Mutter mit Sohn beim Milchsalon im Astra (Quelle: rbb/Susanne Bruha)
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Viddeo: rbb|24 | 19.03.2018 | Susanne Bruha | Bild: rbb/Susanne Bruha

Live-Konzerte in Berliner Szeneclubs - Wie Bummelkasten & Co die Musikszene für Kids neu erfinden

Wer Kinder hat, hört zwangsläufig Kindermusik. Dabei schmerzen so manchen Eltern die Ohren. In den letzten Jahren hat sich allerdings etwas getan: Die neueste Kindermusik versöhnt Eltern und Kinder wieder. Von Susanne Bruha

Vor rund zehn Jahren kam Patricia Parisi erstmals auf die Idee, professionelle Live-Konzerte für Kinder in Szeneclubs zu veranstalten. Damals war die Konzertveranstalterin gerade selbst Mutter geworden. Im Roten Salon der Volksbühne veranstaltete sie den ersten "Roten Milchsalon". Gute Kindermusik, sagt Patricia Parisi, braucht "gute Texte und echte Musiker. Musiker, die authentisch sind, die ihr Handwerk verstehen, die analog spielen können, die live performen können und nicht so eine 'Budenzauberdramatik' aufbauen."

"Ich bin ein youtube-Star, yeah baby!"

Seit zehn Jahren findet der Milchsalon monatlich in wechselnden Berliner Clubs statt. An diesem Sonntag im März im Astra in Kreuzberg-Friedrichshain. Der Laden ist mit 1.000 Tickets plus Gästeliste ausverkauft. Auf der Bühne steht der Bummelkasten, nämlich Bernhard Lütke, ein Berliner Musiker und Comedian aus der Neuköllner Kleinkunstszene. Seit sechs Jahren ist er als Bummelkasten unterwegs, mit wachsendem Erfolg, vor allem im Internet: "Ich bin ja so ein youtube-Star, yeah baby!", sagt der blonde Sänger vor dem Konzert im Backstage. "Also meine Videos kommen dort super an und werden täglich geklickt, auch als Abendritual – ich hör das von vielen Eltern. Deswegen war das Konzert wahrscheinlich auch so schnell ausverkauft."

Bernhard Lütke, Bummelkasten-Musiker (Quelle: rbb/Susanne Bruha)
Bummelkasten-Mann: Bernhard Lütke, Musiker und Comedian aus der Neuköllner Kleinkunstszene | Bild: rbb/Susanne Bruha

Es ist heute leichter, gute Kindermusik zu finden

In den letzten fünf Jahren ist es leichter geworden, gute Kindermusik zu finden. Immer mehr Musiker, die eigentlich Musik für Erwachsene machen, bekommen Lust, auch Lieder für Kinder zu schreiben. Die vielleicht bekannteste Band ist "Deine Freunde". Gegründet 2012 von dem ehemaligen Echt-Schlagzeuger Florian Sump füllt das Hip-Hop-Trio regelmäßig große Hallen.

Mit dem Angebot steigt der Anspruch der Eltern. Robert (40) ist Vater von zwei Kindern (7 und 8) und großer Fan vom Bummelkasten: "Weil er auf sehr unkonventionelle Weise mit seiner Soundmaschine alles zusammenwürfelt. Der Kreativfaktor ist enorm hoch, das holt uns genau da ab, wo wir gern sind." Für seine Kinder ist ihm wichtig, dass sie mit offenen Ohren unterschiedlichste Musik kennenlernen – nicht ganz uneigennützig wie er zugibt: "Ich hoffe, dass irgendwann mal was zurückkommt: Wenn die Kinder später mal auf Konzerten unterwegs sind und ich dann von mir aus nicht mehr so viel mitkriege, da will ich was hören von ihren musikalischen Neuentdeckungen."

Quatschig, aber relevant

Der Bummelkasten-Mann Bernhard Lütke macht Musik, die ihm gefällt. In seiner One-Man-Show macht er alles mit dem Mund, arbeitet mit einer Loopstation und erzielt mit avantgardistischen Mitteln ziemlich große Effekte. Lütke wundert sich manchmal selbst, wie gut das bei Kindern und Eltern ankommt: "Mein Humor ist ziemlich quatschig, ich habe so einen verspielten Stil. Damit können Kinder und Erwachsene was anfangen", sagt Lütke, "aber eigentlich mach ich für mich Musik. Ich hab da einen großen Anspruch: Die Idee muss gut, der Song irgendwie relevant sein." Und so kritisiert der Bummelkasten in "Bestellt" kindgerecht den  Kapitalismus, einem Lied über das Kaufen im Internet, oder erzählt vom Rolltreppenmax und das ganze Astra singt mit.

Konzertveranstalterin Patricia Paris (Quelle: rbb/Susanne Bruha)
Milchsalon-Veranstalterin Patricia Parisi | Bild: rbb/Susanne Bruha

Die Szene wächst

Musik für Kleine ist auf dem Vormarsch. Immer mehr bekannte Musiker gründen Kindermusikprojekte. Etwa Diane Weigmann, ehemals Sängerin der Lemonbabies, jetzt Sängerin der Kinderband "3Berlin". Oder Andreas Binder von der Mukketierbande, der auch für Nena arbeitet. Andere Musiker gründen nicht gleich Bands, aber wagen Ausflüge in die Kindermusik mit einzelnen Liedern für den Sampler "Unter meinem Bett". Auf mittlerweile drei CDs finden sich seit 2015 Musiker wie Bernd Begemann, Jan Plewka (Selig) oder Käptn Peng. Die Künstler bleiben immer dem eigenen Stil treu, richten ihre Texte aber an Kinder. Diesen Herbst kommt der vierte Sampler raus.

Pionierarbeit für das Konzertpublikum von morgen

Der Milchsalon leistet eigentlich Pionierarbeit. Schließlich führt  die Konzertveranstalterin Patricia Parisi hier das Konzertpublikum von morgen in die Musikszene ein: "Das Spektrum ist wie bei den Erwachsenen: Jazz, Popmusik, Punkrock, Heavy Metal, Singer-Songwriter. Ich will das Einmaleins der Popmusik anbieten, damit Kinder eine facettenreiche Auswahl an Musik kennenlernen." Von den Clubs wünscht sie sich manchmal mehr Entgegenkommen, günstigere Saalmieten, mehr Nachmittage für die Konzerte.

rbb/Susanne Bruha (Quelle: rbb/Susanne Bruha)
Der ganze Saal im Astra singt mit. | Bild: rbb/Susanne Bruha

Der ganze Saal grölt mit

Im Astra ist das Konzert von Bummelkasten mittlerweile im vollen Gange. In dem abgegrenzten Bereich vor der Bühne, wo eigentlich nur Kinder sitzen oder stehen sollten, herrscht Aufregung. Eltern, die sich mit ihren kleinen Kindern auf dem Schoß reingemogelt haben und jetzt nicht so gut sehen, starten Sprechchöre: "Hinsetzen, hinsetzen!". Die Kinder in den ersten Reihen gucken irritiert. Die kämpferische elterliche Energie verdirbt den Konzertanfang aber nur kurz und hilft der Ironie der Lieder eher noch auf die Sprünge. Schließlich singt der Bummelkasten-Mann Bernhard jetzt genau so ein Lied. Der Text besteht aus nörgelnden Elternsprüchen. "Domi-nick/ wir gehen zum Pick-nick./Wie oft soll ich dir das/ noch sa-gen/ Anja, ich hab dich jetzt schon dreimal höflich gebeten." Den Refrain grölen dann alle mit, Eltern und Kinder: "Liebe Kinder, kommt ihr bitte? – Ja-ha."

Mit Potenzial zum Kindheitsklassiker

Am Ende des Nachmittags wurde zwar nicht so viel getanzt, dafür viel mitgesungen. Auch Katrin (40) und ihrer sechsjähriger Sohn sind Fans: "Ich promote Bummelkasten hart, ich hab die CD schon ganz oft verschenkt, also ich find die Musik richtig gut. Es geht mir musikalisch nicht auf die Nerven, und das find ich sehr angenehm, aber ich mag auch die Message dahinter, ich habe das Gefühl, es könnte ein Klassiker werden – wie 'Die Rübe' in meiner Kindheit."

Sendung: Inforadio | 19.03.2018 | 15:45 Uhr

Beitrag von Susanne Bruha

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