Karin Dreijer Andersson am 26.02.2018 in Prag. (Quelle: dpa/Katerina Sulova)
Audio: Inforadio | 01.03.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: CTK

Konzertkritik | Fever Ray in der Columbiahalle - Befreiend, humorvoll und hemmungslos

Kahl rasiert, das Gesicht leichenweiß, die Augen schwarz umrandet: Karin Dreijer Andersson, Frontfrau des Projekts Fever Ray, zeigt Mut zur Hässlichkeit. In der ausverkauften Columbiahalle hinterfragt sie alles, eingebettet in einen fetten, satten Sound. Von Nadine Kreuzahler

Bekannt wurde Karin Dreijer Andersson als Frontfrau der schwedischen Elektroband The Knife. Nebenbei aber startete sie noch ihr Solo-Projekt Fever Ray, das bei Kritikern und Fans ähnlich gut ankam. Aber das ist acht Jahre her. Und nun ist ein neues Album da und Fever Ray ist auf Tour, am Mittwochabend nun war sie in der ausverkauften Columbiahalle.

Das Konzert fängt mit einem Verwirrspiel an: nacheinander kommen sechs Frauen auf die Bühne, alle in einem schrillen Kostüm. Jede von ihnen könnte Fever Ray sein. Aber zwei positionieren sich an den Percussions, eine am Keyboard und tja, die restlichen drei schnappen sich jede ein Mikrofon. Welche von ihnen ist also Fever Ray? Die in dem Kostüm einer muskelbekackten Bodybuilder-Karikatur? Die im engen, glitzernden Outfit einer sexy Fitnesstrainerin? Nein. Das sind die beiden Sängerinnen und Tänzerinnen, die Fever Ray den ganzen Abend lang flankieren und ihr nicht von der Seite weichen.

Eine Sängerin von Fever Ray am 26.02.2018 in Prag. (Quelle: dpa/Katerina Sulova)
Begleitung im Outfit einer Fitnesstrainerin - die Background-Sängerin von Fever Ray | Bild: dpa/Katerina Sulova

Mut zur Hässlichkeit

Fever Ray selbst steht mit kahl rasiertem Schädel auf der Bühne, das Gesicht leichenweiß, die Augen schwarz umrandet. Auf ihrem T-Shirt steht "I Love Girls", dazu trägt sie ausgeleierte unförmige Riesen-Unterhosen. Sich verkleiden, das heißt bei Fever Ray immer auch: Mut zur Hässlichkeit. Allen Schönheitsidealen und Erwartungen einfach nicht entsprechen. Wie befreiend! Das Hinterfragen von Männlichkeit und Weiblichkeit, überhaupt von Geschlecht - das ist eins der bestimmenden Themen auf dem neuen Fever Ray Album "Plunge".

Sex und Politik

Freimütig singt Fever Ray darauf über Geschlechtsorgane und Geschlechtsverkehr, über Gewalt und Sex, Liebe und Begehren, Macht und Scham. Im Song "Falling" heißt es: "She makes me feel dirty again, that old feeling of shame." In der ausgekoppelten Single "To the Moon and back" singt Karin Dreijer Andersson davon, wie sie mit den Fingern in eine Vagina eindringen will: "First, I take you, then you take me, breathe some life into a fantasy, your lips, warm and fuzzy. I want to run my fingers up your pussy." Im Video dazu lässt sie sich genüßlich anpinkeln. Im Song "This Country" wird es explizit politisch: "Free abortions and clean water" heißt es da, "destroy nuclear".

Auf der Bühne in der Columbiahalle reckt sie mit ihren Tänzerinnen die Fäuste in die Luft und deutet Sexspielchen an. Kämpferisch und cool geht es zur Sache, aber auf keinen Fall spaßbefreit, sondern im Gegenteil sehr befreiend und auch humorvoll. Immer wieder tanzen die drei völlig hemmungs- und losgelöst.

Muskalisch geht es hin und her

Der Sound bei alldem ist fett und satt. Musikalisch reicht die Bandbreite von elektronischen Klangflächen über lateinamerikanische Percussions hin zu einem dröhnenden Bass, der die Eingeweide in die Zange nimmt.

Sphärische Ambientflächen gleiten hinüber in einen drängenden Beat. Dann wird es kurz quietschbunt und knallig beim Song "IDK About You". Dann wieder verstörend und unheimlich. Es ist ein ganz schönes Hin und Her. Hier und da sind auch ältere Fever Ray Songs eingestreut wie "When I Grow Up" und als Zugabe der Hit "If I Had a Heart".

Kein Wegtauchen mehr

Man merkt: Da ist ein Bruch. Früher war mehr Geheimnis, mehr Düsternis. Heute, acht Jahre später, will es nicht mehr so recht klappen mit dem völligen Abtauchen in andere Welten. Dafür wirkt Fever Ray entschlossener, direkter, und politischer, eben nicht mehr so entrückt.

Zum Schluss leuchten die Lichter auf der Bühne in den Regenbogenfarben der Lesben-, Schwulen- und Transgender-Bewegung. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten inklusive Zugaben ist dann abrupt Schluss. Schade einerseits. Andererseits ist auch alles gesagt. Der Abend: Er ist gelungenes Gesamtkunstwerk und politisches Statement.


Beitrag von Nadine Kreuzahler

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Für mich war das Album Fever Ray die Platte des Jahres 2009! Die Tickets habe ich geschenkt bekommen, weil ich sie immer noch gern und oft höre. Entsprechend enttäuscht war ich gestern, da selbst die wenigen emotionaleren Songs derart musikalisch zerhackt und in einen Mix aus rosa Kasperletheater und Freakshow gepackt wurden, dass wir ehrlich gesagt froh waren, als das Konzert endete. Der Sound an sich war grandios, aber meinen Musikgeschmack hat es so nicht mehr getroffen!

  2. 2.

    Die Künstlerin heißt seit einer Scheidung im vermutlich letzten Jahr Karin Dreijer, siehe verlinktes Interview mit The Guardian vom 18.11.2017.

    https://www.theguardian.com/music/2017/nov/18/fever-ray-pleasure-patriarchy-political-revolution-plunge-karin-dreijer

  3. 1.

    Leider wurden die meisten Songs in Latino-Versionen gespielt, das fand ich schrecklich. Stimmt, früher geheimnisvoller und düsterer – da denke ich gern noch ans erste Berlin-Konzert im Berghain.

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