Thomas J. Mayer (als Jochanaan) und Ausrine Stundyte (als Salome) in der "Salome" in der Staatsoper (Quelle: Imago)
Bild: imago stock&people

Opernkritik | "Salome" an der Staatsoper - Ein überzeugender Ersatzdirigent und kein Skandal

Regisseur Hans Neuenfels ist immer für einen Inszenierungsskandal gut. Seine "Salome" nun an der Staatsoper allerdings wirkt streckenweise fast ein wenig banal. Überzeugt hat Barbara Wiegand dagegen der kurzfristig eingesprungene Ersatz-Dirigent. 

Erst vergangene Woche war er eingesprungen als Dirigent dieser "Salome"-Premiere an der Deutschen Staatsoper: Thomas Guggeis. Entsprechend hoch war die Spannung, unter der dieser junge "Ersatzdirigent" stand. Offenbar um diese Spannung loszuwerden, legte Guggeis dann auch sehr schnell los. Und was zunächst gehetzt wirkte, klang dann sehr schnell immer souveräner, immer tiefer tauchten die Musiker ein in Strauß' dynamisches Netzwerk an Tönen, um immer mehr auch eins zu werden mit den Sängern. Und genau das wird von diesen Abend in Erinnerung bleiben, mehr noch als manch Provokation des Regisseurs.

Donnernd verkündend und mit menschlicher Leidenschaft

So präsentierte Ausrine Stundyte ihre Titelpartie der Salome: verzweifelt verliebt, verloren und berechnend beherrschend, fast kammermusikalisch. Und sie sang selten volle Kraft voraus, dafür jedoch rhythmisch messerscharf und in der Höhe genauso schneidend und manchmal mit ausladendem Vibrato. Ihr Gegenüber, Thomas Johannes Mayer als Prophet Jochanaan, der von Salomes übergriffigem Stiefvater gefangen gehalten wird, sang meist mit donnernd verkündender Stimme und doch auch sehr durchdringender menschlicher Leidenschaft.

Geköpft auf dem Silbertablett

Ganz genau hört und sieht man, wer und was diese Figuren sind in diesem Stück um zerstörerische Leidenschaft, Sinn und Sinnlichkei, Verkommen- und Verklärtheit. Man hört und man sieht es, denn bis in die kleinste Geste hinein entwickelt Regisseur Hans Neuenfels die Charaktere: Salome, die sich und ihren Körper windet wie eine Schlange, begierig begehrenswert, benutzend, und Jochannaan, der dagegen ein biblischer Täufer ist, im Glauben standhaft, unter der Last der Leidenschaft aber doch einknickend.

Neuenfels bleibt nah dran an dieser Geschichte der sagenhaften Prinzessin Salome, die ihren  Stiefvater und seine Geilheit ausnutzt, um ihn, den Jochanaan zu bekommen. Und Jochanaan will sie, wenn schon nicht lebendig, so doch im Tode haben: geköpft und auf dem Silbertablett serviert.

Ein Geschlechterwechsel-Dich-Spiel

Aber Neuenfels wäre nicht Neuenfels, wenn nicht mindestens einige Geschlechtsteile und mehr oder weniger deftige Andeutungen auf der Bühne versammelt wären. So sitzt Jochanaan in einem Käfig, ähnlich einer Rakete in Phallus-Form, ist darin also gefangen in seiner Männlichkeit. Gekleidet ist Jochanaan mit einem langen Rock, während Salome unter ihrem Tutu Hosen an hat.

"Oscar Wilde  is coming" steht in Leuchtbuchstaben über der Bühne. Dies ist eine Anspielung auf eben jenen Oscar Wilde, der die Stoffvorlage für diese Oper lieferte und der als Homosexueller unter den Moralvorstellungen im prüden viktorianischen Großbritannien gelitten hat.

Und so ist dies ein Geschlechter-Wechsel-dich-Spiel, das manchmal allerdings ganz schön platt daher kommt - und doch in seiner überdrehten Überzeichnung große Momente hat.

Neuenfels' "Salome" ist ganz sicher nicht skandalträchtig, vielmehr ein wenig banal manchmal und doch immer wieder beklemmend.

Sendung: Inforadio, 05.03.2018, 7.55 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich glaube auch, da hat sich der Hans verhauen. Any way, dafür hat er den genialsten Lohengrin der Nachkriegsgeschichte gemacht. Ist heute noch ein Aufreger.

  2. 2.

    Hallo Herr Jungmann,

    was meinen Sie genau? "Oscar Wilde is coming" stand laut unserer Rezensentin doch über der Bühne geschrieben. Freundliche Grüße!

  3. 1.

    Bitte korrigieren Sie die Premieren Kritik Salomé in "Wilde is coming". Oscar Wilde steht nicht auf der Bühne. Wäre dann auch keine Anspielung mehr...

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