Valery Gergiev bei Festkonzert des Maruensky Theater St. Petersburg in der Philharmonie in Berlin vom Veranstalter Gazprom Germany und Wintershall. (Bild: dpa/Radke)
Audio: Inforadio | 23.03.2018 | Jens Lehmann | Bild: Eventpress Radke

Konzertkritik | Mariinsky-Orchester in Berliner Philharmonie - Gergievs schwer verständliche Kitsch-Hitparade

Valery Gergiev ist einer der einflussreichsten Dirigenten der Welt. Am Donnerstag war er mit seinem Mariinsky-Orchester in Berlin zu Gast - und malte mit dem ganz breiten Pinsel. Jens Lehmann war gar nicht begeistert.

Inzwischen ist Valery Gergiev zwar "nur" noch Chef der Münchner Philharmoniker und Leiter eines wahren Musikimperiums in St. Petersburg mit mehreren Ensembles und Festivals. Trotzdem kann es schon mal vorkommen, dass er mehr als 40 Konzerte in drei Wochen dirigiert. Und in schöner Regelmäßigkeit geht er mit den Musikern seines Mariinksy-Theaters auf Tournee. Im Gepäck: ein typisches Tournee-Programm. Beethoven und Tschaikowsky - bloß keine Experimente! Diesmal gibt es auch keine Demonstrationen gegen den Putin-Freund, der schwulenfeindliche Gesetze in Russland ebenso gerne verteidigt wie die Annexion der Krim. Gergiev selbst betont immer wieder: Musik kann ja auch Brücken bauen.

Gergiev würde sich am liebsten in die Streicher reinwühlen

Vielleicht hätte er auch eine zu seinem Solisten Nelson Freire bauen sollen. In Beethovens fünftem Klavierkonzert spielen alle munter nebeneinander her, der 73-jährige Pianist schmiert und schludert, dass es einem die Schuhe auszieht - und Gergiev kann oder will ihm nicht helfen, obwohl er ohne Dirigentenpodest ganz auf Augenhöhe ist. Dieser Beethoven kommt einfach nicht vom Fleck, wirkt fast ein wenig täppisch, bäuerlich, leicht angetrunken - als sei es ein Stück von Tschechow.

Nach der Pause dann Tschaikowsky, natürlich: die "Pathétique". Wieder steht Gergiev ohne Podest inmitten seiner Musiker, würde sich am liebsten in die Streicher hineinwühlen, dirigiert auswendig - und nur schwer verständlich. Seine Hände fliegen zitternd durch die Luft, die Arme rudern, jeden Schlag gibt es mindestens fünfmal. Vielleicht hilft es ja seinen Musikern, dass er die Einsätze gerne mit lautem Atmen ankündigt.

Amüsierpflicht für Musik in der Schwebe

Und auch bei der "Pathétique" malt Gergiev mit dem ganz breiten Pinsel. Zudem stimmt die Balance nicht. Entweder haben die restlichen Streicher nicht mehr in den Tourflieger gepasst, oder Gergiev lässt das Blech doch nur so unkontrolliert losschmettern, dass dem Stück genau die Raffinesse abgeht, die es braucht, um aus der Kitsch- und Klassik-Hitparaden-Ecke zu kommen.

Und Gergiev genießt seine Macht vielleicht zu sehr, hält die Musik oft so lange in der Schwebe, bis sie ihm in den zitternden Händen zerbröselt. Egal: Bei Kartenpreisen bis zu 120 Euro herrscht Amüsierpflicht - und das Mariinsky-Orchester und sein charismatischer Dirigent werden auch für das Tournee-Mittelmaß gefeiert.

Sendung: Inforadio, 23.03.2018, 06.00 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    "Und auch bei der "Pathétique" malt Gergiev mit dem ganz breiten Pinsel."

    Das mag ja stimmen im übertragenen Sinn. Manchmal dirigiert er (realiter!!!) aber auch mit einem Zahnstocher als Taktstock. Gergiev ist eben ein bisschen exzentrisch. Zum Glück!

  2. 1.

    Haben diese Autoren denn mal selber einen Taktstock in der Hand gehalten, da gestanden, und den Musikern in die Augen geschaut...Nein, Herr Lehmann hat es nicht. Ich finde, damit erübrigt sich dann immer einiges. Ausserdem: Beschreiben sie einmal mit Worten das Radfahren. Es geht nicht, man kann eine ganze Doktorarbeit darüber schreiben und muss es doch selbst erlernen, um es zu verstehen. Naja, Soweit von meinem Sofa aus

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