Das Titelblatt der Zeit vom 06.04.2018 zeigt den Titel "Schäm dich, Mann" von Jens Jessen (Bild: rbb24)
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Audio: Radioeins | 05.04.2018 | 16.17 Uhr | Bild: rbb24 Download (mp3, 6 MB)

Interview | Autor Jessen über "totalitären Feminismus" - "Ich werde nicht bedroht, sondern angegriffen"

Ein "Zeit"-Artikel geht viral: Der Berliner Autor Jens Jessen sieht nach der #metoo-Bewegung die Männlichkeit bedroht. Er spricht von "totalitären Feminismus" nach Art kommunistischer Systeme. Macht der Mann alles falsch?

Ein nackter Mann auf dem Titel der Wochenzeitung "Die Zeit". Daneben die fette Schlagzeile "Schäm Dich, Mann!" Der Journalist Jens Jessen schreibt sich einen Wutausbruch von der Seele und rechnet mit der Metoo-Bewegung ab. Er sieht die Männlichkeit bedroht, spricht von einem neu ausgebrochenen Geschlechterkampf und vergleicht den aktuellen totalitären Feminismus - wie er es nennt - mit kommunistischen Systemen: Der Mann steht unter Generalverdacht und macht alles falsch - ob nun "Manspreading" oder "Mansplaning" oder Gedichte an Häuserwänden.

Die Frauen arbeiteten an einem Sieg des weiblichen Geschlechts, findet der Journalist und schreibt in dem Artikel: "Sie haben etwas gegen Männer und die Allgegenwart männlicher Perspektiven. Noch in der schüchternsten männlichen Lebensäußerung sehen sie den Keim zu Sexismus und Machtmissbrauch."

rbb: Herr Jessen, wen meinen Sie mit "der Mann"? Mich jedenfalls nicht und auch in meinem Bekanntenkreis habe ich niemanden, der sich von Ihrem Artikel angesprochen fühlen würde.

Jens Jessen: Das kann ich Ihnen sagen: Das ist der Mann, den sich diese neuen Radikalfeministinnen vorstellen.

Das heißt, den gibt es gar nicht?

Naja, das ist halt eine Abstraktion. Sie denken sich sozusagen den Mann schlechthin, der für alles verantwortlich ist, was ein konkreter tatsächlich existierender Mann macht. Ein Kollektivsubjekt, wie man das philosophisch nennt.

Ich würde es doch gerne ins Konkrete runterbrechen: In meinem Umfeld hat keiner darüber geklagt, Opfer einer großen weiblichen Willkürherrschaft zu sein. Ganz viele Frauen wiederum, die ich kenne, sind Feministinnen. Und auch die haben nie geäußert, sie wollten jetzt eine Diktatur errichten.

Sicher, das gilt für die Mehrzahl der Frauen - auch für die Mehrzahl der Feministinnen. Und ganz sicher müssen sich auch die Männer nicht [alle, Anmerk. d. Red.] angesprochen fühlen. Wenn man aber fragt, wie meine Kollegin Ursula März in der "Zeit" vor ein paar Wochen: Warum sagen die Männer nichts zu diesem neuen Fundamentalfeminismus, dann kann man sagen: Weil in dieser Debatte über das Ziel hinausgeschossen wird. Es wird sozusagen eine Art allgemeine Verantwortung konstruiert.

Wenn Sie mich fragen, warum ich dazu nichts sage, dann lautet meine Antwort: weil das völlig unbedeutend ist, was die erzählen.

Ja, das ist wahrscheinlich auch eine sehr gesunde Reaktion. Aber was ich in dem Artikel schildere, ist ein ganz bestimmter Diskurs, der auch nicht völlig minoritär ist. Ich habe da ja ein paar Beispiele zitiert, und die kann man um den Faktor 10 vermehren. Das ist gar kein Problem.

Trotzdem noch mal konkret: Wo werden Sie oder irgendein anderer Mann vom Feminismus bedroht?

Ich werde nicht bedroht, sondern angegriffen. Es funktioniert folgendermaßen: Es gibt ein scheußliches Subjekt, einen Vergewaltiger, und in der Diskussion wird so getan, als müsse sich jeder Mann dafür verantwortlich fühlen.

Wo denn? Diese Diskussion kenne ich gar nicht?

Dann sind Sie zu wenig im Netz unterwegs. Das beschränkt sich nicht nur auf Twitter, sondern [solche Argumentationsketten] finden Sie auch bei Facebook oder Online-Portalen. Zitiert habe ich aber auch aus Zeit Online, dem Frauenportal Edition F . oder Büchern. Das ist nicht ganz so minoritär. Aber natürlich können Sie auch sagen, es ist mir wurscht. Letztlich ist es vielleicht auch wurscht. Mich hat es allerdings doch beunruhigt, weil ich glaube, dass diese Maximalpositionen der Sache nicht gut tun.

Sie sprechen von einem "Triumph eines totalitären Feminismus". Als Beispiel führen Sie ausgerechnet die Alice-Salomon-Hochschule an, die demokratisch beschlossen hatte, ein Gedicht von ihrer Hauswand zu entfernen. Wieso ist ausgerechnet ein demokratischer Prozess totalitär?

Na ja, ein demokratischer Prozess legitimiert zunächst mal nichts. Man findet eine Mehrheit, das heißt ja nichts. Aber es ist natürlich ganz gewiss nicht schön, wenn ein Gedicht - noch dazu eines der konkreten Poesie - die ja keine starken Aussagen über die Wirklichkeit machen will - beseitigt werden soll. Nur weil es da bei einigen wenigen so eine ideologische und theoretische Lektüre gibt.

Das Interview führten Katja Weber und Holger Klein für Radioeins

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17 Kommentare

  1. 17.

    Der Satz ist zumindest diskussionswürdig, da in diesem Frauen mit Alleen und Blumen als reines Objekt der Bewunderung gleichgesetzt werden. Der Mann als Bewunderer ist aktiv, die Frau als bewundertes Objekt passiv.
    Ich bin nicht der Meinung, dass dieser Satz, da es sich um Kunst handelt, entfernt werden sollte. Aber diskutiert werden als durchaus frauenfeindlich im Sinne von einer Reduktion der Frau auf ein Objekt sollte er schon.
    Ich zum Beispiel, als Frau, empfinde diesen Satz durchaus als äußerst merkwürdig und etwas unangenehm und finde mich darin kein bisschen wieder. Und dass, obwohl ich absolut keine fundamentalistische Feministin bin und mich durchaus über ernstgemeinte, nett formulierte Komplimente von Männern freue.

  2. 16.

    Woher kommt dieser Begriff "Radikalfeminismus"? Das ist mir genauso suspekt wie linksfaschistisch. Gedanklich rückt das nahe an Gewalttaten / Terrorakte. Mit solchen Begrifflichkeiten wäre ich vorsichtig.

  3. 15.

    Jens Jessen hat recht. Frauen führen sich immer mehr wie Hyänen auf! Das Bild der eleganten femininen Dame ist schon lange durch provokativ-aggressiv machtgeilen Emanzen verdrängt worden. Wenn wir Männer nicht aufpassen, wird das noch böse enden!!!

  4. 14.

    Guten Abend.
    Keine käme auf die Idee der Satz: " Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer" wäre Alleenfeindlich oder etwa Blumenfeindlich. Warum ist er also Frauenfeindlich. Ich behaupte auchmal, das die meisten Frauen ein Lob eines Mannes auch als solches werten, wie es gemeint ist, nämlich als Lob. Da ist Kollegah und Farid Band trotz eines unmenschlichen Satzes Zum Echo nominiert worden, weil es ja Kunst ist und Kunst isst frei. Aber nicht bei der Universität und schon gar- nicht, wenn sich einige wenige Frauen auf den Schlips getreten fühlen. Übrigens hat die Ethikkomission der Musik- branche die Gruppe mit dem menschenverachteten Satz auch mit Mehrheit genehmigt. Wegen Kunst und so. Auch da erlaube ich mir, das zu kritisieren. Genauso wie bei dem Hochschulparlament. Übrigens finde ich den Artikel von Herrn Jens Jessen gut und nötig.
    Mfg Herbert Overberg

  5. 12.

    Und an die Redaktion:
    Warum steht der Bericht (nur) unter "Panorama" und nicht unter "Politik"?

  6. 11.

    Frauen verdienen 20% weniger als Männer. In Vorstandsetagen sind Frauen eine Mindetheit wie auch in der CSU und AFD- Bundestagsfraktion.
    Eine rafikalfeminustische Diktatur stelle ich mir anders vor!
    Woher haben der interviewte Autor und seine Anhänger so Angst?

  7. 10.

    Dieser Tweet von Holgi ist doch mal interessant. Er findet Jessens Kritik am Radikalfeminismus berechtigt:

    https://twitter.com/holgi/status/981800695685894144

  8. 9.

    Diese ganzen Nebenschauplätze vernebeln nur den klaren Blick auf die wahren Probleme dieser Gesellschaft: z.B. steigende
    soziale Ungleichheit von der Kindheit bis ins hohe Rentenalter in einem der reichsten Länder der Welt!!!
    Aber vielleicht sollen sie das ja auch!!!

  9. 8.

    Eine adäquate Antwort auf den Radikalfeminismus. Weiter so!

  10. 7.

    Holger Klein: "Wenn Sie mich fragen, warum ich dazu nichts sage, dann lautet meine Antwort: weil das völlig unbedeutend ist, was die erzählen."

    Sowas kann eigentlich nur ein Antifeminist von sich geben.

  11. 6.

    "Wo lernt man so merkbefreit argumentieren?"

    In einer Filterblase, ganz analog wie bei den Kreationisten, das funktioniert überall gleich.

    Jessen wirft **dem gesamten feministischen Medienbetrieb**, insb. der ZEIT (nicht speziell den beiden Interviewern, die seine These geschickt zu einem Unsinn umformulieren; Jessen ist voll darauf hereingefallen, er hätte diese Verdrehung seiner These nicht akzeptieren dürfen) vor, eine Filterblase zu bilden, in der im Kern Sexismus gegen Männer zum Standard geworden ist.
    Dies widerlegen die beiden Interviewer nun damit, daß von ihren guten Bekannten, also in ihrer Filterblase, das niemand so sieht.
    Jessen hätte ihnen sofort diese absurde Argumentation vorhalten müssen.

  12. 5.

    Liebe Katja Weber, lieber Holger Klein, Danke!...und Endlich!
    Danke dafür, dass Sie den Mut gefunden haben, trotz des misogynen und antifeministischen pseudophilosophischen Geschwurbels eines Herrn Jessen die richtigen Fragen gestellt zu haben.
    Und endlich endet mal ein Interview mit einem unmissverständlichen Statement. Liebe Frau Weber, mit Ihrem am Schluss geäußerten Zweifel haben Sie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk viel Ehre eingelegt.

  13. 4.

    Der Vergleich des Kommunismus / Sozialismus mit dem Hardcore-Feminismus, beides Bestandteile des Totalitarismus ist ja weder neu noch falsch. Insofern ist dem Autor nur zuzustimmen.

  14. 3.

    Ich habe leider in der Arbeitswelt des öfteren Frauen erlebt, die Männer unter Druck setzen mitz.B. falschen Behauptungen über sexuelle Belästigung oder andere fiese Spiele treiben, um nach Oben zu kommen. Und meiner Meinung nach ist diese MeeToo-Debatte derart groß und aufgebauscht worden, dass sich jetzt auch genau diese Frauen eine Plattform bietet und der eigentlich Grund dieser Diskussion an Bedeutung verloren hat.....
    Auch spiegelt diese permanente Diskussion nicht mehr die Realität wieder, denn mittlerweile stellt ein missverstandener Blick schon Belästigung dar....und die wahren Opfer werden vermutlich demnächst nicht mehr ernst genommen....

  15. 2.

    Unabhängig davon, wie man den Artikel von Jessen beurteilt: Bei den Fragen dachte ich mehrfach "Sancta Simplicitas!". Wo lernt man so merkbefreit argumentieren?
    "In meinem Bekanntenkreis habe ich niemanden, ..." Dann ist der Bekanntenkreis vielleicht weltanschaulich recht homogen? Eine "Filterblase"? Würde der Satz mit "..., der mit der Flüchtlingspolitik von Frau Merkel einverstanden ist" enden, käme garantiert dieser Einwand.
    "Die haben nie geäußert, sie wollten eine Diktatur errichten." Ja nee, iss klar. Nach dieser Logik hätte Ulbricht verkündet: "Natürlich wollen wir eine Mauer errichten, das Material haben wir doch schon im Westen besorgt." Außerdem zeichnet die meisten Menschen mit totalitären Ansichten der Glaube aus, nur zum Besten der Gemeinschaft zu handeln. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.
    "Wieso ist ausgerechnet ein demokratischer Prozess totalitär?" Mal die Kollegen fragen, die über Ungarn und Polen berichten. Oder auch da mit Kritik zurückhalten.

  16. 1.

    Ich freue mich darauf den Wutausbruch zu lesen.

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