Archivbild: Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, aufgenommen am 13.11.2017 in Berlin. (Bild: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Kulturradio | 23.01.2018 | Bild: dpa/Britta Pedersen

Sexismus-Debatte um Berliner Fassade - Hochschule lässt umstrittenes Gedicht übermalen

Ein angeblich frauenfeindliches Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf sorgt seit Monaten für Streit. Jetzt hat die Leitung entschieden: Es wird übermalt. Der Dichter ist empört.

Die Alice Salomon Hochschule in Berlin will ein angeblich sexistisches Gedicht an ihrer Fassade übermalen. Der Akademische Senat beschloss am Dienstag mehrheitlich, statt des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer ab dem Herbst die neue Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler mit Verszeilen zu Wort kommen zu lassen. In fünf Jahren käme dann erneut ein Wechsel.

"Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer" - über diese Zeilen aus dem Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer hatte es seit Monaten Streit an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule gegeben. Der Fall hatte auch international Aufsehen erregt.

Zu lesen sind die auf Spanisch verfassten Zeilen an einer Fassade des Gebäudes in Berlin-Hellersdorf. Kritiker aus der Studentenschaft sagen, das Gedicht transportiere ein stereotypes Männer-Frauen-Bild, das an einer so exponierten Stelle einer modernen Hochschule nicht gerecht wird. Letztlich sei es sexistisch.

Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer

Eugen Gomringer, "Avenidas"

Gomringer selbst kritisierte die geplante Entfernung seines Gedichts nun scharf.  "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", sagte der 93-Jährige am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Er behalte sich rechtliche Schritte vor.  Gomringer sagte weiter, letztlich gehe es den Verantwortlichen um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen political correctness.

Der Deutsche Kulturrat, Spitzenorganisation von 250 Bundeskulturverbänden, reagierte "erschüttert". Geschäftsführer Olaf Zimmermann sagte der dpa:  "Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine Hochschule, die selbst Nutznießer der Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ist, dieses Recht dermaßen mit Füßen tritt."

Die Hochschule verteidigte ihre Entscheidung dagegen. Für sie bedeute das Votum "ein klares Bekenntnis zur Kunst", sagte Rektor Uwe Bettig am Dienstag. Die Hochschule teilte zudem mit, sie werde Gomringers Wunsch nachkommen und auf einer "Tafel" in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern. Der Lyriker selbst hat dafür "drei Plakate" gefordert.

Frauen in dem Gedicht nur Musen

Angehörige der Hochschule – insbesondere aus dem Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) hatten moniert, das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. Dieses Gedicht, so die Kritik, anzuschauen, wirke wie "eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potenziell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können", hieß es. Frauen würden darin nur als schöne Musen dargestellt, die dem männlichen Künstler zur Inspiration dienten.

Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung

Die Alice Salomon Hochschule im Berliner Stadtteil Hellersdorf ist eigenen Angaben zufolge mit 3.700 Studierenden die deutschlandweit größte staatliche Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen.

103 Kommentare

  1. 103.

    Das "Wegmachen" des Gedichts erinnert mich an das "Wegmachen" des Glockenspiels "Fuchs Du hast die Ganz gestohlen ... " einer vegan lebender Dame, was für Gespött in der ganzen Welt sorgte.

  2. 102.

    Das Ziel ist nicht extrem,sondern erstrebenswert,die Art und Weise ist es. Extrem ist etwas,was nicht/kaum steigerungsfähig ist und ich sehe in den Handlungen keine/kaum Steigerungsmöglichekiten.

    Den Rest hab ich schon dargelegt,interessiert dich doch eh nicht. Deine Sichtweise ist die einzige und die richtige,fertig.

    Ich kann in meiner Generation kein Erstarken eines "traditionellen" Frauenbilds erkennen und bezweifel auch,dass es bei den jüngeren so sein wird.

    Also soweit ich das jetzt weiß,gab es keine Abstimmung unter den Studenten über den Beibehalt des Werkes.

    Ich rate dir aber,deine ständigen Unterstellungen zu lassen,wo es keinen Grund dafür gibt. Ich weiß,wer ich bin und nehm daher deine Beurteilungen nur mit einem Schmunzeln hin.

  3. 101.

    Offenkundig sind Sie nicht in der Lage, eine Antwort auf Ihren "zynischen" (wohl eher ironischen) Kommentar zu verstehen.

  4. 99.

    "Über ein Beibehalten der Fassade durfte auch abgestimmt werden, allein es reizte die Wenigsten"
    Wer will nach der Debatte auch als Sexist hingestellt werden.

    Stellen Sie sich doch mal, z.B. in Spanien, an eine Alle in einem Park - oh...
    Dann sieht man noch Blumen - oh....
    Und dann auch Frauen
    Oh... ein schönes Gesamtbild.

    Ich bin schwul, also kommen Sie mir nicht mit Ihrem Diskriminierungsscheiss.

  5. 98.

    Ähem, es gibt weder "die Männer" noch "die Frauen". Dieses Unverständnis haben Sie wohl mit dem Dichter-Frauenbewunderer gemeinsam, gerade dieses Denken zementiert Machtstrukturen, die weder naturgegeben noch gerecht sind. Das Gedicht ist mir ansonsten völlig wurscht, aber dass es an einer Fassade einer Hochschule prangt, wo junge Leute ausgebildet werden, um u. a. Frauen in Notlagen (in Frauenhäusern befinden sich z. Bsp. viele, die vor ihren gewalttäitigen Partnern fliehen mussten) zu helfen, ist blanker Hohn.

  6. 97.

    Was soll denn daran extrem sein, diskriminierungssensibel zu denken und zu handeln? Es geht nicht um Bevormundung, sondern um Verringerung sozialer Ungerechtigkeiten - ein verfassungsgemäßes Ziel von Sozialpolitik und auch von z.B. Sozialer Arbeit.

    Die von mir gewählten Kommentare beinhalten die Befürwortung von Heterosexismus und -normativität. Behalten Sie Ihre Normalisierung dessen doch einfach für sich. Anerkennung ist etwas anderes als "Anerkennung" in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Gleichberechtigung kann nicht einhergehen mit Aufrechterhaltung bestehender Ungerechtigkeiten, gleiche Arbeit und meist unterschiedlicher Lohn nur als ein Bsp.

    Der Rechtsruck äußert sich seit Jahren durch das Erstarken von rechtspopulistischen Kräften, die teils explizit ein "traditionelles" Frauenbild verbreiten. Das stellt den politischen Hintergrund der avenidas-Debatte dar.

    Über ein Beibehalten der Fassade durfte auch abgestimmt werden, allein es reizte die Wenigsten.

  7. 96.

    Als nächstes sollte man alle Männer weiss übermalen, denn ohne Männer gibt es auch keinen "Sexismus".

  8. 95.

    Also ich verstehe die Kritik und kann auch deine Interpretation nachvollziehen. Allerdings ist es eben nur eine Interpretation und nicht die Eine. So eine Interpretation kommt aber nur zustande,wenn man eine bestimmte Herangehensweise hat und die ist bei jedem anders. Ich wäre darauf nicht gekommen,genauso wie viele andere. Denn nochmal,es besteht aus 4 Wörtern und lässt sehr viel Deutungsspielraum.
    Wegen einer möglichen Lesart das Gedicht zu entfernen,finde ich falsch.

    @Bernie
    es gibt un und una im spanischen,daher vermute ich mal,dass es ein männlicher Bewunderer ist

  9. 94.

    Machen Sie doch mal eine vernünftige Kurzanalyse des Textes! Warum sehen Sie in dem Text "Vergleiche"? Wie kommen Sie darauf, dass es sich bei den Frauen um "Objekte" handelt? Subjekt-Objekt-Beziehungen eindeutiger Art kommen nur durch Verben zustande, und die gibt es in diesem poetischen Text nicht. Wie kommt man darauf, der "Bewunderer" sei (a) physisch ein Mann, und müsse (b) ein Bewunderer der Frauen sein? usw. -- Hier wird allenthalben eigene Voreingenommenheit in einen Text projiziert, der dann den vorher schon gewussten Ergebnissen seiner 'Deutung' zum Opfer fällt. Das ist ein totalitärer, antidemokratischer Umgang mit Texten und sonst nichts. Im Namen der political correctness wird Lyrik zum Schweigen gebracht. Darüber müssen nicht nur AStA-Mitglieder nochmal kurz nachdenken.

  10. 93.

    Ich habe Angst vor den Folgen dieser absurden und gefährlichen Entscheidung diese Kunst an der Fassade zu vernichten.
    Außerdem erwarte ich, dass die entstehenden Kosten für diesen Unsinn die Frauen und Beführworter*innen übernehmen, die hiermit deutlich machen nicht Bestandteil unser aller Gesellschaft sein wollen. Die Dekadenz hat begonnen.

  11. 92.

    Die entscheidende Frage lautet meiner Meinung nach: "Wieviele Frauen haben sich seit Bestehen der Wandbeschriftung mit dem Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer wegen Diskriminierung beschwert?"

  12. 91.

    Ist die Kritik wirklich so schwer zu begreifen? Frauen werden in dem, aus meiner Sicht ansonsten sowieso ziemlich einfallslosen Gedicht verallgemeinernd zu Objekten degradiert. Ein ziemlich plattes Blabla, das ganz bestimmte Ansprüche durch die dämlichen Vergleiche mit Blumen und Alleen (Bäume, schick aufgereiht, hoch gewachsen .... perfekt von Menschen/Männern geplant und angeordnet zum Zwecke der Straßenverschönerung)an Frauen stellt. So als wären sie eine gleichförmige, ähnlich formbare Masse. Das kann man in der Tat sexistisch nennen. An der Häuserwand einer Hochschule jedenfalls, wo das Denken über derlei Zusammenhänge keine Überforderung darstellen sollte, hat solch ein Frauenbewunderer-Erguss eben deswegen nichts zu suchen.

  13. 90.

    Wer hat um Himmels Willen diese unerträgliche und an den Haaren herbeigezogene Diskussion um dieses Gedicht angefangen?! Ich bin fassungslos wegen der Entscheidung, es zu entfernen!

  14. 88.

    Vermutlich Kritikerneid von Studenten, die nicht bewundert werden. (weil sie keine Frauen sind)

  15. 87.

    Da bin ich jetzt richtig heiss 'drauf was Wischmeyer dazu sagt.

  16. 86.

    Ich finde solch eine extreme Weltanschauung weltfremd. Extreme sind nie gut und hier wird ebenso über das Ziel hinausgeschossen. Trotzdem soll jeder danach leben,der damit glücklich wird,solange man nicht versucht seine Überzeugung anderen überzustülpen. Daran hab ich aber oft meine Zweifel.

  17. 85.

    Mir war schon klar,auf welche Beiträge du dich beziehst. Schade,dass du mir die Frage nicht direkt beantwortet hast. Aber nach deiner folgenden Äusserung muss ich wohl davon ausgehen,dass du der Meinung bist,Frauen wollen nicht bewundert werden. Deine Meinung. Lass ich dir gerne.
    In Beitrag 43 interpretierst du etwas rein,was dort gar nicht steht. Ohne Bewunderung wird es schwer mit Kindern,mehr steht da nicht. Hat ich aber schon erklärt. Niemand wird ernsthaft Liebe mit Feminismus vergleichen.


    Es ist natürlich ein Unterschied,ob eine Fassadenneugestaltung eh ansteht oder ob man diese extra durchführt,um das Gedicht verschwinden zu lassen. Letzteres würde meine Meinung bestätigen. Was das mit einem Rechtsruck zu tun hat,erschließt sich mir auch nicht.

    Ob die Mehrheit der Studenten hinter dieser Entscheidung steht,ist fragwürdig. die geringe Teilnahme an der Abstimmung für die neue Gestaltung spricht jedenfalls nicht dafür.

  18. 84.

    Sollte das Gedicht wirklich übermalt werden fände ich es nicht richtig, einen Malerbetrieb mit einer solchen Barbarei zu beauftragen. Menschen, die mitten im Leben stehen, hätten hier sicher Gewissensbisse. Vielmehr sollten die AStA-Mitglieder hier selbst tätig werden. Es dürfte dann das erste Mal in ihrem Leben sein, dass sie mit Arbeit in Berührung kämen.

Das könnte Sie auch interessieren