Rainald Grebe bei den Vorbereitungen zu "fontane.200" (Quelle: schaubuehne.de)
Audio: Inforadio | 12.01.2018 | Interview mit Rainald Grebe | Bild: schaubuehne.de

Interview | Theaterstück von Rainald Grebe - "Der Fontane-Genuss, von dem alle sprechen, kam bei mir nicht"

2019 wird der 200. Geburtstag von Theodor Fontane gefeiert. Rainald Grebe widmet den Vorbereitungen des Jubiläums schon jetzt einen Abend an der Berliner Schaubühne. Im Interview erzählt er, was ihn mit Fontane verbindet - und was ihn wahnsinnig macht.

rbb: Herr Grebe, das Fontane-Jahr ist erst 2019, aber Sie wissen jetzt schon genau, wie es wird, oder?

Rainald Grebe: Nein, wir bereiten das ja vor, genauso wie die Planer auch – das ist alles im Fluss.

Es gibt ja viele Mitspieler im Land Brandenburg und auch darüber hinaus, die sich jetzt auf Fontane stürzen. Wie ist es bei Ihnen gewesen: War der Anlass Fontane oder das Jubiläum?

Das Jubiläum war der Anlass. Ich habe tatsächlich eine Anfrage bekommen von der Programmkommission aus Potsdam, dass ich da mitmachen soll - ohne genaue Vorgaben. Es war wie eine Wildcard. Dann hab ich mir das angehört und da ist mir das Stück eingefallen – was aber jetzt gar nicht im Programm ist. Es ist ja ein Jahr vorher, das Stück bereitet das sozusagen vor. Es kann sich auch noch ändern, wir spielen das ja noch länger. Mal sehen, was da bei der Programmkommission noch passiert – es ist ja alles noch in Planung.

Es ist also ein Stück im Fluss, das sich quasi live mitverändert?

Ja, im besten Falle schon. Man kann Sachen austauschen, falls wir das dann nächstes Jahr noch spielen - das wird also interessant.

Und falls Sie das auch in Neuruppin spielen? Haben Sie davor Angst?

Nein, keine Angst. Wir haben sogar Anfragen bekommen aus Neuruppin und Rheinsberg – möglicherweise gastiert die Schaubühne in dem Fall mal nicht in Tokyo oder New York, sondern in Rheinsberg.

Wie ist es für Sie beim Lesen von Texten von Fontane? Was hat Sie angesprochen, was war ganz weit weg?

Für mich war fast alles ganz weit weg. Da habe ich große Probleme gehabt, das gebe ich zu. Ich habe viel gelesen und hatte Schwierigkeiten, das auf meine Lebenssituation und die heutige Zeit runterzuladen. Das ist sehr 19. Jahrhundert. Deshalb habe ich viele Sachen auch in der Zeit gelassen, auch mit den Mitteln der Zeit gearbeitet: Zinnsoldaten, Papiertheater oder Puppenspiel. Wenn es etwas Heutiges hat – aber was heißt das schon? - dann merkt man das auch.

Wenn Ihnen das so fremd war, was hat Sie dann angesprochen?

Das sind immer nur Rudimente. Es gibt in einem Roman von 300 Seiten vielleicht eine Seite, die mir reingefahren ist - und das ist vielleicht auch normal. Viele Sachen sind sehr in der damaligen Zeit verhaftet. Bei Fontane tauchen in jedem dritten Satz irgendwelche Fremdwörter auf oder Begriffe aus der Zeit, die man nur damals verstehen konnte oder die vielleicht nur Wissenschaftler richtig rezipieren können, weil da so viel Zeitkolorit verarbeitet worden ist. Dieser Genuss, von dem man bei Fontane immer spricht, kam bei mir eher nicht. (lacht) Man muss sehr viel arbeiten, um das irgendwie an sich ranzukriegen.

Fontane macht viele Dinge gleichzeitig gut: Kriegsberichterstatter, Reiseschriftsteller, Romanautor – und dann ist er auch noch jemand, der gerne ins Theater geht. Finden Sie das toll, dass jemand innerhalb weniger Sekunden zwischen den Genres switchen kann? So zeigen Sie es ja in dem Stück.

Seine Biographie liegt mir sehr nahe: der prekäre Autor, der bis ins hohe Alter - also bis 60, 70 - immer plus minus Null war mit den Finanzen und immer schauen musste, wo er bleibt. Es war ein ständiger Kampf ums Überleben, als Ich-AG quasi. Er hatte tatsächlich auf seinem Schreibtisch immer zehn Projekte gleichzeitig und hat immer hin und hergeswitcht, das war ganz normal für ihn, ein Leben lang. Wenn man sich seine Briefe anschaut, den Briefwechsel mit seiner Frau zum Beispiel, war das ein ewiger Kampf ums Überleben. Seine Frau hat immer sehr darauf gepocht, dass er die Miete nach Hause bringt. Da waren die Rollen noch klar verteilt, es gab immer wieder Reibereien zwischen den beiden. Das taucht dann auch im Stück auf.

Sie sind eigentlich für ganz andere Dinge bekannt – aus dem Fernsehen, als Liedermacher. Wie ist es dann für Sie, mit einem Ensemble wie dem der Schaubühne Theater zu machen? Arbeiten Sie da anders?

Natürlich bin ich vor allem bekannt für die Songs, aber ich mache ja schon lange Theater - und das muss ich den Schauspielern auch klar machen, die mich nicht aus der Theaterarbeit kennen: Ich mache hier keine Comedyshow, sondern das hier ist ein Theaterstück, ein Theaterabend. Wenn man sich erstmal in der Arbeit kennenlernt, dann merkt man das auch, glaube ich.

Manche Leute haben gesagt, und das ist in gewisser Weise sicher auch Teil Ihres Marketings, er hat das Brandenburg-Lied gemacht und jetzt muss er quasi Abbitte leisten, indem er sich ganz intensiv einem Autor aus der Mark zuwendet. Da können jetzt auch andere Regionen sagen: Wir haben hier auch bald ein Jubiläum. Lassen sich so bestimmte Prinzipien Ihrer Arbeit anderswohin verpflanzen?

Das habe ich natürlich im Hinterkopf. Ich wurde ja von den Leuten aus Potsdam auch auf Grund des Brandenburg-Liedes angesprochen. Wie Fontane auch, verbindet man das jetzt mit mir. Brandenburg – Fontane, Fontane – Grebe; das ist jetzt ein Synonym, nicht wahr? Aber das ist natürlich auch nur ein Aufhänger. Es geht dann wirklich um Fontane, um die Lebensgeschichte und verschiedene andere Dinge.

Wenn jetzt nicht von außen ein Auftrag oder eine Idee kommt, was muss dann ein Text haben, der nicht von Ihnen stammt, damit Sie sagen: Ja, daran will ich arbeiten?

Die Ehe-Briefe haben mich zum Beispiel beeindruckt, weil sie sehr direkt sind, weil man die Menschen spürt, die sich nichts geschenkt haben, die aus der Form des 19. Jahrhunderts herausgebrochen sind und sich richtig beschimpft haben, aber trotzdem noch zusammengeblieben sind. Es gibt bei jedem Roman, ein bis zwei Seiten im "Stechlin" zum Beispiel, gewisse Teile, die richtig reinfahren. Wenn es zum Beispiel um den Zeitenwechsel geht, um den Untergang des Adels, merkt man schnell, ob es einen beeindruckt oder ob es einen kalt lässt. Das ist ein riesiges Konvolut von Texten, das man da beim Absurfen der Romane und auch der anderen Texte absurft – allein die Ehebriefe haben 1.500 Seiten.

Das haben Sie aber nicht alles gelesen…?

Doch, ich habe sie alle gelesen. Mach daraus mal'ne Szene, ein Exzerpt von fünf bis zehn Minuten! Das war die Arbeit: die vielen Texte auf den Punkt zu bringen. Der Fontane hat mich wahnsinnig gemacht, weil er so viel geschrieben hat, zum Beispiel über den Deutsch-Dänischen Krieg 500 Seiten und über andere Kriege auch noch.

Ihr Modell ist es, die Vorbereitungen eines großen Jubiläums zu zeigen. Wenn Sie jetzt von anderen gefragt werden, die in Brandenburg und Berlin etwas zum Fontane-Jahr planen, was der Trick ist, um mit ihrer Fontane-Geschichte über die Wahrnehmungsschwelle zu kommen, was raten Sie denen?

Ich habe meine Zweifel, ob das Fontane-Jahr wirklich so einschlägt. Es wird ein Jahr mit vielen verschiedenen Veranstaltungen sein, aber ich habe den Verdacht, dass es doch eher regional bleibt. Berlin hat da kaum Sachen, mal abgesehen von uns jetzt und einer Sache an der Oper – aber ich glaube, das versendet sich. Es wird eher bei so lokalen Geschichten in Neuruppin und Potsdam und Cottbus bleiben.

Man muss ja auch nicht immer alles im Olympiastadion machen.

Genau, es ist ein regionales Jubiläum. Es wird sehr darauf geachtet, dass man im Land Brandenburg in die Fläche geht – und dass man dort Kulturtourismus erleben kann.

Das Interview führte Harald Asel. Hier ist es in einer gekürzten Version zu lesen. Das komplette Gespräch können Sie sich im Player oben anhören.

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