Manja Präkels (Quelle: Nane Diehl/Verbrecher Verlag)
Audio: Kulturradio | 15.03.2018 | Christine Deggau | Bild: Nane Diehl/Verbrecher Verlag

Kranichsteiner Literaturförderstipendium - "Das Buch beschreibt eine Provinz-Wirklichkeit, die bis heute gilt"

Auf der Leipziger Buchmesse wird Manja Präkels geehrt für "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß". In ihrem Romandebüt erinnert sich die gebürtige Zehdenickerin an ihre Kindheit und entwickelt eine Art Geisterfahrt durch die ostdeutsche Provinz. Von Christine Deggau

Abgetaucht in die Anonymität der Großstadt: In Berlin findet Manja Präkels seit einigen Jahren die Sicherheit, die sie in ihrer ostdeutschen Heimat lange vermisst hat. Seit der Wende, seit Beginn der 1990er Jahre, änderte sich ihr Leben. Zehdenick, der Ort ihrer Kindheit im beschaulichen Brandenburg, wurde zum Kriegsschauplatz: Aus ehemaligen Sandkastenkameraden wurden Feinde. Die einen Neonazis, die anderen Opfer. Manja Präkels gehörte zu den Opfern. Eine die gejagt wurde, weil sie nicht mitmachte, gejagt von dem Trupp ihres Sandkastenfreundes Oliver, der sich später den Kampfnamen Hitler zulegte.

"Vielleicht hat mir Hitler das Leben gerettet, damals. Wir hatten gegeneinander gekämpft, ohne uns dabei je gegenüber gestanden zu haben. Und als wir uns – Jahre später – trafen, Veteranen nunmehr, Kriegsbeobachter, bekam ich keine Beleidigung, keine Demütigung, keinen Schlag, keine Kugel, nicht seinen Hass. Nur seine Nummer. Für den Fall, dass ich etwas Haschisch bräuchte."

Das Buch "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" ist keine Abrechnung. Es ist eine hautnahe, erschütternde Schilderung aus dem Leben in der ostdeutschen Provinz. Jugendliche und Ausländer werden dort von Rechtsradikalen angegriffen. Unschuldige sterben. Wie Ingo Ludwig bei einem Überfall auf eine Diskothek 1992. Manja Präkels war damals 15 Jahre alt und erlebte mit, wie sich die Tür öffnete und Glatzköpfe mit Springerstiefeln auf Tanzende einprügelten.

Vergessen kann sie diese Nacht bis heute nicht, verstehen, was damals geschah, noch weniger: "Mir kommt das manchmal so vor, als wären die Körper der Jugendlichen, von uns allen, also auch mein Körper, zu Medien geworden: für die ganze Wut, die aufgestaute Energie, den Stau, der schon in den 80ern passiert war, dieser Furor in uns ausbrach. Ganz merkwürdig. Das klingt esoterisch, soll’s gar nicht. Tatsächlich ist das die überzeugendste Erklärung, die ich gefunden habe."

Der Singende Tresen - Musik als zweite Leidenschaft

Heute fährt sie nicht mehr gerne nach Zehdenick, auch wenn ihr die Spaziergänge an der Havel fehlen. Was Manja Präkels damals erlebt hat, überhaupt alles, worüber sie nachdenkt, hat sie immer schon literarisch verarbeitet. Mehrfach schon wurde ihr lyrisches Werk ausgezeichnet. Aber erst als sie in einer Berliner Kneipe einen Gitarristen kennenlernte, wurden ihre Gedichte zu Liedern. 2001 gründet sie die Band Der singende Tresen.

Heute ist die Musik neben dem Schreiben ihre zweite Leidenschaft, die sie zum Beruf gemacht hat: "Ich finde, es ist eine Riesenfreiheit, sich zu den Texten eigene Melodien zu entwickeln, also wirklich seinen eigenen Song zu machen. Obwohl ich doch am allermeisten schätze, wie meine Texte von Musikern gedeutet, interpretiert und zum Klingen gebracht werden. Das ist eigentlich fast noch schöner."

Debatten mit Moritz von Uslar

Manja Praekels ist eine streitbare Denkerin. 2017 stößt sie eine Diskussion über den Umgang mit Rechtsradikalen an, als sie im "Spiegel" auf den westdeutschen Schriftsteller Moritz von Uslar antwortet. Der hat drei Monate in ihrer Heimatstadt Zehdenick im Selbstversuch verbracht. "Deutschboden" heißt das Buch, in dem er seine Erlebnisse und Begegnungen mit den Zehdenickern schildert. Mit ihnen Bier trinkt, versucht diejenigen zu verstehen, vor denen Manja Präkels geflüchtet ist: "Mit Rechten reden - dieser Diskurs wurde ja ohnehin jetzt die ganze Zeit geführt. Aber aus welcher Perspektive erzählt man eine Geschichte? Wem schenkt man Gehör und wem nicht? Darum ging’s mir. Das ist leider ein bisschen untergegangen in dieser Debatte: Zwei Schriftsteller-Egos befeuern sich gegenseitig. Darum ging’s mir in keinem Moment. Ich hielt einfach seine Recherchen für sehr schlecht und musste das dann sagen."

Alles ist genauso geschehen

Manja Präkels hat sich mit ihren Recherchen – unter anderem auch für die "Märkische Allgemeine", für die sie lange als freie Journalistin arbeitete –, oft weit aus dem Fenster gelehnt, in Gefahr gebracht. Auch wenn die Ich-Erzählerin in ihrem Roman "Mimi" und nicht Manja heißt, auch wenn die Autorin nicht alles selbst erlebt hat: Was Manja Präkels in "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" erzählt, ist genau so geschehen, sagt sie. Alles: "Das Buch, das ich geschrieben habe, und das ist das Brutale daran, beschreibt eine Wirklichkeit, die bis heute in Provinzen in diesem Land gilt."

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Beitrag von Christine Deggau

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Linksradikale leben davon, dass sie überall Rechtsradikale sehen. Es ist ihre einzige wirkliche Daseinsrechtfertigung. Wie gut also für die CDU, dass es die AFD gibt, sonst wären sie die Nazis.
    Mit der Stigmatisierung einer Kleinstadt erreichen solche "Linke" nur, dass jeder halbwegs normale Mensch sie für völlig übergeschnappt halten muss!

  2. 9.

    @rbb Der rechtsextreme Nachwuchs dieser "Provinz-Wirklichkeit" arbeitet bzw. arbeitete sogar in den Büros mindestens eines Brandenburger Landtagsabgeordneten und nun Mitglieds des Bundestages, wie der Tagesspiegel recherchiert hat: https://www.tagesspiegel.de/berlin/afd-fraktionschef-alexander-gaulands-nazi-schatten/21085548.html

  3. 8.

    Wie schon geschrieben, nur weil Sie etwas nicht erleben oder erlebt haben und davon nichts wissen, heisst das nicht, dass es nicht sattgefunden hat. Dass Frau Präkels diesen Teil der Geschehnisse in Zehdenick, der von der Mehrheit nicht wahrgenommen wurde und wird, sichtbar macht, verdient Respekt und Anerkennung.

  4. 7.

    Ach wie schade, dass die Aufarbeitung der brutalen Erfahrungen dermaßen verwaschen daherkommt. Es ist so hilflos, wenn dies letztlich vor allem zu einer Stigmatisierung "der Provinz" beiträgt. Das mag Schubladen und Vorurteile bedienen, zu einer konstruktiven Auseinandersetzung und zur Gestaltung des Lebens hilft es nicht - und wäre so nötig. - zu schade!
    Und immer auch ein bisschen traurig, dass diese Art so verfängt und gelobt wird.

  5. 6.

    "In Zehdenick überleben" wäre dann auch ein schöner Buchtitel geworden ,-)
    Bin übrigens mit meiner südeuropäischen Frau am WE in Zehdenick, wir hatten noch nie schlechte Erfahrungen, seltsamerweise die anderen Migranten ebenfalls nicht, aber die Nazis halten sich sicherlich nur zurück ,-)
    Für welche Werke man zum Jugendliteraturpreis nominiert wird lässt tief blicken.

  6. 5.

    Ganz herzlichen Dank an Manja Präkels für ihren Mut, diese Seite von Zehdenick zu zeigen und offen zu legen, wie es sich angefühlt hat, dort zu überleben. Das Buch ist unglaublich gut geschrieben. Dass eine "Mehrheit" diese Ereignisse leugnet oder eben davon nichts mitbekommen haben will - kennen wir - leider -schon aus der Geschichte.

  7. 4.

    Die Frau scheint eher anderweitige Probleme zu haben wenn sie in dieser Zeitschleife Ende der 80, er/ Anfang 1990 verharrt oder es ist eher finanziell lukrativ um so besser Bücher zu verkaufen.
    Wer sich in der Anonymität Berlins sicher fühlt bei 4 x höherer Kriminalitätsrate als in der Brandenburger Provinz! In der Provinz laufen die Polizisten entspannt ohne Schutzweste herum - wie in Berlin vor 25 Jahren.
    Im "sicheren" Berlin hingegen mittlerweile wie kleine Robocops ausgerüstet.
    Habe mal kurz reingelesen ins Buch - es ist einfach nur Schund. Die Gewalttat in Klein Mutz 1992 hat von den Discobesuchern auch nur sie so erlebt. Autopsie und Gerichtsurteil ergaben damals etwas anderes!

  8. 3.

    Danke für diesen Beitrag! Bin gespannt auf das Buch. Und ja, "Aber aus welcher Perspektive erzählt man eine Geschichte? Wem schenkt man Gehör und wem nicht?" Die Angst geht weiter um. Viele sind sich nicht sicher, ob sie sich hier dauerhaft sicher fühlen können. Verschärft hat sich dieses Gefühl der Unsicherheit seit die Strategie der "national befreiten Zonen" in den 90er Jahren wirksam wurde. Leider ist diese Strategie weiterhin erfolgreich und wird nach wie vor staatlicherseits zu wenig wirksam bekämpft; z.B. auch in Neukölln.

  9. 2.

    Auch ich bin in Zehdenick geboren und zur Schule gegangen, Jahrgang 1972. Bis heute besuche ich diese Stadt 1 - 2 x wöchentlich.
    Ich wundere mich mit welchen Klischees Leute ihre Bücher verkaufen und Geld verdienen wollen..
    Eine Beleidigung für alle Zehdenicker!

  10. 1.

    In der Provinz läuft Sat-TV: ZDFinfo mit Hitler in Dauerschleife, dafür zahlen sie gerne Gebühren.

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