Archivbild: Andrej Hermlin und sein Swing Orchester am 08.07.2012 (Quelle: imago/Scherf)
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Audio: Inforadio | 03.01.2018 | Hendrik Schöder | Bild: imago/Scherf Download (mp3, 2 MB)

Konzertkritik | Andrej Hermlin und das Swing Orchester im Konzerthaus - Wie ein Ton gewordenes Museum

Andrej Hermlin ist einer der bekanntesten deutschen Swing-Musiker. Seit bald 30 Jahren tourt er mit seinem Swing Dance Orchestra und spielt amerikanische Klassiker der 30er und 40er Jahre. Nun war Hermlin im Berliner Konzerthaus zu Gast. Von Hendrik Schröder

Auf der Bühne im Berliner Konzerthaus sieht am Dienstagabend alles aus wie original: Die 13 Musiker der Big Band tragen Anzüge im Schnitt der damaligen Zeit, sitzen auf rot bezogenen Stühlen vor kleinen Notenpulten. Vorne stehen drei kugelige Mikrofone in 30er Jahre Optik. Unter großem Applaus kommt Andrej Hermlin dazu, mit streng pomadierten Haaren und Nickelbrille, zählt vier vor und setzt sich an den Flügel.

Post geht ab - zumindest auf der Bühne

Das Swing Dance Orchestra ist eine lustige Truppe: Zu ihren Einsätzen springen die Solisten ironisch grinsend auf, die Bläser wackeln im Takt mit ihren Instrumenten, interpretieren die Songs mit ausufernden Gesten. Und Andrej Hermlin ist ein super Gastgeber. Nach jedem Titel hüpft er vom Flügel auf, eilt zum Mikrofon und erzählt kleine Geschichten zu den großen Songs, Geschichten aus der goldenen Ära des Swing, wie der Stil eher zufällig durch eine Radiowerbung für eine Keksmarke seine große Popularität bekam.

Benny Goodman, Paul Whiteman, Glenn Miller: Die Band spielt all die Klassiker originalgetreu nach. Dazu gehört, dass sie auf Mikrofone zur Verstärkung mit Ausnahme der Gesangsmikrofone verzichtet. Dadurch ist die Band viel leiser als erwartet. Das ist irritierend, vor allem in dem riesigen, mehrere Stockwerke hohen Konzerthaus. Aber nach einer Weile haben sich alle dran gewöhnt, und auch unverstärkt geht ordentlich die Post ab. Zumindest auf der Bühne.

Lauschen-only Atmosphäre

Immer wieder kommen wechselnde Sängerinnen und Sänger auf die Bühne. Herausragend dabei ist Hermlins Sohn David, noch keine 18 Jahre alt, aber schon so elegant im Frack, steppt er augenzwinkernd über die Bühne und singt so lässig, dass er seinem Vater bald die Show stiehlt.

Das Publikum ist derweil völlig aus dem Häuschen, artikuliert das aber dem Ambiente: ehrwürdiger Saal, bestuhlt und so angemessen sehr kultiviert und zurückhaltend. Klar, die Zuschauer an diesem Abend sind im Durchschnitt wahrscheinlich um die 60.

Aber sage mir keiner, dass die keine Lust hätten jetzt aufzustehen und ein bisschen zu tanzen, statt ganz vorsichtig mit dem Kopf zu wippen. Durch diese konzertante lauschen-only Atmosphäre wirkt der Abend dann trotz aller Lockerheit und Versiertheit der Big Band doch etwas staubig. Wie ein Ton gewordenes Museum. Naja. Vielleicht muss das auch so.

Beitrag von Hendrik Schröder

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1 Kommentar

  1. 1.

    Habe die Truppe am Neujahrstag hier in der Uckermark in einer winzigen Konzertkirche erlebt, einfach Klasse! Tolle Musiker, alles mit Augenzwinker Geschichten umrahmt ... sehr zu empfehlen ...David sollte diesen Weg weiter gehen! Besser ein exzellentes Nischendasein, als ein Popsternchen von vielen ... hier macht im keiner was vor!

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