Der Journalist und Schriftsteller Ferdinand Schirach (Bild: Michael Mann)
Audio: Kulturradio | 12.03.2018 | Peter Claus | Bild: Michael Mann

Interview | Ferdinand von Schirach - "Ein Verteidiger verteidigt nicht die Tat, sondern den Menschen"

Ferdinand von Schirach stellt am Montagabend sein neues Buch "Strafe" vor. Warum klar war, dass das Buch so heißen würde und warum ein Prozess ohne Verteidiger nicht funktionieren würde, erklärt der langjährige Strafverteidiger im Interview. Der rbb überträgt die Lesung ab 20 Uhr im Livestream.

rbb: Herr von Schirach, mussten Sie sich eigentlich verbiegen, als die Entscheidung gefallen ist: Sie studieren Jura? War das ihr eigener Wunsch?

Ferdinand von Schirach: Ich wollte tatsächlich sehr früh einen anderen, einen etwas künstlerischeren Beruf machen: Ich wollte Theaterregisseur werden. Aber ich bin ein ganz bürgerlicher Mensch und hab deshalb Jura studiert, weil ich auch ein bisschen Angst hatte, mit allen anderen Dingen unterzugehen. Erst mit 45 Jahren konnte ich mir das dann ein bisschen aussuchen und habe mit dem Schreiben begonnen.   

Und können jetzt nicht mehr als Strafverteidiger arbeiten …

Das wäre zu schwierig, da haben Sie Recht. Auch ein kleiner Fall würde heute eine Aufmerksamkeit erfahren, die ihm nicht zusteht. Man weiß auch nicht, ob die Leute, die im Gericht arbeiten, der Richter oder der Staatsanwalt, etwas mit den Büchern anfangen können und ob die Bücher nicht das Verfahren selbst überlagern. Das kann man tatsächlich niemandem mehr zumuten.

Vor zwei Jahren haben Sie viele Menschen überrascht. Sie sind als Schauspieler aufgetreten in einem sehr hübschen Film - "Ferien". Darin haben Sie einen Trödelhändler gespielt, der ein böses Ende nimmt. War das ein Versuch, sich neu zu definieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin befreundet mit Detlef Buck, dem Regisseur. Seine Tochter studierte an der Filmakademie in Potsdam und das war ihr Abschlussfilm. Natürlich haben diese Studenten überhaupt kein Geld, einen Schauspieler zu bezahlen, einen berühmten Schauspieler, und sie hat mich gebeten, ob ich das spielen würde - und natürlich habe ich das gemacht.

Sie hat Sie so fotografieren lassen, dass vor allem ihre Augen zum Einsatz gekommen sind. Man hat diese Figur als Zuschauer über diese wasserblauen Augen erschlossen ...

Das wusste ich nicht ...

Da war eine große Melancholie zu spüren und wir alle sind simpel gestrickt und haben uns gefragt: Ist er so ein melancholischer Mensch, dieser Ferdinand von Schirach? 

Das wird jetzt sehr privat. Aber ich kann das nicht genau sagen. Mir hat dieser Film große Freude gemacht und das ist auch ganz komisch, weil er so ein komplett verhuschter Antiquitätenhändler ist, der eigentlich auch keine Antiquitäten, sondern nur Müll in seinem Laden hat. Irgendwelches Kramszeug. Das war eine lustige Erfahrung.

"Strafe" - das neue Buch ist gerade erschienen. Am Montagabend also die Buchprämiere im Luchterhandverlag von Ferdinand von Schirach. Davor war "Verbrechen", dann kam "Schuld", jetzt also "Strafe". Es ist eine Trilogie. Es ist der Abschluss, dieses Buch? 

Ja. Also das ist der Abschluss dieser drei Bücher, das war so geplant von Anfang an, dass es drei werden. Also Verbrechen, Schuld und Strafe, weil es der Prüfungsreihenfolge im Gericht entspricht. Also zuerst wird geprüft, ob ein Verbrechen vorliegt, also eine vorsätzliche oder fahrlässige, rechtswidrige Tat. Dann, wenn das bejaht wird, sieht man sich im Gericht an, ob der Angeklagte auch Schuld daran trägt, oder ob er irgendwie schuldig ist. Die Schuld wird gewogen und wenn auch das bejaht wird, wird eine Strafe ausgeworfen. Es war allerdings so: Das letzte Buch in dieser Reihe, "Schuld", ist schon acht Jahre her, und ich wusste tatsächlich nach "Schuld" nicht genau wie ich das weiter schreibe und deswegen hat es so lange gedauert.

Zwölf Geschichten sind es, in unterschiedlichen sozialen Milieus spielend. Sind es wieder Geschichten, die alle auf Tatsachen beruhen, davon angeregt sind?

Ja. Die Geschichten sind so, wie sie geschrieben sind, natürlich nie passiert, sondern sie sind aus vielen verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt. Ich habe in etwa 700 Strafverfahren verteidigt, und es gibt sehr viele Dialoge, die ich noch im Kopf habe - kleine Szenen, Orte, Auseinandersetzungen vor Gericht - und die habe ich für dieses Buch zusammengesetzt. Was aber bleibt in all diesen Geschichten, ist der Grundton, den man auch in den tatsächlich passierten Geschichten hat. Also die Einsamkeit und die Traurigkeit der Protagonisten in diesem Buch.

Eine Geschichte prägt sich sicherlich vielen Leserinnen und Lesern besonders ein, das ist die Geschichte einer jungen Frau, die Strafverteidigerin werden möchte, und dann wird sie es auch und muss ein Scheusal verteidigen. Am Ende steht ein ganz schreckliches Verbrechen, das er zumindest angeregt haben dürfte, eine Zeugin wird brutal umgebracht. Diese Geschichte endet, nicht von Ihnen so aufgeschrieben, aber im Kopf des Lesers mit der Frage: Ist Verteidigung in jedem Fall wirklich richtig? Gibt es nicht auch Fälle, wo man sagen muss: Hier geht jemand wirklich zu weit, der kann nicht verteidigt werden?

Sie müssen sich zunächst mal vorstellen, dass der Verteidiger ja nicht die Tat verteidigt. Also er verteidigt nicht, dass jemand umgebracht worden ist, oder geschändet, oder mit Drogen gehandelt worden ist. Sondern der Verteidiger verteidigt den Menschen, was etwas komplett anderes ist. Das sind zwei paar Stiefel. Zum anderen ist es so, dass eine Verteidigung sogar dringend notwendig ist. Der Strafprozess funktioniert nur mit einem Verteidiger. Wenn sie den wegstreichen, dann bricht er in sich zusammen. Es gibt einen schönen Satz von einem Richter am Bundesgerichtshof bei einer Podiumsdiskussion. Jemand  aus dem Publikum sagte: "Verteidiger sind doch nur die Bremsen am Wagen der Gerechtigkeit", und dieser Richter sagte: "Ja, aber was wollen sie denn mit einem Wagen ohne Bremsen?" - das funktioniert nicht, und genau so ist es. Der Verteidiger hat eine ganz essentielle Position in einem Strafverfahren und ein Gleichgewicht kann nicht hergestellt werden, wenn es den Verteidiger nicht gibt.

Das Interview führte Peter Claus, Kulturradio.

Zu lesen ist hier eine gekürzte Fassung. Das gesamte Interview hören Sie, wenn Sie auf den "Play-Button" im Titelbild des Beitrags klicken.

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5 Kommentare

  1. 5.

    Da ich ein leidenschaftlicher Kriminalroman Leser bin, gebe ich Ihnen insofern recht mit dem wie Sie seine Bücher beschreiben. Doch bitte vergessen Sie dabei auch nicht: Herr F. Schirach ist beileibe nicht der geborene Kriminalautor, sondern ersteinmal ein Jurist.Genausowenig wie der Rechtsmediziner M.Tsokos mit seinen drei Spannungsromanen. Muß man eben mögen oder läßt es gleich bleiben. Ich habe sie alle gerne gelesen. Sie zählen aber nicht zu meinen Favoriten.

  2. 4.

    Über Geschmack lässt sich nicht streiten.

    Ich persönlich habe einiges von diesem Autoren gelesen und mir fällt es schwer, dem fiktional Geschilderten etwas Spannung oder Reiz abzugewinnen. Denn jede einzelne Geschichte, die ich gelesen habe, kann sich kaum von einer unbändigen Faszination von Straftaten sowie der Täter*innenfixierung lösen. Dass gerade dieser Zusatz "auf wahren Begebenheiten beruhend, davon inspiriert" etc. das noch verstärkt, empfinde ich als reißerisch und voyeuristisch. Es ist diese Tat- und Täter*innenfixierung, die auch unser heutiges Rechtssystem in vielen Teilen stark prägt und Betroffenenperspektiven in vielen Verfahren übergangen werden - ein Aspekt, den man eigentlich nicht auch noch forcieren sollte.

    Hinzu kommt seine Ausgestaltung des Erzählten - es ist bewusst direkt, präzise, ein knapper Erzählstil. In Anbetracht der Ausschlachtung ausgemalter Verbrechensfantasien wirkt das auf mich aber aufgesetzt und bemüht.

  3. 2.

    "... was wollen Sie aber mit einem Wagen ohne Bremsen?"

    Für mich ist das der entscheidendste Satz.
    Es gibt tendenziell zwei grundverschiedene Weltbilder und das sollte auch ganz klar so gesagt werden, der Erhellung wegen:

    1. Dass Dingen und Verhältnissen ein ungebremster Durchmarsch garantiert werden müsste. Aufofahrende, die sich durch jedes am Straßenrand aufgestellte Verkehrsschild, das ein Tempo anzeigt, ausgebremst fühlen und es darum als Ärgernis ansehen. Dementsprechend dann alle Versuche, Geschw.bremsendes zu umgehen und ggf. zu ignorieren.

    2. Dass Dinge und Verhältnisse ihre spezifischen Umstände haben, mal mit dieser Geschwindigkeit, mal mit jener. Und dass es gar nicht auf Schnelligkeit, sondern auf intensive Beleuchtung von etwas ankomme. Da fühlt sich dann auch niemand ausgebremst, weil es keine besseren und schlechteren Geschwindigkeiten gibt, nur andere.

    Den 1. Weg würde ich als reinen technischen ansehen, den 2. als zwischenmenschlichen.

  4. 1.

    Als begeisterter Kriminalroman Fan kann ich die Buchreihen von Herrn Schirach nur zu gerne weiterempfehlen.

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