Klaus Lederer spricht am 01.07.2017 auf dem Parteitag der Berliner Linken. (Quelle: rbb)
Audio: Inforadio | 24.01.2018 | Ricardo Westphal | Bild: rbb/Abendschau

Sexismus-Debatte an Hochschule - Kultursenator Lederer hält Gedicht-Übermalung für absurd

Zwar habe er Respekt vor der Hochschulautonomie, doch die geplante Übermalung eines als sexistisch kritisierten Gedichts an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf findet Berlins Kultursenator Lederer (Linke) "überzogen".  

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat die geplante Übermalung eines Gedichts an einer Berliner Hochschulfassade als überzogen und absurd bezeichnet. "Ich halte den Vorwurf des Sexismus gegen den Dichter Eugen Gomringer für absurd", sagte Lederer am Donnerstag in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses. Er habe zwar Respekt vor der Hochschulautonomie, sagte Lederer weiter. Doch viele Kunstwerke ließen sich unterschiedlich interpretieren. Es könne nicht jedes Werk getilgt werden, weil es ambivalent sei. Der Linken-Politiker sprach sich für eine gesellschaftliche Debatte aus, auch über strukturellen Sexismus.

Grütters: Gedicht-Entfernung ist "Kulturbarbarei"

Zuvor hatte schon Berlins Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die geplante Entfernung des Gedichts scharf kritisiert. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei", erklärte die Berliner CDU-Chefin am Mittwoch.

Fassade soll ab Herbst regelmäßig neu gestaltet werden

Am Dienstag hatte das Gremium zur akademischen Selbstverwaltung der Alice Salomon Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung in Berlin-Hellersdorf beschlossen, das umstrittene Gedicht von Eugen Gomringer im Herbst im Rahmen einer Renovierung durch ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler zu ersetzen.

Künftig soll die 240 Quadratmeter große Südfassade der Hochschule im Bezirk Hellersdorf alle fünf Jahre mit dem Text eines neuen Poetik-Preisträgers umgestaltet werden. Dies war nach Angaben der Hochschulleitung das Ergebnis einer Studentenbefragung.

Gomringer-Tochter erlebt "perfide Misogynie"

Auch die Tochter des Dichters, Nora Gromringer, kritisiert die Entfernung des Gedichts. Ironischerweise habe "der vermeintliche Einsatz für mehr Frauenrechte einige Menschen zum Ausdruck perfider Misogynie angeregt", schreibt die Dichterin in einem Artikel für "Die Welt" und bekagt damit frauenfeindliche Äußerungen. Auf einmal würden ihr, "der Feministin Gomringer", AfD-Fraktionsmitglieder auf die Schulter klopfen und ihr ein 'diesen Feministinnen muss man doch einen Strich durch die Rechnung machen' mitgeben.  

Gomringer will nun mit Aufklebern, auf denen das Gedicht ihres Vaters zu lesen ist, und mit einer Bildergalerie auf Instagram das Gedicht weiter verbreiten. Werde dem Text "seine" Mauer entzogen, soll er viele andere erhalten, schreibt Gomringer.

Der Axel-Springer-Verlag, zu dem "Die Welt" gehört, stellte das Gedicht unterdessen in spanischer Sprache auf das Leuchtband an seiner Fassade. 

Vorwurf: Frauen zu Objekten männlicher Bewunderung degradiert

Das umstrittene Kurzgedicht "Avenidas" stammt aus dem Jahr 1951. Verfasst hat es der bolivianisch-schweizerische Lyriker Eugen Gomringer, der 2011 von der Hochschule mit dem Alice Salomon Poetik Preis ausgezeichnet wurde. Zu seinen Ehren hatte das Gedicht seit rund sechs Jahren in der spanischen Originalfassung die Fassade der geziert. Ins Deutsche übersetzt heißt es darin: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer".

Seit 2016 hatten Studentenvertreter Kritik an der Wandgestaltung mit dem Gedichttext
geäußert. In einem offenen Brief rügten das Studierendenparlament und der AStA (Allgemeine Studierenden-Ausschuss), das Gedicht würdige Frauen zu Objekten männlicher Bewunderung herab und erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung". Nach einer einjährigen Debatte beschloss der aus Lehrenden, Verwaltungsmitarbeitern und Studenten bestehende Akademische Senat nun mit knapper Mehrheit, "Avenidas" zu entfernen.

Die Diskussion an der Hochschule für Berufe im Bereich Gesundheit und Soziales hatte über Berlin hinaus Wellen geschlagen. Verteidiger des Gedichts sehen in der Kritik von StuPa und AStA den Ausdruck einer Dominanz linksextremer Positionen in den meist mit sehr niedriger Wahlbeteiligung gewählten Studierendenvertretungen.

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29 Kommentare

  1. 29.

    "... sodass Sie Fälle von sexualisierter Gewalt sehr wohl inkludierten. "

    Na, da sind Sie aber schlauer als ich.
    Ich glaube, dass ist das Grundproblem sowohl des AStA, als schließlich auch der Hochschule als auch speziell von Ihnen, dass etwas unterstellt und für wahr gehalten wird, solange der Angeworfene das nach deren Ansicht nicht entkräftet hat.

    Zu früheren Zeiten wurde dies Inquisition genannt.

    Heute hat das nur insoweit Wirkung, wie Menschen darauf eingehen. Millionen Leser der Zeitungen mit den Großbuchstaben tun es, Menschen, bei denen diese Zeitungen nicht zur Grundlektüre gehören, stimmen dem allenfalls zu, um nicht als Rückschrittler dazustehen. Insofern offenbart die Entscheidung der Hochschule auch ein Defizit von Souveränität.

    Zum Inhalt selber:
    Menschen, die entsprechend übergriffig veranlagt sind, beziehen die Motivation für ihr einschlägiges Handeln zuallerletzt aus Gedichten.

  2. 27.

    Hier GENDERISING - da MULTIKULTI - woanders MeToo.

    Sind die Leute allesamt nicht mehr bei Sinnen oder forcieren es die Medien? Einfach nur noch krank.

  3. 26.

    Sie schreiben:

    "@rbb: Auf die Erklärung für das Entfernen meines Kommentars bin ich sehr gespannt."

    Was meinen Sie? Insgesamt liegen uns hier zwei Kommentare von Ihnen vor, beide sind freigeschaltet.

  4. 25.

    @rbb: Auf die Erklärung für das Entfernen meines Kommentars bin ich sehr gespannt.

    @Herrn Krüger: Sie haben sich allgemein ausgedrückt, sodass Sie Fälle von sexualisierter Gewalt sehr wohl inkludierten. Sie hätten sich in Ihrer Replik ja auch davon distanzieren können. Ihren Sexismus wird man auch weiterhin als einen primitiven bezeichnen dürfen, weil er in genannten extremen Fällen eben immer noch sekundäre Viktimisierung verteidigt.

    In allen anderen Fällen, in denen es nicht um Formen sexualisierter Gewalt geht, bleibt Emanzipation unangetastet. Und das bedeutet, die Frau oder wer auch immer entscheidet selbst über das eigene Auftreten - ob gezielt und erwünscht reizvoll oder zugeknöpfter. Die Tatsache aber, dass sich jemand in Augen anderer reizbetont kleidet etc., heißt noch lange nicht, dass Frauen und andere dazu da wären, "dem" männlichen Blick zu gefallen, von Verfügbarkeit für "den" Mann ganz zu schweigen.

    Und ja, Frauenrechte sind Menschenrechte, wie überraschend...

  5. 24.

    Bitte postet doch neben der eigentlichen lebhaften/verhärteten Diskussion eure eigenen Interpretationen des Gedichtes. Was habe ich das in der Schule gehaßt!

  6. 23.

    Ich bin kein Jurist, aber könnte das Übermalen des Gedichts, nicht gegen das Urheberrechtsgesetz verstoßen?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Urheberrecht_(Deutschland)#Urheberpersönlichkeitsrecht
    Speziell §14 UrhG:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Entstellung_(Urheberrecht)

    Nur mal so in den Raum gefragt.

  7. 22.

    Entscheidend ist doch, ob mit dem Künstler damals eine Vereinbarung getroffen wurde, ob das Gedicht dort zeitlich begrenzt zu sehen sein soll. Für mich klingt das eher so, als ob das bisher so gar nicht geplant war, sondern dass man daraus jetzt nachträglich eine Lösung machen will, wo alle paar Jahre das Gedicht wechselt, damit es nicht so auffällt, dass hier eine staatliche Stelle (die Schule) ein Kunstwerk vernichten möchte. Es bringt übrigens nichts, über sowas abzustimmen, weil die Studierenden der Hochschule dazu gar keine Gestaltungsmacht haben. Die können gar nicht in die Rechte des Künstlers eingreifen. Hier haben wir es tatsächlich mit einem erheblichen Eingriff in die Kunstfreiheit zu tun, und ich gehe mal davon aus, dass die zuständigen Gerichte, wenn sie denn angerufen werden, dazu auch deutliche Worte finden werden.

  8. 21.

    Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer“.
    Dann setze ich doch noch einen drauf: Ja, ich bewundere Frauen. Vor allem die meinige. Und wisst ihr was, ihr StudentenvertreterInnen der Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung? Sie geniest es, Ziel meiner männlichen Bewunderung zu sein. Ich bewundere auch Ministerin Grütters, die Rückgrat zeigt und dem moralinsaurem Unsinn als "erschreckenden Akt der Kuturbarberei" nennt. Ganz anders der Akademische Senat: Mehrheitlich knickt er vor den StudentenvertreterInnen ein und beschloss, dass ab Herbst 2018 die Verszeilen der neuen Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler auf die Hauswand und Gomringers Gedicht übermalt werden sollen.
    Hier noch ein Tipp an die Studentenvertreter der Alice-Salomon-Hochschule: Im diesem Artikel der Welt wird nur von „Studentenvertreter“ geschrieben. Welch ein Frevel!

  9. 20.

    Kann man mit solchen"Gedichten" Geld verdienen? Dann wechsele ich den Beruf!

  10. 19.

    Ich bin entsetzt. Und zwar nicht über die Entscheidung der Hochschule, sondern über Frau Grütters Naivität. Wahnsinn, was sie da für Sorgen umtreibt. Komplett am Thema vorbei.

  11. 18.

    Wenn ihr in jedem Kompliment, jedem Blick eines Mannes, jedem Werben, Schwärmen und somit auch der Poesie nur Zeichen für Sexismus seht, seid ihr in eurer Undifferenziertheit nicht besser als jene die beispielsweise in jedem Flüchtling einen Terroristen sehen.

  12. 17.

    Frau Grütters hat Recht! Dass der AStA eine links-feministisch-totalitäre Position und Stimmungsmache betreibt, wundert nicht - wer eine oder mehrere Hochschulen in D besucht hat, weiß, wes Geistes Kind im AStA vorzufinden ist, im Übrigen oftmals, ohne dass die Damen und Herren des AStA jemals ihr Studium mit dem vorgesehenen Abschluss absolvieren.

    Dass allerdings der akademische Senat dieser sogenannten Hochschule dieser Auffassung gefolgt ist, ist erschreckend und lässt an der akademischen Reife und Kenntnis der Historie unseres Landes zweifeln. Bleibt abzuwarten, ob Bildungssenatorin Scheres und die Rektorenkonferenz Stellung beziehen.

  13. 16.

    rbb-24-nutzer, haben sie auch eine Meinung zum Inhalt des Gesichts und ob es entfernt werden sollte? In ihren Beiträgen geht es ihnen offensichtlich immer nur darum andere Leute, deren Meinung ihnen nicht passt in eine vermeintlich rechte politische Ecke zu schieben. Ihr intolerantes Geschwafel kann ich hier einfach nicht mehr ertragen.
    Das Gedicht ist schön und sollte bleiben!

  14. 15.

    Was für blödes und harmloses "Gedicht"! Was für ein bescheuerter Streit! Was sind das bloß für Hasenfüße, die vor diesem poetischen Erguss Angst haben!
    Zur Hölle, über den Verdacht, ein Fan von Frau Grütters zu sein, bin ich erhaben. Aber in welchen "menschenrechtsfeindlichen" Ton hat sie eingestimmt?

  15. 14.

    Ich sehe in dem Gedicht eine Ode an die Schönheit

  16. 13.

    Es ist bezeichnend, wie Sie in demagogischer Weise von der Diskussion darum, inwieweit eine Person sich selbst zum Objekt macht, sofort auf "sexualisierte Gewalt" kurzschließen, um nicht zu sagen: hysterisieren ("menschenrechtsfeindlich" LOL).

    Nein, auch eine aufgedonnerte, leichtbekleidete Frau, die nachts um zwei durch den Park stöckelt, darf nicht begrapscht oder gar vergewaltigt werden. Sie sollte allerdings damit rechnen, dass sie angeschaut wird (sogar von Männern), womöglich angestarrt, womöglich sogar interessiert.

    Wenn ich mich attraktiv (womöglich sogar aufreizend) frisiere, schminke, anziehe und so in die Öffentlichkeit begebe, möchte ich angeschaut werden. Und gern auch Komplimente bekommen.

    Aber dank Leuten wie Ihnen lacht heute niemand, wenn sich eine Frau im kurzen Kleidchen in eine Fernsehsendung setzt, und ein Riesentrara losgeht, weil ihre Beine gezeigt wurden. Wenn sie das nicht wollte, hätte sie eben eine Hose anziehen sollen. Womöglich eine weite.

  17. 12.

    Hallo sozialwissenschaftliches Grundstudium, hier spricht die Realität! Kommt wieder auf den Boden, bevor ihr völlig entschwebt! So weit haben es die neo-feministischen Wortklauber gebracht: dass ich alte linke Socke hier CDU und Axel Springer näher bin als euch. Das muss doch nicht sein! Diese postmodern verstiegenen Sprachsäuberer, idealistischen Hampelmänner und -frauen können Materialismus doch nicht mal mehr buchstabieren. Anstatt ihre politische Impotenz realistisch zu betrachten kompensieren sie indem sie der Welt ausserhalb des Seminars Sprachregelungen diktieren wollen. Wie weltfremde Moralisten und Tugendwächter steht ihr da, Miesepeter mit aufgeblasenem Geltungsanspruch. Kein Mensch nimmt dieses Sprachgepansche ernst, der nicht vorher an eurer pseudointellektuellen Selbstbefriedung teilgenommen hat. Linke Politik ist: radikal für ArbeiterInnen, Arbeitslose und Prekäre eintreten. Was ihr macht ist sinnfreier Symbolismus, hohles Gequatsche! Es nervt!

  18. 11.

    Danke, Frau Grütters, für diese klaren Worte.

  19. 10.

    Welche "staatlichen Stellen"? Es ist das Ergebnis einer Abstimmung unter den Studenten. Ganz demokratisch.

    Mein Güte, hier wird nur ein gedicht übermal und dafür alle 5 Jahre ein neues angebracht. Und das an einem Gebäude in Hellersdorf. Wo ist das Problem?

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