Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Tschüss Chris" ist an einem Mülleimer zu sehen (Quelle: dpa/Paul Zinken)
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Kommentar | Volksbühne Berlin - Auf keinen Fall überhastet einen Dercon-Nachfolger suchen

Wenn nicht jetzt, wann dann. Oder: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Zeitpunkt für den Rücktritt von Chris Dercon als Intendant der Volksbühne ist genau richtig gewählt. Ein Kommentar von Ute Büsing

Es ist zwar ungewöhnlich, dass einer mitten in der laufenden Spielzeit geht, noch dazu in seiner ersten, aber: Noch ist an Berlins größtem Sprechtheater kein nennenswerter Substanzverlust eingetreten. Die Gewerke sind intakt, der laufende Spielplan ist gesichert, Verträge können eingehalten werden. Dercons künstlerische Leiterin Marietta Piekenbrock wird einstweilen bleiben und das verabredete Programm leiten. Und mit dem gerade erst bestellten Geschäftsführer Klaus Dörr kann sorgsam versucht werden, den drohenden finanziellen Kollaps des staatlich hoch subventionierten Hauses zu verhindern.

An Dörr wird es hängen, die Auslastungszahlen von derzeit unter 50 Prozent zu steigern - durch schnell bestellte Gastspiele und Sonderveranstaltungen außerhalb des bestehenden dürftigen Spielplans mit 14 Schließtagen im Monat.

Ab der nächsten Spielzeit wäre Tobias Wellemeyer frei

Durchatmen, umsteuern, neujustieren - so lauten die drei magischen Worte nach Dercons Rücktritt. Auf keinen Fall will und darf man sich auf die überhastete Suche nach einem Nachfolger machen, der vielleicht schon zu Beginn der nächsten Spielzeit installiert werden kann. Bisher auf dem Personal-Spekulations-Karussell rotierende Namen wie Armin Petras, derzeit noch mit auslaufendem Vertrag in Stuttgart, oder Matthias Lilienthal, noch bis 2020 an den Münchener Kammerspielen, dürften wohl ausscheiden.

Petras will nicht, wie glaubhaft versichert wird, und Lilienthal hat erfolglos versucht, ein renommiertes Ensemble-Sprechtheater in einen Performanceladen zu überführen. Damit hätte der frühere Chefdramaturg der Volksbühne unter Castorf denkbar schlechte Ausgangsvoraussetzungen. Ein Tipp von mir: Ab der nächsten Spielzeit wäre Tobias Wellemeyer, gekündigter Intendant am Hans Otto Theater Potsdam, frei, ein besonnener kluger Ensembletheater-Macher mit Ost-Hintergrund.

Nach Castorf konnte Dercon nur scheitern

Für Chris Dercon, der die Stadt längst verlassen haben soll, heißt es jetzt einpacken. Das Hätschelkind der internationalen Kunstszene hat in Berlin auch einen herben persönlichen Rückschlag erlitten. Er hätte vermutlich nicht für möglich gehalten, mit wie harten Bandagen hier um die Kultur gestritten wird. Dass er ein Konzept umgesetzt hat, das vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner und vom damaligen Kultursenator, dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller, genau so gewollt war: geschenkt.

Wo unter Castorf ein Vierteljahrhundert erfolgreich, stilprägend und widerspenstig Sprechtheater mit großen, vom Publikum heiß geliebten Ensemblespielern aufgeführt wurde, kann ein Nachfolger, der kalte Konzepte aus der bildenden Kunst, Installationen und performative Formate gegen alle Widerstände durchsetzt, nur scheitern.

Die Museumswelt soll wieder locken

Die Intendanz Chris Dercon von seiner überraschenden Ernennung bis jetzt, zum plötzlichen Ende in der laufenden ersten Spielzeit, ist rückblickend nur als ganz großes Missverständnis zu betrachten. Wie selten hat sich die Kulturpolitik dabei verspekuliert, auf internationales Renommee gehofft - was Dercon in der Tat in Künstlerkreisen gewonnen hat - dabei aber am lokalen Publikum und seinen Sehgewohnheiten vorbei kalkuliert. Und was wird aus Chris Dercon? Die Museumswelt soll wieder locken.

Dass er neuer Kurator der krisengeschüttelten Documenta wird, war noch als Aprilscherz verbreitet worden. Wahrscheinlicher ist, dass er als nächstes für das Kulturinstitut der arabischen Welt in Paris eine große Ausstellung mit zeitgenössischer arabischer Kunst kuratieren soll. Viel Glück dabei! 

Sendung: Inforadio, 13.04.2018, 17 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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