Berlin - Mitte , Unter den Linden, Humboldt Universitaet, Deutsches Historisches Museum, Fernsehturm in der Dämmerung (Quelle: dpa / Travelstock44).
Bild: dpa / Travelstock44

Krise von Demokratie und Kapitalismus untersuchen - Unternehmer stiftet der HU Berlin neues Forschungszentrum

Er stammt aus einer traditionsreichen Familie norddeutscher Schiffsunternehmer. Nach dem Verkauf seiner Firma will der Hamburger Erck Rickmers nun Krisen der Demokratie und des Kapitalismus erforschen lassen - um Lösungen zu finden. Dafür gibt er der HU Berlin Millionen.

Die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) gründet ein Forschungszentrum zu gesellschaftlichem Wandel. Ermöglicht hat das "Center for Humanities and Social Change" der Hamburger Unternehmer Erck Rickmers. Er stiftet zunächst etwa acht Millionen Euro für insgesamt vier Standorte, neben Berlin sind es die Universitäten Cambridge, Kalifornien und Venedig. Die rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Forschungszentren sollen sich miteinander vernetzen - um interdisziplinär ihr Wissen auszutauschen.

Grob gesagt geht es Rickmers dabei um gesellschaftliche Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Genauer, jedenfalls an der HU, um Krisen der Demokratie und des Kapitalismus. In diesem Bereich sollen die Wissenschaftler hier forschen, angeleitet von der Philosophie-Professorin Rahel Jaeggi.

"Ich nehme die Welt in einem Zustand der Krise wahr -, ökologisch, ökonomisch, politisch, kulturell und spirituell", sagte der 53-jährige Rickmers am Dienstag in Berlin. Die HU habe er ausgesucht, weil sie ein internationales Flaggschiff bei den Geisteswissenschaften sei. Neben der Analyse der Probleme solle seine Stiftung zu neuen Lösungen inspirieren "und damit gesellschaftlichen Wandel im positiven Sinn mitgestalten."

Der Hamburger Reederei-Unternehmer Erck Rickmers (Mitte) hat vier neue Forschungszentren zu sozialem Wandel gestiftet, darunter auch eins an der Humboldt-Universität Berlin (HU). Das Foto vom 27.02.18 zeigt ihn mit Simon Goldhill, Rahel Jaeggi, Tom Carlson und Shaul Bassi (v.l.n.r.), den LeiterInnen der neuen Institute (Quelle: Humanities & Social Change International Foundation).
Erck Rickmers (Mitte) stiftet das Geld für die vier Forschungszentren. Die Philosophie-Professorin Rahel Jaeggi (2.v.l.) wird den Standort an der HU leiten. | Bild: Humanities & Social Change International Foundation

Schiffsunternehmer in fünfter Generation

Erck Rickmers wurde in Bremerhaven geboren, der Kaufmann stammt aus einer Familie von Reedern, Schiffbauern und Händlern - 1834 hatte sein Vorfahr Rickmer Clasen Rickmers eine Werft gegründet. Den ungewöhnlichen Vornamen haben Rickmers Eltern ebenfalls von einem Ahnen aus Helgoland übernommen.

Im Alter von 24 Jahren machte sich Erck Rickmers selbständig und etablierte sich danach in verschiedenen Branchen, beispielsweise Transport, Energie und Unternehmensfinanzierungen. Anfang Februar 2018 verkaufte er überraschend seine Reederei mit 81 Schiffen und etwa 3.000 Mitarbeitern, für eine unbekannte Summe. Schon seit längerem hatte er sich aus der Geschäftsführung zurückgezogen.

"Ich bin ein Mensch, der häufig in seinem Leben durch unkonventionelles Verhalten aufgefallen ist", hat der ehemalige SPD-Abgeordnete im Hamburger Stadtparlament Bürgerschaft einmal über sich gesagt. Fast wäre er in Schleswig-Holstein Wirtschaftsminister geworden, aber dann sagte er dem Ministerpräsidenten ab.

Nach dem Verkauf seiner Reederei wolle er sich nun neuen Aufgaben widmen, erklärte er vor kurzem, "etwas mit Philanthropie". Nun ist klar, was Rickmers mit einem Teil seines Millionenvermögens anfangen will.

"Gesellschaftliche Ungleichheit demokratiegefährdend"

Die Idee zu den Forschungszentren sei in den USA gereift, sagte Rickmers am Dienstag. Dort hatte er von 2015 bis 2017 mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern gelebt, um zu studieren. An der Universität von Kalifornien in Santa Barbara machte er einen Masterabschluss in Religionswissenschaften. Das gut 26 Hektar große Familienanwesen samt Weinbergen bot er nach seiner Rückkehr nach Hamburg für knapp 16 Millionen Dollar zum Verkauf an.

Sorge bereite ihm zum Beispiel eine zu große Technik-Orientierung in der Gesellschaft, wobei die langfristigen Folgen überhaupt nicht durchdacht seien, erklärte Rickmers. Als ein weiteres großes Anliegen bezeichnete Rickmers die gesellschaftliche Ungleichheit - diese halte er für demokratiegefährdend.

Demokratie und Kapitalismus interdisziplinär erforschen

Das von ihm finanzierte "Center for Humanities and Social Change" an der HU soll nun konstruktiv nutzbare Erkenntnisse bringen, dabei baut es teilweise auf bestehende Strukturen auf. Neben einem Doktoranden-Programm und Stipendien für Forscher sind verschiedene Veranstaltungen geplant.

Man wolle am Forschungszentrum "Demokratie nicht als reine Regierungsform, Kapitalismus nicht nur als ökonomische Formation verstehen", sondern beide als "sozio-kulturelle Lebensform" untersuchen. Die Präsidentin der Humboldt-Uni, Sabine Kunst, bezeichnete Rickmers' Engagement als generös. "Das Institut gibt uns eine weitere Möglichkeit, gesellschaftlichen Wandel besser zu verstehen und gestalten zu können", ließ sich Kunst am Dienstag zitieren.

An den anderen drei Unis wird es um den Einfluss technischer Entwicklungen, das Wechselspiel von Fakten, Werten und Wahrheit sowie um kulturellen Pluralismus angesichts zunehmender Migration gehen. Er hoffe, dass sich aus der Arbeit ein Bild ergebe, sagte Rickmers. Insgesamt stellt er für sein Projekt in den nächsten Jahren - eigenen Angaben zufolge - einen zweistelligen Millionenbetrag bereit.

Sendung: Abendschau, 27.02.2018, 19 Uhr 30

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

6 Kommentare

  1. 6.

    Ich finde es gut und wichtig, daß auch gerade vermögende Unternehmer zeigen, daß ihnen die Gesellschaft und ihr Land nicht einerlei sind. Kurzfristig Geld an Mittellose ändert gar nichts. Die derzeitigen Veränderungen in der Arbeitswelt erfordern dringend neue Wege, dann kann auch das Wirtschaftssystem wieder reguliert werden. Und alle müssen sich einbringen, nicht nur ausgehalten werden. Toll, Erck R. !

  2. 4.

    Überall werden Mitarbeiter gesucht! Sogar neue Berufe kann man lernen! Sogar für über 50jährige!
    Hartz4 Empfänger sollten endlich arbeiten gehen!

  3. 3.

    Ich finde die Unterstützung der Bildung vollkommenen in Ordnung. Das Land braucht sie. Außerdem sollen mit den bereitgestellten Geldern u.a. Demokratie und Kapitalismus erforscht werden. Mögliche Ergebnisse hätten weitaus nachhaltigere Auswirkungen auf mittellose Menschen und Hartz-IV-Empfänger als kurzfristige Gelder.

  4. 2.

    Ein schöner Zug von dem Unternehmer. Kann man nur Gratulieren und sich mancher eine Scheibe davon abschneiden.

  5. 1.

    Mit diesen grosse Summe Geld sollte er ehet die mittelose Menschen und hartz 4 Empfänger unterstützen.

Das könnte Sie auch interessieren