"'Max Beckmann. Welttheater' im Museum Barberini" © Helge Mundt / Museum Barberini
rbb AKTUELL | 22.02.2018 | Julia Baumgärtel | Bild: Helge Mundt / Museum Barberini

Beckmann-Ausstellung im Potsdamer Barberini - Bilder, die dich auf die Weltbühne ziehen

Mit "Max Beckmann. Welttheater" startet das Potsdamer Museum Barberini am Samstag in sein zweites Ausstellungsjahr. Die beeindruckende Schau nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch Werk des Expressionisten - und fordert den Besucher zur Selbstreflexion auf. Von Sigrid Hoff

Szenen einer Theaterprobe, dargestellt auf einer dreiteiligen Bildfolge mit dem dramatischen Höhepunkt im Zentrum: Der König, umringt von seinem Gefolge, hat die Bühne betreten und stößt sich den Dolch ins Herz, Blut tropft von seiner Brust. Die maskierte Schöne neben ihm schreit entsetzt auf, die Arbeiter unter der Bühne werkeln unberührt weiter. Im linken Bild debattiert ein Mann mit einem Soldaten – ist es Judas? Zwischen ihnen hat eine Frau mit Kopftuch – Maria - bittend die Hände erhoben, am unteren Bildrand liest ein Mann in der New York Times, auf der rechten Seite hält sich eine Schauspielerin im Umkleideraum den Spiegel vors Gesicht – ein Akt der Selbstbefragung.

1941/42 malte Max Beckmann (1884 – 1950) sein Triptychon "Schauspieler" im Amsterdamer Exil. Der sich selbst richtende König wurde als Beckmanns Alter Ego interpretiert, für die Schauspieler links standen Künstlerfreunde Pate.

Gemälde von Max Beckmann: Schauspieler. Triptychon 1941/42, Harvard Art Museums/Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Lois Orswell (Bild: President and Fellows of Harvard College)
"Schauspieler" malte Max Beckmann im Amsterdamer Exil. | Bild: President and Fellows of Harvard College

Die Bühne als Erfahrungsraum

Die "Schauspieler", eine seltene Leihgabe der Harvard-Universität in den USA, ist nicht nur das Titelmotiv, sondern auch der Höhepunkt der neuen Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam. Mit dieser Schau unter dem Titel "Max Beckmann. Welttheater" startet das als Privatmuseum des Software-Entwicklers und Kunstfreundes Hasso Plattner gegründete Museum in sein zweites Ausstellungsjahr.

Mit rund 112 Leihgaben aus deutschen und internationalen Museen und Privatsammlungen ist die gemeinsam mit der Kunsthalle Bremen konzipierte Schau die erste Ausstellung, die diesem zentralen Thema im Werk Max Beckmanns nachspürt. "Er kommt darauf nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs," erklärt Ortrud Westheider, die Direktorin des Barberini, "eine ganze Generation hat sich die Frage gestellt: Können wir eigentlich über uns selbst verfügen? Oder waren wir nur auf eine Bühne des Weltgeschehens gestellt und hatten keine Einflussmöglichkeiten?" Für Beckmann wird die Bühne zum Erfahrungsraum, von dem aus er das Weltgeschehen kommentiert.

Sieben Themenräume

Nach einer Phase des Spätimpressionismus in seinem Frühwerk bildet der Erste Weltkrieg eine Zäsur. Danach wird Beckmanns Malweise kantiger, in Farben und Formen expressiver. "German Expressionist", dieses Label erhält er im amerikanischen Exil. Die Druckgrafik aus den frühen 1920er Jahren dokumentiert seine Themensuche. Das Leben als Rollenspiel, die Welt als Jahrmarkt und Bühne hält er in Serien fest, in denen es von schrägen Vögeln neben alltäglichen Stadtbewohnern wimmelt.

Geordnet nach sieben Themenräumen zeigt die Schau, wie Max Beckmann immer wieder das Spiel mit der Maskerade umtrieb, seine Leidenschaft für Zirkus und Varieté, von der er auch in Zeiten größter Not im Exil nicht lassen wollte und natürlich seine enge Verbindung zum Theater. Seine Passion für Clowns und Akrobaten belegen Bilder wie "Varieté" von 1927, mit einem auf dem Seil balancierenden Maskierten oder "Artistin" von 1936, die sich dem Betrachter kraftvoll entgegenschwingt, deren Blick aber zugleich über die Schulter zurück in denn Bildhintergrund geht, wo ihr eine dunkle Gestalt etwas zuzuflüstern scheint. Schwarz, auch als Kontur der Figuren, ist seit den 1920er Jahren eine wichtige Farbe in Beckmanns Gemälden.

Max Beckmanns Welttheater

Lust am künstlerischen Rollenspiel

Im "Familienbild" von 1920 wird die Bühne als guckkastenförmiger Raum in die Fläche gerückt. Gemälde wie "Fastnacht" von 1920 oder "Doppelbildnis Karneval“ sind Ausdruck von Beckmanns eigener Lust am künstlerischen Rollenspiel. Letzteres zeigt Max Beckmann als Reiter und seine zweite Frau "Quappie" im Pferdekostüm, es gilt als Verlöbnisbild des Paares. In Selbstporträts malt sich Beckmann mal als Clown oder auch als Musiker.

Neben dem Bühnengeschehen lotet Beckmann immer wieder auch das Verhältnis zwischen Zuschauer und Bühne aus, diesem Thema ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Hier wie in seinen anderen Bildern fordert Beckmann den Betrachter heraus, seine eigene Rolle in Frage zu stellen. "Das macht die Kunst unglaublich aktuell", betont Direktorin Ortrud Westheider. "Das ist die Bildsprache, wie er alles auf die vorderste Ebene des Bildes bringt und zu unmittelbaren Reaktionen einlädt."

Auftakt für weitere monografische Ausstellungen

Beckmanns Bilder sind auch ein Spiegel ihrer Zeit. Ab 1933 galt der Maler unter den Nationalsozialisten als "entartet". Er verlor seine Lehrtätigkeit am Frankfurter Städel, 1937 ging er in die Emigration nach Amsterdam und nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA. Zu den eindrücklichsten Bildern gehört sein "Apachentanz" von 1938, eine Szene in einem Pariser Varieté am Vorabend des Krieges: Ein Mann – ein "Apache", wie Zuhälter genannt wurden - schwingt breitbeinig eine Frau über den Rücken, ihr Kopf hängt nach unten, das Publikum johlt. Die Gewalt und die Rolle des Zuschauers, der sie bejubelt oder auch nur passiv toleriert – Beckmanns Bilder ziehen den Betrachter als Akteur auf die Weltbühne.

Die beeindruckende Schau im Museum Barberini ist der Auftakt für weitere monografische Ausstellungen in diesem Jahr, die nächste ist Gerhard Richter gewidmet. Die Staatlichen Museen in Berlin werden sich künftig warm anziehen müssen.

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