Anastassiya Dranchuk
Audio: Kulturradio | 08.01.2018 | Bild: Anastassiya Dranchuk

Anastassiya Dranchuk im Porträt - Gefördert, bewundert, ausgewiesen

Anastassiya Dranchuk ist eine gefeierte Pianistin. Wenn Sie nicht Klavier spielt, hört sie Opern, am liebsten die, in denen es um Tod und Liebe geht. In ihrem Leben geht es aktuell darum, ob sie nach 16 Jahren in Deutschland abgeschoben wird. Von Tomas Fitzel

Prokofjew, Rachmaninow, natürlich überhaupt die Russen - aber auch Liszt und Beethoven sind Anastassiya Dranchuks Komponisten für das Klavier. "Die kann ich besser verstehen, als alle anderen. Die Sprache ist mir nah. Was mich anspricht sind Struktur und Gefühl", erklärt die Star-Pianistin.

Struktur und Gefühl - insofern ist auch die Musik Schuld an diesem ganzen Behördenschlamassel. Geht es doch in der Musik auch immer um die richtige Balance zwischen den drohenden, aber auch kreativen Chaoskräften.

Die Vor- und Nachteile des Wunderkinddaseins

Anastassiya Dranchuk war ein Wunderkind mit allen Vorteilen aber auch Nachteilen des Wunderkinddaseins: Gefördert von namhaften Musikern, bewundert, aber ebenso auch eingesperrt im Kokon der Musik. Außer Üben, Üben und nochmals Üben gab es da nichts. Während ihre Eltern inzwischen eingebürgert waren, ließ Anastassiya Dranchuk diese Angelegenheit etwas schleifen. Das wird sich so richten, dachte sie - wie sich bisher auch immer alles gerichtet hatte.

Kein Pass, keine Konzerte

Dabei hat sie aber nicht mit der ordentlichen deutschen Bürokratie gerechnet: Ihre Aufenthaltsgenehmigung hing nämlich mit ihrem Studium zusammen. Als ihr drei Vorlesungen fehlten, gab sie lieber Konzerte, statt sich um Papiere zu kümmern. Dann folgte eines so unerbittlich wie das andere: erst die Exmatrikulation, dann der Ausweisungsbescheid.  

"Mir wurde der Pass entzogen von der Ausländerbehörde", sagt Dranchuk. "Ich hatte so viele Einladungen, die eine nach der anderen abgesagt werden mussten." Auch Auftritte in Deutschland, da sie die Region Berlin-Brandenburg nicht verlassen darf - bis jetzt. "Es war für mich schon ein Schlag."

Kasachisch spricht sie nicht

Warum soll die Pianistin überhaupt nach Kasachstan abgeschoben werden? Geboren ist Anastassiya Dranchuk in der Sowjetunion. Die gibt es aber nicht mehr. Kasachisch spricht sie nicht. Sie fühlt sich auch nicht als Russin: "Ich bin froh hier zu sein, und hier hab ich meine Wurzeln jetzt, hier ist ja meine Heimat letztendlich", sagt Dranchuk.  

Und dann, durch diesen bitteren Zufall, haben sich alle in Kasachstan in den Steppen getroffen.

Anastassiya Dranchuk

Ihr Urgroßvater kommt aus der Ukraine, der andere Familienzweig aus dem Ural, und sie wurden alle von Stalin als Volksfeinde nach Kasachstan deportiert. Wo dann ein großer Teil der Familie ums Leben kam, im Gulag und als Zwangsarbeiter. Und jetzt will sie eine deutsche Behörde in dieses Land zurückschicken. Das letzte Jahr war für sie auch so etwas wie eine Art Zwangsverbannung, sagt sie. "Das hat die Beziehung zum Leben verändert, weil da wurde ich ja an einen bestimmten Ort gebunden. Dieser ganze Erfolg, das Umherfliegen wurde mir auch entzogen, da musste ich auch zur Ruhe kommen. Aber scheinbar braucht man so eine Zeit, um zu sich selber zu kehren, und zu verstehen: Was will ich eigentlich und was ist denn mein Weg?", sagt Dranchuk.  

Das Produktive der Krise

Es mag ein wenig zynisch klingen, aber der Vorteil eines Künstlerlebens ist, dass Krisen so schwer sie sind, produktiv werden können. Ein Jahr lang spielte Anastassiya Dranchuk nur allein für sich, ohne einen Gedanken an Auftritt, Publikum und Beifall und dies hat ihre Beziehung zur Musik enorm intensiviert. "Ich bin stärker geworden und ruhiger. Und das war das Beste, was man daraus lernen kann aus dieser Zeit", sagt Dranchuk.

Opern sind ihre Leidenschaft

Wenn sie nicht Klavier spielen würde, würde sie sehr gern singen, sagt Dranchuk. "Mezzosopran, Sopran, ich hab drei Oktaven Umfang." An Selbstbewusstsein fehlt es ihr nicht, aber das ist an ihr auch sympathisch, dass sie daraus auch gar keinen Hehl macht.

Ihr Blick auf die hehre Kunst und die Welt der Konzertpianisten ist grundsolide. Deswegen: Jetzt nochmals ganz neu anfangen und das Klavierspielen zugunsten des Gesangs hintenanstellen? Da ist ihr das Risiko zu groß. So singt sie nur zu Hause. "Übend singe ich auch Stücke, die ich spiele - das hilft beim Üben und ist für alle Instrumentalisten sehr empfehlenswert. Bei allen Instrumenten ist es so oder so: Wir versuchen nur diese Stimme nachzumachen. Ich liebe Oper, ich kenne fast alle auswendig und habe sie auch als Kind sehr gemocht. Ich war immer mit meinen Kopfhörern unterwegs und anstatt mir Klaviermusiken anzuhören, habe ich mir immer Opern angehört, das war meine Leidenschaft, bleibt es auch. So etwas, wo es um den Tod und die Liebe geht."

Jetzt geht es nicht um Leben, Liebe oder Tod, sondern nur um eine einfache Entscheidung: Darf Anastassiya Dranchuk in Deutschland bleiben? 

Beitrag von Tomas Fitzel

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Da werden tausende, die sich wirklich etwas zu Schulden haben kommen lassen verzweifelt geschützt, damit sie nicht abgeschoben werden. Hier wird mit falschem Maßstab gemessen.

  2. 10.

    Keine Angst! Die deutschen Bürokraten erfüllen die politischen Weisungen von oben. Und wenn es um Ruhm für Deutschland geht, ist alles möglich. Wie viele Sportler, Wissenschaftler usw. haben schon einen deutschen Pass und wurden zielgerichtet ihren Herkunftsländern geklaut.

  3. 9.

    Wow, wenn ich keine Meinung habe und eigentlich nix zu sagen habe, aber dennoch ein klein wenig rummecker möchte, dann suche ich mir auch immer Rechtschreibfehler der anderen und fordere sie auf das Land zu verlassen. Ist so ein neues Hobby von mir.

    PS: Vielleicht war der Fehler mit Absicht plaziert, sodass ich Leute wie Sie hinterm Ofen hervor locke? Aber Hut ab, dass der Fehler gefunden wurde und trotzdem Danke für diesen Beitrag.

    Danke auch an "gast" :)

    Hier ist auch wieder eine Rechtschreibfehler versteckt!

  4. 8.

    Berlin, du hast Wunderkinder! https://www.welt.de/wams_print/article1045110/Berlin-du-hast-Wunderkinder.html Schon vergessen?!? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg zur deutschen Staatsangehörigkeitsurkunde.

  5. 7.

    köstlich, in Potsdam sitzen die wahren Hüter der deutschen Sprache u. Orthographie , das ist nicht bissig gemeint , sondern anerkennend. Zumal selbst in den Medien hier und da grobe Schnitzer auftauchen, die nicht entschuldbar sind , wohl alles Folgen des verflachenden Bildungniveaus , es geht nicht bergauf, es geht nicht weiter, es geht bergab.
    PS : der letzte Satz bezieht sich explizit nicht auf den rbb , also kein Grund zur Sperrung, hoffe ich jedenfalls...
    orthograhischen Gruß

  6. 6.

    Die Bürokratie sollte in Deutschland nicht überstrapaziert und angemessen in der heutigen Zeit angewendet werden. Ich bin 100%tig dafür der jungen, hochbegabten Künstlerin ein uneingeschränktes und sofortiges Bleiberecht zu gewähren.
    Sie sollte ihr Studium fortsetzen können um somit unter Beweis zu stellen, dass sie in Deutschland bleiben möchte und zukünftig auch kann.

  7. 5.

    Irgendwie stinkt die Angelegenheit nach perverser Grundrechtsverletzung! Wäre es vielleicht möglich, behördlicherseits Frau Dranchuk als Menschen und nicht als Soll-Subjekt realitätsferner staatlicher Erwartungen und Regelungen wahrzunehmen?

  8. 4.

    Wenn es nach Wortschatz und Rechtschreibung ginge, müssten Sie wohl auch ausgewiesen werden.

  9. 3.

    Ausnahmen bestätigen die Regel. Über die Versäumnisse der begabten Künstlerin kann man hinwegsehen und gut ist...

  10. 2.

    Wenn man schon so viele Jahre hier lebt, sollte man mitbekommen haben, dass unser schöner Staat ein Bürokratiestaat ist. Die Betroffene schien ja gewusst zu haben, dass sie noch ein offenes "ToDo" gehabt hatte und hat sich scheinbar nicht darum gekümmert.

    Wenn ich meine KfZ-Steuern nicht bezahle, wird mir die Karre stillgelegt... is halt so.

    gundsätzlich: gleiches Recht für alle... also ist die Abschiebung irgendwo nachvollziehbar. Wenn Sie allerdings als "intigriert" gilt, dann sollte man darüber hinweg sehen..??? apropos intigriert, ab wann ist man denn intigriert? Wenn man mind. 300 Wörter deutsch beherrschet? Wenn man sich selber finanzieren kann? Wenn man mind xx Jahre hier gewohnt hat? Gibt es da eine Checkliste?!?

  11. 1.

    Leider ist die Bürokratie unerbittlich, aber auch die Mitwirkung für eben diese darf nicht vergessen werden.
    Davon abgesehen wäre Bürokratie jetzt mal gefragt, ein wenig Flexibilität zu zeigen und ihr die Ausweisung zu ersparen - sie ist integriert, macht ihr Ding, geht nicht irgendwo betteln - also so what.....
    Ansonsten kann ich ihr nur die Empfehlung geben: ab in die USA, dort werden Sie vermutlich mit Kußhand protegiert, denn die Musik ist eine Welt ohne Grenzen mit einer Sprache - aber die verstehen nur sehr wenige - und zwar die, die mit ihr groß wurden und sie interpretieren können.
    Alles Gute und hoffentlich dürfen Sie bleiben.......

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