Filmstill aus MUTE (Quelle: Liberty Films)
Bild: Liberty Films

Netflix-Eigenproduktion "Mute" - "Berlin ist die perfekte Metapher"

Netflix strahlt am Freitag seine Eigenproduktion "Mute" aus, ein Sci-Fi-Thriller gedreht in Berlin. Regisseur Duncan Jones kennt die Stadt: Er hat einst hier gelebt, mit seinem Vater David Bowie. Nun katapultiert er die Metropole ins Jahr 2052. Von Anna Wollner

Ende November 2016, Drehtag Nummer 36, Altes Kraftwerk Berlin-Rummelsburg. Um 8:30 Uhr morgens steht die Sonne noch tief am Himmel, der Parkplatz mit den vielen LKWs und Wohnwagen des Filmteams ist zugefroren, die Matschpfützen sind mit dünnen Eisschichten überzogen.

Eine provisorische Stahltreppe führt nach oben ins alte Kraftwerk und verschluckt die Besucher in der dunklen und zugigen Halle. Die Fenster sind mit dicken Molton-Bahnen abgehangen, nur hier und da fällt Sonne in die Hallen. In einer Ecke stehen drei Dutzend Komparsen, eingewickelt in dicke Decken. Sie plaudern, hüpfen von einem Bein aufs andere und versuchen, warm zu bleiben oder zu werden.

Filmstil aus der netflixserie "Mute", hier mit dem Schauspieler Justin Theroux(Quelle: Everett Collection/Keith Bernstein)
Justin Theroux in einer Szene aus "Mute".Bild: Everett Collection/Keith Bernstein

Wir sind im Berlin des Jahres 2052. Genauer: Auf einem futuristischen Flohmarkt. Es sieht aus, als wären Kreuzbergs Markthalle Neun und der Mauerpark in die Welt von Blade Runner transportiert worden. Hier wird - illegalerweise - mit Technik gehandelt, mit Essen, mit allem, was 2052 verboten ist.

Es ist das Berlin von "Mute", einem Noir-Science-Fiction-Thriller von Duncan Jones.

Produktionsdesigner Gavin Bouquet bahnt sich seinen Weg durch die Stände des illegalen Flohmarkts, bleibt hier und da stehen. "Wir konnten uns so richtig austoben, hatten kaum Vorgaben und wenig Geld", erklärt er. "Wir mussten uns genau überlegen, wie es in der Zukunft Berlins auf einem Flohmarkt aussehen könnte."

Es wirkt alles etwas provisorisch, aber so soll es auch sein. Ein illegaler Flohmarkt muss auch in der Zukunft innerhalb von Minuten verschwinden können. Zwei Wochen Vorbereitungszeit hatte Bouqet mit seinem Team für diese Location. Normal sind zwei Tage, aber kurzfristige Änderungen im Drehplan haben ihm Luft verschafft. Schnell arbeiten ist eigentlich sein Credo, durch die dazugewonnen Zeit konnte er seiner Liebe zum Detail nachgehen.

Der Regisseur liebt es, Kleinigkeiten zu verstecken

Er bleibt vor einem der Stände stehen und zeigt auf eine glibberige Masse, die sich zwischen all den blinkenden alten und neuen technischen Geräten versteckt hat. "Das hier ist selbstwachsendes Fleisch. Das kommt auch in einer anderen Szene noch mal vor." Regisseur Duncan liebe es, solche Kleinigkeiten zu verstecken. "Ich habe es gestern Abend noch aus Gelee und Stärke angerührt", sagt Bouquet stolz.

"Mute" spielt in der Zukunft, doch vieles ist nicht anders als heute, in der Gegenwart. "In dreißig Jahren wirkt der Film vielleicht sogar alt und überholt", meint Bouquet. "Es muss im Hier und Jetzt funktionieren."  

Regisseur Duncan Jones am Set (Quelle: imago)
Duncan Jones am Set | Bild: imago

Ein stummer Held

Am Set gehen die Kameras in Stellung, die Komparsen haben ihre Plätze eingenommen, die Steadycam fährt durch die Szenerie. Etwas abseits auf einer Bierbank neben ein paar Monitoren und einem kleinen Cateringtisch sitzt Hauptdarsteller Alexander Skarsgard. Gemütlich kaut er ein Wurstbrötchen und wartet auf seinen Einsatz. Textlernen in den Pausen muss er nicht: Seine Figur im Film ist stumm - "mute" eben.

Was einfach klingt, bringt den 41-jährigen Schweden an seine Grenzen. "Bei den ersten Proben habe ich mich sehr komisch gefühlt, als ob ich Pantomime sei." Sein erster Instinkt sei immer gewesen, zu sprechen. "Das musste ich unterdrücken. Es war ein ständiger Kampf gegen mich selbst." Mittlerweile hat er sich an seine stumme Rolle gewöhnt und genießt einfach den ungewöhnlichen Drehort in Rummelsburg. "Dieser Ort hier ist doch genial, so etwas findet man nur selten."

Bowies Sohn kehr nach Berlin zurück

Es ist kein Zufall, dass der Film in Berlin spielt, Regisseur Duncan Jones ist mit der Stadt eng verbunden. Ende der 70er Jahre hat er als Kind mit seinem Vater David Bowie hier gelebt. Nun ist er zurückgekehrt, als Regisseur. An 51 Drehorten ist "Mute" entstanden. Jones ging es darum, nicht das touristische Berlin, sondern das "richtige" Berlin zu zeigen. Seine filmischen Vorbilder dabei waren "Blade Runner" und "Der Himmel über Berlin".

Skarsgard freut sich, er mag die Drehorte: "In Babelsberg zu drehen, ist der Traum eines jeden Schauspielers. An den Orten zu sein, an denen Metropolis und Nosferatu entstanden. Und nach Drehschluss genieße ich das Berliner Nachtleben."

Filmplakat von "Blade Runner" von 1982 (Quelle: LADD CO / SHAW BROTHERS / Ronald)
"Blade Runner" von 1982 zeigt eine düstere, dystopische Stadt der Zukunft. | Bild: LADD CO / SHAW BROTHERS / Ronald

Berlin als perfekte Metapher für das Weltgeschehen

"Blade Runner hat mich auf einem ästhetischen Level stark beeinflusst", sagt Jones in einer Drehpause. "Das wollte ich mit der historischen Architektur von Berlin verschmelzen lassen." Das Brandenburger Tor werde auch noch in hunderten von Jahren die erste Assoziation mit Berlin sein. "Damit wollte ich spielen, die alte Geschichte mit neuer Geschichte verbinden, auf die historischen Gebäude eine neue, futuristische Architektur setzen und damit das Alte in einem neuen Gewand erstrahlen lassen." Der "Himmel über Berlin" von Wim Wenders habe das futuristische Berlin schon einmal auferstehen lassen. "Das hat mich inspiriert", so Jones.

In Berlin gelebt zu haben und jetzt mit einem eigenen Film wiederzukommen, sei die Erfüllung eines Traumes. "Ich habe über 13 Jahre an dem Film gearbeitet, es hat sich in der Zeit viel verändert. Was aber blieb, war der Wunsch nach einer Stadt, die eine Art Schmelztiegel der Kulturen ist." Eine Metropole, die Menschen anzieht aber auch abschreckt. "Berlin ist die perfekte Metapher für das, was heute in der Welt vor sich geht", fügt Jones hinzu. Und verschwindet wieder Richtung Flohmarkt, wo er von der Zukunft verschluckt wird.

Sendung: radioBerlin 88,8, 23.02.2018, 13:40 Uhr

Beitrag von Anna Wollner

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