Der Autor und Journalist Johannes Groschupf (Quelle Archivbild: dpa/Soeren Stache)
Audio: Inforadio | 30.03.18 | Johannes Groschupf | Bild: dpa/Soeren Stache

Interview | Schriftsteller Johannes Groschupf - "Wirklich erkannt habe ich mich an meinen Augen"

Der Berliner Autor Johannes Groschupf hat einen Hubschrauber-Absturz überlebt. 80 Prozent seiner Haut verbrannten – auch sein Gesicht sieht seitdem anders aus. Im Interview erählt Groschupf, wie er lernte, sich selber wieder als schön zu empfinden.

rbb: Herr Groschupf, Sie haben einen schlimmen Unfall überlebt, aber im wahrsten Sinne des Wortes Ihr Gesicht verloren. Kann man das so sagen?

Johannes Groschupf: Ich habe ein anderes Gesicht. Es ist nicht mehr das, was ich vorher hatte. Ich sah mal richtig gut aus. Wenn ich jetzt auf frühere Fotos gucke, finde ich das beneidenswert. Aber ich habe Schwierigkeiten, zu sagen, ich hätte mein Gesicht verloren. Denn das ist etwas anderes. Wenn man sein Gesicht verliert, verliert man das Ansehen und stirbt sozusagen den sozialen Tod. Oder man verliert seine Ehre. Das Gefühl hatte ich nun nach dem Absturz ganz und gar nicht.

Ich wachte stattdessen im Krankenhaus wieder auf und ich war noch am Leben – das war wirklich ein Wunder. Ich wollte auch am Leben bleiben. Aber ich wusste nicht, wie ich mit 80 Prozent verbrannter Haut und eben auch sehr stark verbranntem Gesicht, wieder ins Leben zurückkomme. Es dauerte sehr lange, bis ich mich getraut habe, die Ärzte nach einem Spiegel zu fragen. Die Besuche von Verwandten und Freunden waren die ersten Spiegel, die ich mir nahm, um zu schauen, wie sie auf mein Aussehen reagieren.

Sie haben also in dem Ausdruck Ihrer Angehörigen gesehen, wie Sie selber aussehen?

Ja, ich versuchte immer zu ermitteln, ob es einen Schreck gibt. Eine Jugendfreundin kam zu Besuch, sah mich an und stürzte weinend aus dem Zimmer. Das versprach nichts Gutes. Bei anderen merkte ich, dass sie das Entsetzen überspielten. Irgendwann kamen auch meine Kinder zu Besuch, und nach einer Weile war es völlig in Ordnung, wie sie mich angesehen haben.

Ich selbst wusste im Krankenhausbett nicht, wie ich aussehe, ich wusste nur, dass es ziemlich schrecklich sein muss. Das Gesicht war damals noch verschorft, und ich hatte nicht nur Brandverletzungen, sondern auch richtige Beschädigungen durch den Aufprall und das Durchklettern der Cockpit-Kanzel. Es gab Verbände, die ich mit den Fingern ertasten konnte. Es war furchtbar.

In Ihrem autobiografischen Roman "Zu weit draußen" beschreiben Sie schonungslos Ihr Herantasten an das Leben nach dem Unfall, Ihren ersten Blick in den Spiegel. Waren Sie sich da selber fremd oder haben Sie sich erkannt?

Ich hatte ziemliche Angst. Ich hatte einen Arzt gefragt, ob er mir einen Spiegel bringt. Der ging raus und kam nicht wieder. Ich vermutete, dass er mir das nicht zumuten will. Ich brauchte noch einmal zwei Wochen, ehe ich einen neuen Anlauf nahm. Dann habe ich eine Krankenschwester gefragt. Sie hat mir einen Handspiegel gebracht und blieb auch im Zimmer, als ich mich betrachtete. Ich war sehr erschrocken darüber, welches Gesicht ich da gesehen habe.

Damals war der Mund ein bisschen verzerrt – vermutlich durch die einsetzende Narbenbildung. An den Schläfen waren Eiterstellen. Es war wirklich schrecklich. Woran ich mich dann wirklich erkannt habe, waren meine Augen. Die waren – abgesehen von dem entsetzten Blick – meine Augen. Und dahinter war auch der Johannes, den ich von früher kannte. Der ich war, aber auch nicht mehr war. Es war tatsächlich ein sehr starker Einschnitt. Meine Güte, was ist das Gesicht! Es ist ja auch eine Fassade – und die war wirklich beschädigt. Aber durch diese Fassade hindurch gab es schon ein Wiedererkennen.

Sie hatten auch an fast allen anderen Stellen Ihres Körpers Verletzungen. Was ist an Verletzungen im Gesicht anders?

Das Gesicht hat sehr viel mit unserer Identität zu tun – auch gegenüber anderen Leuten. Es ist unsere Visitenkarte, der allererste Eindruck. Das Gesicht hat für uns schon eine unglaubliche Bedeutung, um jemanden zu begreifen. Wir schauen auch auf die Kleidung, den Gang, wir hören den Klang der Stimme – aber gerade in unserer visuellen Kultur ist das Gesicht eine starke Quelle von Informationen über einen Menschen, die wir in ihn hineinlesen.

Wir können sein Alter sehen, seine Stimmung, fast seine Intelligenz. Das hat auch sehr stark mit den Augen zu tun. Sie sind das Fenster zur Seele, wie Plinius sagte. Deswegen sind Verletzungen im Gesicht sozial wirkliche Katastrophen.

Ich hatte eine Zeit lang jeden Tag ein Selbstporträt vor dem Spiegel gezeichnet. Das hieß einfach, lange dorthin zu schauen. Beim Zeichnen verliert man die Wertung und geht nur nach dem, was man sieht."

Sie müssen nun mit solchen Verletzungen leben. Wie haben Sie sich mit Ihrem jetzigen Gesicht arrangiert?

Ich musste mich wieder anfreunden mit diesem Gesicht. Der Unfall ist jetzt über zwanzig Jahre her. Es hat sich normalisiert. Aber es ist nicht wieder ganz normal geworden. Es gab lange Wochen und Monate nach dem Krankenhausaufenthalt, in denen ich mich mit diesem Gesicht und der sonst verbrannten Haut auseinander setzen musste. Das ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit Leuten, die einem auf der Straße begegnen oder Freunden, die meinen, einen anderen Johannes Großschupf vor sich zu haben, sondern auch mit mir selbst.

Ich schaue jeden Morgen in den Spiegel und muss mich damit irgendwie zurechtfinden. Ich hatte eine Zeit lang jeden Tag ein Selbstporträt vor dem Spiegel gezeichnet. Das hieß einfach, lange dorthin zu schauen. Beim Zeichnen verliert man die Wertung und geht nur nach dem, was man sieht.

Sie haben jetzt wieder einen Porträtkurs angefangen, an der Volkshochschule. Was reizt sie daran?

Porträts zu zeichnen, ist wirklich schwierig, weil das Gesicht so unheimlich vielfältig ist. Das Schöne bei diesem Kurs ist, dass wir uns gegenseitig zeichnen. Damit einhergehen auch die Verabredung und das Einverständnis, das man sich sehr lange anschaut – was man ja im Alltag nicht macht.

In diesem Kurs kann man die ganze Zeit die Stirn, die Wangenpartie – also den ganzen Eindruck – auf sich wirken lassen. Man verliert dabei einfach dieses wertende Sehen. Daraus wird ein sehr viel ruhigerer Blick, bei dem mir das andere Gesicht dann noch einmal ganz neu entgegenkommt.

Blicken Sie jetzt anders auf die Gesichter anderer Menschen, auch auf Schönheit?

Ich reagiere sehr stark auf Schönheit. Das war früher so und ist jetzt immer noch so. Ich finde, schöne Frauen sind eine Freude, auch schöne Männer und Kinder. Schönheit hat etwas, was das Leben wirklich reicher macht. Aber durch den Zeichenkurs freue ich mich auch an der Vielfalt der Gesichter. Es gibt auch hässliche Gesichter, die einfach interessant sind – während mit Schönheit auch immer ein Versprechen von Glück einhergeht.

Bei solchen Schicksals-Gesichtern, die vielleicht auch hässlich genannt werden, ist das Erschrecken möglich, was das Leben mit einem anstellen kann. Das trifft, glaube ich, auch zu, wenn man mich anschaut. Das ist dann eine Erinnerung daran, dass einem Furchtbares widerfahren kann.

Archivbild: Frau macht Selfie (Quelle: dpa/PhotoAlto)
"Ich habe den Eindruck, dass auf den Jugendlichen heute mehr Druck lastet, schön zu sein."Bild: PhotoAlto

In Zeiten von Facebook und Selfies dominiert gerade bei Kindern und Jugendlichen der Druck, gut auszusehen. Beobachten Sie das auch selbst?

Es ist im Alltag gar nicht zu übersehen, dass die jungen Frauen unheimlich viel am Gesicht machen. Ich komme aus den Achtzigerjahren. Da haben sich viele Frauen nie geschminkt. Ich finde schon, dass sich viele junge Mädchen jetzt  – mit Make-Up und Veränderungen im Gesicht  – einfach präsentieren wollen. Sie wollen gut aussehen und in diese Gesellschaft hineinpassen. Das ist auch eine Art, Normen zu erfüllen. Ich habe den Eindruck, dass auf den Jugendlichen heute mehr Druck lastet, schön zu sein.

Sie haben in Ihrem Buch beschrieben, dass Ihre Kinder sie nach Ihrem Unfall mit ihrer unbefangenen Reaktion ins Leben zurückgerufen haben.

Meine Kinder waren damals noch sehr klein, drei und fünf Jahre alt. Die waren einfach froh, dass ihr Vater wieder da war. Ich war ja ein Jahr weg. Sie sind sehr unbefangen mit mir umgegangen. Mein Sohn hatte eine ganz starke Empathie. Er wollte mir mit kindlicher Magie eine goldene Haut machen, um die Haut zu heilen. Ich habe oft bei Kindern erfahren, dass sie einen weniger wertend anschauen als Erwachsene. Vielleicht müssen Erwachsene das auch, weil sie so viele Leute am Tag sehen, dass die Maßstäbe dann sozusagen schneller greifen müssen.

Konnten Sie sich durch das, was Sie in den Augen Ihrer Kinder und Ihrer Frau gesehen haben, auch selbst wieder als schönen Menschen sehen?

Nein. Dazu ist mir nicht durch die Augen meiner Frau oder der Kinder die Erlaubnis gegeben worden. Das kam tatsächlich irgendwann von mir selber. Das ist auch nichts, was mir von außen zugesprochen werden kann. Alle haben gesagt, "Du siehst ja immer noch ganz ok aus" oder "Du bist immer noch ein interessanter Mensch". Das perlt aber völlig an einem ab, wenn man selber nicht daran glaubt.

Das Einverständnis mit mir selbst musste schon von Innen kommen. Das wünsche ich auch allen Menschen – gerade in diesen Zeiten wo man so viel mit dem Schönheitsempfinden beschäftigt ist: Dass die eigentliche Instanz darüber, wer man ist und weswegen man auf der Welt ist, in einem selber liegt. Jedenfalls nicht, um anderen zu gefallen.

Das Interview führte Ursula Voßhenrich, Redaktion Gesellschaft Religion Osteuropa. Das vollständige Gespräch können Sie mit Klicker auf den Header des Artikels nachhören.

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