser Spruch ist allgemeingültig, zeitlos und vollkommen frei von Sexismus:

    "Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." A. Einstein

  14. 33.

    Toleranz heißt 'etwas Ertragen'! Auch das schaffen die Feminismusultrarinnen unter den Studierenden nicht!! Vielleicht ist es diesen WeltverbesserInnen noch nicht so richtig klar geworden, dass sie später auf Klienten treffen werden, die keinen Bock auf jede Form von Gedichten und sozialer Betreuung haben!! Und letzteres vielleicht auch, weil sie keinen Respekt vor Frauen haben!!

  15. 32.

    Der Kampf gegen den vermeintlichen Sexismus gerät zur blinden Ideologie und wieder muss ein Stück Freiheit dran glauben. Armes Berlin. Armes Deutschland.

  16. 31.

    Schön, dass der RBB - anders als etwa das Deutschlandradio KULTUR - Pro und Contra benennt und nicht in hysterische Diktaturformeln verfällt. Als wenn mit dem Gedichtgraffito auch die Kunstfreiheit übermalt würde. Mein Kompliment für eine ausgewogene Darstellung!

  17. 30.

    Als schwuler Mann fühle ich mich durch Ihren Beitrag beleidigt und durch die Aussage, dass Gedicht sei sexistisch, als Mensch diskriminiert und diffarmiert. Ich empfinde das Gedicht als Kompliment.
    Im rbb-Artikel "Hochschule lässt umstrittenes Gedicht übermalen" heißt es, dass Gedicht soll durch eines einer Frau übermalt werden. Das haben Sie hier hübsch vergessen zu erwähnen!? Damit ist die Aktion der Asta und des Hochschulsenats sexistisch, egal, was da an die Wand kommt. Wer Toleranz fordert, muss auch Toleranz bieten!
    Und wie wäre es, wenn Sie mal Bewunderin in einen Übersetzer eingeben (mein Spanisch ist nicht so gut) - blöderweise erhalte ich IMMER das Wort "admirador", egal welcher Translator. Es könnte also auch eine Bewunderin sein.
    Vielleicht sollten Studierende, vor allem die sich ein sozial schwieriges Thema auswählen auch einen Blick für das Schöne behalten. Wie sollten sie sonst z.B. die Schönheit in einer Kinderzeichnung erkennen können.

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