Das Gebäude vom Flughafen Berlin-Tegel (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
dpa/Jens Kalaene | Bild: dpa-Zentralbild

Clubsterben in Berlin - TXL als Rettung für verdrängte Clubs?

Feiern in Tegel? Warum nicht, sagt Kultursenator Klaus Lederer. Wenn der Flughafen mal geschlossen werde, könne das Gelände verdrängten Clubs eine neue Heimat bieten. Bei betroffenen Betreibern kommt der Vorschlag unterschiedlich gut an. Von Tom Garus

Arm, aber sexy. Nicht ganz. Arm, aber teuer und sexy. Falls jedoch "sexy" in Berlin für Clubvielfalt und kulturelle Vielfalt stehen sollte, wer weiß, wie lange sich die Stadt noch so beschreiben kann. Wirtschaftlich können viele Clubs in den Innenstadtbezirken kaum mehr betrieben werden, machen dicht oder ziehen an den Stadtrand. Sie hinterlassen "leise" Stadtteile wie Prenzlauer Berg oder machen andere "lauter" wie etwa Wedding.

Nach einem Vorschlag von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) könnten viele Clubs am Flughafen Tegel eine neue Heimat finden. Doch was denken die Betroffenen, die Clubbetreiber, die verdrängt werden?

Eine Art Kultursozialismus vom Reißbrett

Norbert Jackschenties, Betreiber vom Privatclub, kann der Idee nicht viel abgewinnen. Sein Kreuzberger Club muss spätestens 2022 dicht machen, weil sein Mietvertrag nicht verlängert wird: "Einerseits finde ich es gut, dass sich die Politik Gedanken macht, wie das Clubsterben kompensiert werden kann. Andererseits denke ich halt: Notlösung. Ich meine, so eine Art Club-Ghetto zu schaffen am Arsch der Welt, ist nicht mehr attraktiv für normale Konzertgänger."  

Auch Don Rogall kann sich das kaum vorstellen. Er ist Booker beim Club Bassy in Prenzlauer Berg, der in wenigen Wochen schließt. "Ich befürchte, dass jeder Geschäftsmann, der einigermaßen bei Verstand ist, so etwas nicht machen würde. Für mich persönlich und die Clubbetreiber, die ich kenne, ist der Vorschlag relativ uninteressant. Ich denke, dass viele schnell vergessen, dass so ein Club natürlich wachsen muss. So etwas künstlerisch, stadtplanerisch und strategisch am Reißbrett zu entwerfen – das ist ja eine Art Kultursozialismus - das geht doch nach hinten los."

Es gibt auch Clubs, wo der Umzug geklappt hat

Lederers Devise ist: Erstmal gucken, dann urteilen. Deswegen hat er Senatsvertreter, die Tegel Projekt GmbH und die Clubcommission Berlin zu einem Treffen Ende Mai auf das Gelände des Flughafen Tegels eingeladen. Bislang war vor allem von einer Nachnutzung durch Start-ups und die Beuth-Hochschule die Rede. Jetzt wollen sie schauen, ob die Terminals und Wartungshallen auch als Reservat für verdrängte Club- und Kulturprojekte herhalten könnten.

Zur Geduld rät der Sprecher der Clubcommission, Lutz Leichsenring: "Wir versuchen für unsere Mitglieder Türen zu öffnen und Zugang zu verschaffen und schauen uns die Rahmenbedingungen dort an. Wir müssen perspektivisch gucken: Was passiert in fünf bis 15 Jahren? Und dann bei langfristigen Infrastrukturprojekten mit am Tisch zu sitzen, ist sicherlich kein Fehler."

Außerdem gebe es gute Beispiele für weniger zentrale Club- und Open-Air-Locations, die wirtschaftlich gut über die Runden kommen. Etwa das Heideglühen im Wedding oder das Sisyphos in Lichtenberg. Auch das Heideglühen wurde verdrängt. Seine Heimat in der Heidestraße am Hauptbahnhof hatte es aufgeben müssen. Stattdessen zog es an die A100, mit Blick auf den Westhafen.

Raver in der Ringbahn sind in Berlin nicht mehr ungewöhnlich. Ob sie aber in die Buslinien TXL und 109 steigen würden? Das könnte funktionieren, glaubt Leichsenring: "Wenn man größere Flächen bespielen und ein vielfältiges Angebot tagsüber und nachts bieten kann, wie zum Beispiel kleinen Musik-Festivals, Ausstellungen, Theater, Food- und Flohmärkte, kann man einen attraktiven Ort schaffen. Und dafür würden die Menschen auch längere Wege in Kauf nehmen."

"Berlin wird langweilig"

Für Privatclub-Betreiber Jackschenties wären ausgelagerte Kulturräume für Berlin schädlich: "Berlin wird langweilig, wie überall auf der Welt. Darüber sollte man sich mal Gedanken machen." Die politische Initiative geht für ihn in die falsche Richtung: "Ich fände es, ehrlich gesagt, besser, wenn sie sich dafür stark machen würden, Freiräume in der Innenstadt zu schaffen. Wo der Club eigentlich hingehört. Und das bezahlbar. Denn ein kleiner Ort für Konzerte, wie der Privatclub, kann nicht bei 25 Euro den Quadratmeter Kaltmiete in Kreuzberg existieren."

Leichsenring sagt hingegen, es gehe nicht darum, alles von der Innenstadt nach draußen zu verlagern: "Das wäre die falsche Diskussion und nichts, was wir befürworten würden. Der Herzschlag der Stadt ist definiert, eine wilde und lebhafte Szene. Aber das heißt nicht, dass nicht auch am Stadtrand Clubkultur stattfinden kann."

Der Realität ins Auge schauen und nach Tegel ziehen?

Auch über dem Club Wilde Renate in Friedrichshain schwebt das Damoklesschwert der Gentrifizierung, sagt Geschäftsführer Tony Ettelt: "Wir spielen da mehrere Szenarien durch, einfach aufgrund der Autobahn-Situation [Verlängerung der A100, Anm. der Red.]. Aber auch aufgrund der deutlich schlechter werdenden Mietkonditionen, die nur noch eine Richtung kennen: Nämlich nach oben. Aber diese Gedanken gehen nicht in Richtung Tegel. So, wie ich Tegel kenne, sehe ich uns da nicht als Club." Grundsätzlich finde er eine ausgefallene Location für die Kultur- und Clubnutzung gut. "Aber ich sehe da eher Potenzial in einmaligen, größeren Veranstaltungen."

Don Rogall vom Bassy befürchtet zudem, dass sich Berlin an einem Club- und Kulturstandort in Tegel verheben könnte: "Das absolut Traumatischste wäre, wenn man irre viel Geld dort versenken würde und am Ende die Kultur auch noch dafür verantwortlich gemacht werden würde, dass eine Ruine entsteht, die nicht angenommen wird."

Kommentar

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Antwort auf [Lothar] vom 15.04.2018 um 11:25
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9 Kommentare

  1. 8.

    Eines ist doch mal klar: Gentrifizierung und Mietenexplosionen gibt es, weil immer mehr Menschen aus allen Richtungen nach Berlin ziehen, meist wegen der Clubs, denn Hochschulen und Unis gibt es ja woanders auch. Gibt es in der Innenstadt keine Clubs mehr, wird Berlin langweilig. Vielleicht ist ja dann Leipzig, Dresden oder Hamburg eher angesagt, als Berlin.

  2. 7.

    Ach, so nen schönen Ballermann mit dem Touch von RAW Gelände, das hat doch was :-) die Kotz- und Pinkelspur von Mitte bis TXL, die eingesetzten Bahnen und Busse jeweils danach in der Waschstraße - und soooo schön ruhig für die Anwohner - vielleicht sollte man eher den BER dafür nutzen? Der steht jetzt schon leer, vermutlich noch länger, Hotels für die Touris sind auch dort - Zuganbindung, und den Lärm stört da auch keiner!

  3. 6.

    Diese Idee ist halbherzig durchdacht. Genauso könnte man auch den Straßenstrich dort unterbringen. Wäre zumindest ein bessere Lösungsansatz.

  4. 5.

    Anstatt in sinnlose Symptombehebung zu verfallen, sollte die Ursache bekämpft werden, Verdrängung durch Spekulation. Das würde allen Mietern zu Gute kommen.

  5. 4.

    Zunächst hat Linkspartei-Lederer ordentlich dabei mitgeholfen, mit nicht unterbundenem Besetzer-Klamauk am Rosa-Luxemburg-Platz die Volksbühne völlig ins Desaster zu stürzen, nun wendet sich Lederer einer weiteren Posse linksparteiischer Lederer-Schaffenskraft zu.

    Nachdem die Technische Fachhochschule im Wedding sich in aufwendigen und kostenintensiven planerischen Maßnahmen um eine sinnvolle Nachnutzung des Tegel-Flughafens bemüht, um auch die Ansiedelung von HighTech-Firmen vorwärts zu bringen, kommt Lederer mit seinem Geschwalle daher, das wertvolle innerstädtische Areal " für verdrängte Club- und Kulturprojekte" unproduktiv zu verschwenden.

    Mit der Abwanderung des Flughafens verkommt der Norden Berlins zu einer Arme-Leute-Gegend, die Autobahnzubringer Eichborndamm, Antonienstraße mit Scharnweberstraße entwickelt sich schon jetzt zu einer Ramsch- und Resterampe und zu einem sozialen Brennpunkt. Da tut es dringend Not, den Ex-Flughafen Tegel wirtschaftlich zu entwickeln.

  6. 3.

    Tegel ist nicht am "Arsch" der Welt, vielleicht dieser Club-Typ nicht der Nabel der Welt!

  7. 2.

    Könnte man ja auch das Flughafengebäude Tempelhof nutzen, dass hat wenigstens interesssnte Gebäudestrukturen. Außerdem ist da ein tatsächlich stillgelegter Flughafen.

  8. 1.

    Ich dachte bisher Aprilscherze werden nur am 1.April gemacht.

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