Eine Büste von Stalin in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Bild: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)
Audio: Inforadio | 24.01.2018 | Andrea Heinze | Bild: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Ausstellung über Stalin-Kult - Der rote Gott als gefallener Koloss

Diktator, Massenmörder und Idol der frühen DDR: Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, wie sehr Stalin zu Beginn der 50er Jahre als Held verehrt wurde – auch in der DDR. Warum und wie sehr, zeigt jetzt die erste Sonderausstellung der Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Der mächtige Stalin, ein gefallener Koloss: Eine riesige Bronzefigur des sowjetischen Diktators Stalin liegt gleich am Eingang zum Geschichtsrundgang in der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen. In ihrer ersten Sonderausstellung "Der Rote Gott - Stalin und die Deutschen" setzt sich die Schau ab Donnerstag mit dem Personenkult um den sowjetischen Diktator in der frühen DDR auseinander.

Die Stalin-Statue wird vor der Gedenkstätte Hohenschönhausen niedergelegt (Bild: Abendschau)
Stalin-Statue wird angeliefert in Berlin | Bild: Abendschau

Historiker haben eigens für die Ausstellung die knapp fünf Meter hohe Figur in der Mongolei ausfindig gemacht. Sie gehört laut Gedenkstätte zu der Serie, aus der auch das Stalinbild auf der früheren Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, in Ost-Berlin stammt.

Dass die Statue nicht aufrecht stehend, sondern liegend präsentiert wird, sei ein wichtiges Symbol, um die heroische Ausstrahlung Stalins zu brechen, erklärte der Direktor der Gedenkstätte Hubertus Knabe: "An diesem Ort, wo Menschen gelitten haben und wo ein großes Stalin-Bild hing, das die Inhaftierten gleich bei der Einlieferung zu sehen bekamen, ist es wichtig, auch in der Symbolik deutlich zu machen, dass diese Zeiten vorbei sind -  dass der Mann ein Verbrecher war und nicht in der heroischen Pose gezeigt werden sollte, wie das früher der Fall war."

Der rote Gott kommt

Stalinkult und Speziallager

Die Schau dokumentiert, wie die SED-Führung unter Walter Ulbricht alles daran setzte, die Ostdeutschen auf den sowjetischen Machthaber als großes Vorbild einzuschwören. Und das, obwohl Millionen Verhungerte und Hunderttausende Erschossene auf das Konto des 1953 verstorbenen Sowjet-Führers gingen.

In diesem Zusammenhang ist auch die heutigen Gedenkstätte Hohenschönhausen von historischer Bedeutung: Hier hatten die Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg ein Speziallager eingerichtet, in dem unter anderem auch Gegner des Kommunismus untergebracht wurden. Ab 1946 befand sich im Keller des Gebäudes das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Ostdeutschland. Im April 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Gefängnis.  

So präsentiert die Ausstellung unter anderem Fotos von Deutschen, die seit 1945 im Osten Deutschlands zum Tode verurteilt worden waren, und in Moskau erschossen wurden. Zu sehen sind aber auch Videos, in denen Politiker wie Walter Ulbricht Lobreden auf Stalin halten oder Propagandaplakate mit dem Konterfei Stalins. Andere Exponate zeigen Fotos, aus denen ehemalige Weggefährten des Diktators weg retuschiert wurden, weil sie in Ungnade gefallen waren, wie etwa Leo Trotzki.  

Massenaufmärsche und Propaganda-Filme

Es sei für die sowjetischen Propagandisten nicht leicht gewesen, nach zwölf Jahren NS-Diktatur in der DDR einen neuen Führerkult für Josef Stalin aufzubauen, sagte der Kurator Andreas Engwert. Massenaufmärsche, Denkmäler und überlebensgroße Portraits zielten darauf ab, die ostdeutsche Bevölkerung auf die SED-Herrschaft einzuschwören.  

Viele Exponate in der Ausstellung zeugen davon, dass das gelang: "Die Zielgruppe für den Stalinkult sind natürlich die jungen FDJler. Da ist wahrscheinlich eine ehrliche Begeisterung zu spüren", so Engwert. "Wir zeigen auch Propaganda-Filme, und da sehen sie die Massenveranstaltungen des Stalinismus. Das ist in Szene gesetzt natürlich, aber man ahnt bei dem ein oder anderen eine ehrliche Begeisterung für den Menschen, der die DDR nun voranbringen kann, im Sinne des Kommunismus."

Dass ein Diktator und Massenmörder so vergöttert werden konnte, ist heute nur noch schwer zu verstehen. Doch die Auseinandersetzung mit der Selbstdarstellung von Diktatoren oder Autokraten ist ein zeitloses Thema: "Wenn man heute sieht, wie sich Erdogan, Putin und diverse andere Menschen inszenieren, dann ist es spannend zu sehen, dass es historische Wurzeln für bestimmte Phänomene gibt", sagt der Leiter der Gedenkstätte, Hubertus Knabe. "Aber es hat auch mit unserer Sicht auf die DDR zu tun. Wie kann es sein, dass sich so viele intelligente Leute für den frühen Kommunismus begeistert haben? Das ist auch spannend, finde ich."

Kommentar

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Antwort auf [Lars Blümel] vom 24.01.2018 um 21:57
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7 Kommentare

  1. 7.

    Man darf Stalin hier sogar verherrlichen oder auf dem T-Shirt tragen. Ist das nicht "toll"?
    Offenbar gibt es dafür richtig Bedarf, sonst würden die Dinger ja nicht in Masse produziert werden.
    https://www.redbubble.com/de/shop/stalin+t-shirts

  2. 6.

    Weder Gott, noch Kult, noch spannend; schlichtweg demagogischer Machtmissbrauch.

  3. 5.

    Sie wollen nicht aufrechnen? Sie setzen aber die Opfer der NS Diktatur als Relativierung zum stalinistischen Terror.Zu ihrer These, Stalin habe den NS Staat beseitigt, was nun nicht sein alleiniger Verdienst war, siehe Landung Normandie, massive Hilfslieferungen an Waffen und Gerät, stelle ich die Frage, wer denn die Besetzung Polens erst möglich gemacht hat? Doch wohl Stalin ,durch den Pakt mit Hitler. Auch die baltischen Staaten dürften von ihrer Annexion durch Stalin nicht begeistert gewesen sein. Weiterhin der Angriff auf Finnland. Ich könnte hier noch weitere Fakten aufzählen, die Stalins Mitverantwortung an diesem globalen Weltenbrand aufzeigen, möchte Ihnen aber keine Nachhilfe in Geschichte geben. Die beiden waren Brüder im Geiste, bis die Klapperschlangen anfingen sich gegenseitig zu vergiften.

  4. 4.

    Es ist schon erstaunlich, wie sich manche zu Führen machen und huldigen lassen. Aber an die kommt ein Herr Knabe nicht ran. Er muss nun schon was aus der Mongolei holen, um weiter präsent und im Mittelpunkt zu stehen. Die einseitige Darstellung Stalins ist gewollt, Knabe sieht nur eine Farbe bei seinem Tun: Rot!
    Es ist geschichtlich unumstritten, Stalin war ein anerkannter Führer der Sowjetunion beim Übergang vom Feudalismus zu einer Industrienation. Ohne diese Entwicklung wäre ein Sieg über die deutschen Faschisten, die SS und Wehrmacht nicht möglich gewesen. Ohne diesen Sieg wäre Herr Knabe wo? Es ist aber auch historisch erwiesen, dass unter Stalin viel Unrecht zugelassen wurde und Menschen zu Tode kamen. Man soll Tote nicht gegen Tote aufrechnen, aber die Millionen ermordeten Kinder, Frauen und Greise und vor allem aller jüdischen Menschen seitens der deutschen Barbaren sollten nicht vergessen werden. Ich hoffe es ist in der Ausstellung auch zu sehen.

  5. 3.

    Unter einer Million Linken findet man heute vielleicht noch einen, der doof genug ist um Stalin zu loben. Diese Denkmals-Aufstellung ist ein reines Kaspertheater, ein Schreckteufel in Bronze. Dem hauptberuflichen Kommunistenfresser Hubertus Knabe gehen die totalitären Gegner aus, also stellt er sich einen auf. Die ganze Ausstellung baut auf billige Schockeffekte (Stalinbilder, Gefängniszellen; als ob die DDR die erfunden hätte!). Und vermittelt nicht kritisches Denken, sondern ein absolut gesetztes Geschichtsbild: links = Kommunisten = schlecht = Stalin = Verbrecher = DDR = böse. Heute is aber allet jut und es gibt kein Unrecht mehr, jedenfalls nicht bei uns.

  6. 2.

    So unterschiedlich beide Systeme und Auffassungen in ihren politischen Zielsetzungen waren - hier die angestrebte Gleichheit der Menschen, dort die rassistische Überhebung der einen über die anderen - so glichen sie sich von ihren Methoden oft genug doch wie ein Ei dem anderen. Das ging bis hin zur Idee der "Ausmerzung lebensunwerten Lebens", weil dieses Leben der Ökonomie doch mehr koste als es ihr einbringe.

    Fatal daran ist, dass eine im Kern menschenfreundliche Auffassung durch Übersteigerung zu Methoden kam, die den ursprüngl. Inhalt schlichtweg auf den Kopf stellte. Das allerdings war kein Zufall und war auch nicht (allein) der Person Stalins geschuldet. Es war dem historischen Materialismus geschuldet, quasi eine Zauberformel für die allgemeine menschliche Entwicklung gefunden zu haben und sich selber als Herr, Sachwalter und Geburtshelfer von Geschichte schlechthin zu verstehen.

    Auf dieser Basis ist jeder wirkliche Dialog von vorherein ausgeschlossen.

  7. 1.

    Leider eine immer wieder zu beobachtende Vorgehensweise: Wenn es dir gelingt, Kinder und Jugendliche gegen die Eltern aufzubringen, indem du ihnen einimpfst, was die Schlimmes getan haben, gewinnst du kontinuierlich die Macht über das Volk.
    Hat bei den Nazis über Pimpfe, BDM und HJ super funktioniert; haben die Kommunisten mit Pionieren und FDJ auf dem Vorbild der Komsomolzen und der "Vorgängerorganisationen" erfolgreich weiterentwickelt. Das Erwachen dieser manipulierten Generationen kam erst, als es zu spät war. Einmal endete es in einer riesigen weltweiten Katastrophe. Beim zweiten Mal blieb der Krieg nur dank des nuklearen Wettrüstens aus, mündete dafür in einer wirtschaftlichen Katastrophe. Das Verbindende an beiden Ideologien ist, dass sie jeweils viele Millionen Menschenleben gekostet haben.

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