Illustration: Geschäftsmann und Geschäftsfrau mit Zahnrädern über ihren Köpfen schauen sich an (Quelle: imago / Paul Reid).
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Berlinerinnen, Lehrerinnen und Vormundinnen* - Das haben wir aus dem Perspektivwechsel am Frauentag gelernt

Berlinerinnen statt Berliner, Polizistinnen statt Polizisten - am Frauentag haben wir die männliche Dominanz bei der Beschreibung von Gruppen mal umgedreht - und einiges dabei gelernt.

Ein kleines Sternchen am Ende der Dachzeile, ein paar kurze Zeilen unter jedem Text - wir wollten unseren Perspektivwechsel zum Frauentag am Donnerstag so dezent wie möglich machen. Denn eigentlich sollte es ja keine große Sache sein: Einen Tag lang schreiben wir statt "Berlinern" "Berlinerinnen", statt "Beamten" "Beamtinnen". Keine *, keine _, keine anderen Verkomplizierungen. 

Wir nehmen nur der männlichen Bezeichnung den Vortritt und geben ihn stattdessen der weiblichen. Denn Frauen werden bei Gruppen immer mitgemeint, umgekehrt aber gibt es das nicht. Das "generische Maskulinum" ist linguistische Tradition, gewachsen seit 2.000 Jahren, und meint verallgemeinernd beide Geschlechter, führen die Befürworterinnen und Befürworter als Argument an. Wir finden: Die Macht der Gewohnheit reicht als Begründung nicht aus. Denn Sprache verändert sich die ganze Zeit.

Die Macht ist stark in uns

Um an dieser Stelle mal wieder bisschen Pathos herauszunehmen: Zu anstrengend soll es ja auch nicht sein, also dachten wir ganz egoistisch in unserer morgendlichen Redaktionskonferenz, dass wir uns mit dem "generischen Femininum" begnügen würden. Die Männer mitzumeinen würde kein zu großes Hindernis im knirschenden Redaktionsbetrieb bedeuten. Hinweise darauf ließen wir extra so knapp ausfallen, damit Leserinnen und Leser beiläufig über die ungewohnte Beschreibung stolpern würden. Denn mit Belehrungen erreicht man nichts. Schafft man es, Gedanken anzustoßen, ist schon viel erreicht. 

Die meisten Kolleginnen und Kollegen fanden die Aktion gut. Das änderte sich dann allmählich, als sie am Mittwoch an ihren Schreibtischen saßen und Meldungen verfassten. Denn natürlich nervte das, immer auf die Wortwahl achten zu müssen, ständig korrigiert von einem Redakteur, der sich den ganzen Tag lang um nichts anderes kümmerte. Ausnahmsweise. Die Macht der Gewohnheit ist eben auch in uns eine starke.

Oft zu büroklammerig

Bei manchen Meldungen war der Unterschied verblüffend, zum Beispiel bei einer über Lehrkräfte an Berliner Grundschulen. Sechs von sechs Mal hätte es qua Gewohnheit vorher "Lehrer" geheißen, obwohl in dem Beruf in Berlin mehrheitlich Frauen arbeiten. Wir lernten, dass die weibliche Form manchmal so lang ist, dass sie die Zeichenbegrenzung in Überschriften sprengt. Stießen auf Eigenarten wie: maskulin formulieren, wenn die feminine Form zwingend wäre. "Die Kurden-Organisation YPG ist ein wichtiger Verbündeter" ergibt keinen Sinn - die Organisation muss "die Verbündete" heißen. Politiksprech. Dazu kommt noch: Es hätte natürlich unserer eigenen Regel entsprechend "Kurdinnen-Organisation" heißen müssen. Das haben wir übersehen.

Auch ansonsten übersahen wir manches: Patienten und Fahrer, Sozialdemokraten und Mitarbeiter zum Beispiel. Und wir lachten über das schönste Wort, das wir am Mittwoch kennengelernt haben: Vormundinnen. Kannten wir nicht, wussten wir nicht. Irgendwann machte es Spaß.

Andere Texte haben wir ebenso begierig durchgescannt - nur um dann festzustellen, dass darin eh kaum Menschen vorkamen. Ein Neben-Lerneffekt also, der überhaupt nichts mit "gendern" zu tun hat: Wir sind manchmal zu technisch, zu abstrakt, büroklammerig, beschreiben Dinge und Strukturen, wo Frauen und Männer buchstäblich lebendiger wären - gerade im Politikressort. Da ist dann eben vom Nachtragshaushalt die Rede, von Mitteln, Geldern, Verkehrsinfrastruktur, Änderungsanträgen, und Rücklagen.  

"Sehr anstrengend und unnötig aufwendig"

Das Feedback der Leute draußen war gemischt, unter der Meldung über unseren Versuch entwickelte sich eine energische, aber größtenteils angenehm sachliche Diskussion. Viele lehnten die Idee ab. Grob gesagt entweder, weil sie das Reizwort "Gender" auf die Barrikaden brachte, oder weil der Aufwand den Nutzen aus ihrer Sicht deutlich überstieg - beziehungsweise es aus ihrer Sicht keinen Handlungsbedarf gibt. "Wenn wir das ändern wollten, müssten wir die Regeln der Rechtschreibung ändern. Das wäre sicher möglich, wäre aber streng genommen genauso einseitig wie die andere, männliche Form. Stets beide Formen zu schreiben finde ich sehr anstrengend und unnötig aufwendig", schrieb eine Leserin.

"In der üblichen Sprache werden Frauen schon jahrhundertelang benachteiligt bzw. sind nicht 'sichtbar'. Und bei nur 1 Tag mal anders regen sich so viele Männer auf!", schrieb eine andere. 

Warum also nicht immer so? Weil das den gleichen Fehler nur herumdrehen würde. Als Denkanstoß für eine begrenzte Zeit funktioniert das, aus unserer Sicht hat sich dieses Experiment gelohnt. Dauerhaft aber wollen wir ja auch genausowenig Männer diskriminieren, die bei "Polizistinnen" oder "Arbeiterinnen im Hochbau" mitgemeint werden (von letzteren sind in Berlin und Brandenburg übrigens 1,5 Prozent Frauen). Das Ziel also ist simpel: Einfach mal öfter durchmischen.

Kommentar

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19 Kommentare

  1. 19.

    Bitte seid doch so konsequent und verwendet am Vatertag nur die männliche Form und am Kindertag nur die kindliche und am Veganertag nur die vegane und am Murmeltiertag nur den Präsenz ;-)

    Nee, Scherz beiseite - nette Aktion! Ein bisschen befremdlich, da man so etwas von einer Nachrichtenredaktion nicht erwartet, aber es passt irgendwie zum rbb und zu Berlin.

  2. 17.

    Genau diese Linken mit ihrem Binnen-I bringen die Leute auf die Palme. Immer mehr Normalbürger fühlen sich durch diese übertriebene Korrektheit genervt und ärgern sich darüber, dass mit einem Teil ihrer Steuern auch noch irgendwelche Gender-Professuren finanziert werden. Als ob wir in Deutschland keine anderen Probleme haben... (die übrigens in erster Linie von Linken bzw. nach links gedrifteten Leuten aus der ehemaligen Mitte verursacht wurden und werden)

  3. 16.

    Meine volle Zustimmung. Frauen finden die Gentrifizierung übrigens oft lächerlich, die wird nur von einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe aus ideologischen Gründen gewünscht.
    Man sollte bei den Fakten Gleichberechtigung schaffen, Berufswelt, keine Unterdrückung von Frauen in der Familie usw., und sich aber nicht stattdessen mit einer verkünstelten unnatürlichen Sprache abkämpfen.

  4. 15.

    Ich als BerlinerIN finde ja, man sollte nicht zuuuu viel abkürzen. MitarbeiterInnen oder Mitarbeiter*innen gesucht ist immer Kacke im Vergleich zu "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht". "Angestellte" ist übrigens neutral ;-)

    Jedenfalls kann man den AKüFi (Abkürzfimmel) ruhig sein lassen und ein/zwei Wörter mehr spendieren, denn die vielzitierte "Lesbarkeit" wird durch *Innen nicht verbessert!

    Sehr geehrte Damen und Herren statt Sehr geehrte Anwesende

    Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter statt "Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der weiblichen und männlichen Sprachform verzichtet. Selbstverständlich bezieht sich dieses Stellenangebot gleichermaßen auf weibliche und männliche Bewerber", was ja viel länger und komplexer ist!!

    Wo ist da das Problem?? Einfach(er) besser machen...

  5. 14.

    Ich fühle mich davon nicht ungerecht behandelt, das wäre wirklich Unfug. Das Problem ist, dass sich hier die gesamte Redaktion die Dogmen einer bestimmten politischen Bewegung zu eigen macht. Es ist nicht OK, wenn ein ÖR-Sender derart offen politisch Partei ergreift. Wenn von Vertrauensverlust in den Journalismus die Rede ist, dann liegt das z.B. an solchen Aktionen.

    Dass normales Hochdeutsch "Frauen benachteilige", eine blödsinnige Behauptung ist, sei nochmal erwähnt. Die Begründungen dafür hab ich ja schon ausgebreitet, deswegen wiederhole ich sie hier nicht normal.

  6. 13.

    Hallo Jörg,
    das ist auch eine durchaus denkbare Variante, genau wie das * oder auch die Nennung der männlichen und auch der weiblichen Form. Wir haben uns für den Weltfrauentag für frauendominante Sprache entschieden, es ging uns wie gesagt nicht um genderneutrale Sprache.
    Einen schönen Samstag wünscht
    rbb|24

    PS: Wir fühlen uns geschmeichelt, dass wir als 20-30 Jährige eingeschätzt werden.

  7. 12.

    Hallo *,
    danke für Interesse, und schön, dass Sie das beobachtet haben. Hier war es tatsächlich etwas schwierig, zu entscheiden. Da aber unter den Mitmusikern und Mitmusikerinnen theoretisch oder tatsächlich (?) auch Frauen hätten dabeisein könne, haben wir die weibliche Form gewählt.
    Ein schönes Wochenende wünscht
    rbb|24

  8. 11.

    Also ihr RedakteurInnen scheint wihl zur Klasse der 20-30 jährigen unoolitischen neiliberal erzogenen Navhwendekinder zu gehören. Als fast 60 jähriger Berlin West Mensch mit pazifistischer und linker Geschichte ist diskreminirungsfreies schreiben mit großem I selbstverständlich. Dann kammen die jungen Sektiererinnen und meinten alles neu erfinden zu müssen. Das Problem der Westlinken ! Nicht aus Erfahrungen lernen sondern immer wieder alles neu erfinden müssen. Gilt für viele Themen . Ein gutes Beispiel für antipatriarchalisches Sektiertum war gerade das Gedichtbeispiel bei meinen zukünftigen (und aktuellen) BerufskollegInnen.

    Also bitte regelmäßig wieder das große I benutzen oder da wo nur Männer oder Frauen gemeint sind ohne innen dann wird alles gut, und ach ja mensch statt man. Freiheit und Glück.

  9. 10.

    Ich fands gut. Eine besondere Stilblüte hat aber im Artikel über die Aktivitäten von Seeed gewurzelt, die sich "mit Musikerinnen, Freundinnen und Bekannten wie Deichkind, Malky oder auch dem Newcomer Sway Clarke" getroffen haben; alles Männer. Und wenn außer den genannten Bands und Künstlern auch Frauen darunter waren, hätten sie eine Nennung sicher verdient.

  10. 9.

    wie ist das jetzt bei gleichgeschlechtlicher Ehe
    ER : der Mann ( männl.icherPart )
    ER : Männin ? ( weiblicher Part )

  11. 8.

    Im Einzelnen können wir Ihnen das leider nicht sagen, da wir die Meinungen nicht protokolliert haben. In der Redaktionssitzung während der Aktion gab es einzelne Stimmen etwa gleichermaßen von Männern als auch von Frauen, die dem skeptisch gegenüberstanden. Der Großteil der Redakteurinnen und Redakteure, die während der Redaktion im Dienst waren, fanden das Projekt toll und hatten Spaß daran - wir waren an dem Tag, was Männern und Frauen anging, sehr gleichmäßig besetzt.
    Wir hoffen, diese Antwort ist zufriedenstellend :) Oder wollen Sie auf etwas Bestimmtes hinaus?
    Grüße, rbb|24

  12. 7.

    Das ist jetzt aber eine sehr vereinfachte Antwort. Wissen wollte ich, ob es Unterschiede gab. Und die Frage bezog sich auf das Danach, und nicht auf das Davor.

  13. 6.

    Hallo Lolo,
    sowohl Redakteure als auch Redakteurinnen fanden die Idee gut, sowohl Redakteure als auch Redakteurinnen waren skeptisch.
    Viele Grüße aus der Redaktion!

  14. 4.

    Interessant wäre es, wie die Reaktion auf diese Erfahrung in der Redaktion jeweils von weiblichen und männlichen RedakteurInnen gesehen wird?

  15. 3.

    @rbb Danke für diesen Erfahrungsbericht auch zu euren Überraschungen! "Einfach mal öfter durchmischen." Daran kann mensch sich gewöhnen und *** begegnen mir sogar in Schreiben von Mitarbeiter*innen der Berliner Verwaltung, aber die beschäftigen sich ja auch alltäglich mit komplizierten Sachverhalten ;)
    Traut ihr euch noch einen Schritt weiter zu gehen? Etwa mit Sternchen in Beiträgen während der Berliner Queer Days vom 19.07.2018 bis 29.07.2018 - in der "Sommerpause" ?! https://www.facebook.com/BerlinQueerDays/
    Könnte auch interessante Überraschungen bergen ;)

  16. 2.

    mir ist es tatsächlich gar nicht aufgefallen - erst, als ich unter dem Text das Rote gelesen habe, hab ich gedacht: aha, nice. Und dann sah ich die Kommentare der echten Kerle :-) und da wusste ich, dass das öfter gemacht werden sollte.... Perspektivwechsel...

  17. 1.

    Ich finde die Idee des rbb ja gar nicht so verkehrt. Zeigt sie doch die Grenzen auf und eventuell auch, dass das alles ziemlich lächerlich werden kann, dass sich nun im Umkehrschluss die Männer ungerecht behandelt fühlen könnten, also alles von vorne anfängt und keinem geholfen ist. Vielleicht gäbe es da eine Lösung. Möglich, dass ich mich irre, aber in der DDR wurde Frau Honecker wohl mit "Frau Minister" angesprochen. Könnte man zur Güte daraufhin nicht z.Bsp. sagen "Sehr geehrte Damen/Frauen und Herren Minister / Polizisten / Schornsteinfeger" pp.? Ist zwar immer noch elendig lang, aber die männlichen Grundworte bleiben in ihrer historischen Form erhalten und es werden trotzdem Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen.

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