Phillip Poisel live im Haus des Rundfunks (Bild: rbb/Stefan Wieland)
Bild: rbb/Stefan Wieland

Konzertkritik | Philipp Poisel - Knutschen und kuscheln im Großen Sendesaal

Bei Philipp Poisel hat man immer das Gefühl, dass er nur für sich und diese eine ganz besondere Frau singt. Das sorgte am Dienstag in Berlin für Melancholie, Gänsehaut-Momente und knutschende Pärchen. Von Nicole Staerke

Ganz in grau gekleidet, schüchtern, mit hochgezogenen Schultern, geschlossenen Augen und die Gitarre fest umschlungen steht Philipp Poisel bei seinem ersten Song "Froh" im Scheinwerferlicht des Großen Sendesaals vom rbb. Mit angestrengtem Gesicht jauchzt, schluchzt und haucht er sentimental ein Liebeskummer-Lied nach dem anderen vor sich hin und besinnt sich dabei seiner Anfänge. Nichts mit spektakulärer Bühnenshow und Inszenierung.

Die braucht es - genau wie damals, als er ganz alleine auf der Bühne stehend die FritzNacht der Talente gewonnen hat - auch gar nicht. Die zwanzig meterhohen, holzvertäfelten Wände, die treppenförmige riesige Orchesterbühne und die klassischen roten Kinosessel sorgen für genug Charme. Den Rest macht die stimmungsvolle Lichtshow, die Philipp Poisel während seiner herzergreifenden Songs immer wieder nur als Silhouette erscheinen lässt.

Eine Achterbahn der Gefühle

Geweint hat er diesmal nicht, emotional war es trotzdem von der ersten bis zur letzten Sekunde. So emotional, dass sich während der ersten Konzerthälfte gefühlt keiner der über tausend Menschen getraut hat, zu reden oder überhaupt mitzusingen. Sie haben sich lieber glücklich beseelt, weinend, knutschend oder kuschelnd in eine Traumwelt ziehen lassen. Zwischen den Songs wurde dafür umso lauter und intensiver gejubelt. Bei einer seiner typisch vernuschelten Ansagen sind aber alle wieder ganz still und lauschen dem Philipp gespannt.

Seinen Song "Roman" kündigt Poisel mit den Worten an, dass sich seine Karriere zusammen mit seinen Fans wie eine wunderschöne unendliche Geschichte anfühlt – und spätestens jetzt schmilzt auch der Letzte komplett dahin und spürt das Knistern in der Luft. Als er seine erste Zugabe "Ich will nur" am Klavier spielt, kann das Publikum sich nicht mehr zurückhalten und fängt im Chor an den Refrain mitzusingen. Bei "Als gäb's kein Morgen mehr" springen dann sogar plötzlich alle gemeinschaftlich auf, schmeißen die Hände in die Luft und tanzen ausgelassen. Jetzt löst sich auch Philipp Poisel von seinem Mikrofon und verausgabt sich bei einem gefreestylten Breakdance auf seinem alten Probenraum-Teppich. Er bewegt sich mit so viel Enthusiasmus "als gäb's kein Morgen mehr" und als wolle er seinen ganzen Schmerz weg schütteln.

Auf die Frage "Wie soll ein Mensch das ertragen?" antwortet er mit seiner Musik und kassiert dafür am Ende Standing Ovations und Laolas.

Sendung: Fritz, 26.02.2018, 20 Uhr

Beitrag von Nicole Staerke

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