Archiv - Volksbühnen-Intendant Chris Derconerläutert am 04.09.2017 in Berlin bei einem Pressegespräch die Pläne für das "Satellitentheater" der Volksbühne in einem Hangar auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof. (Bild: dpa/Paul Zinken)
Video: Abendschau | 13.04.2018 | Christian Titze/Arndt Breitfeld | Bild: dpa/Paul Zinken

Einigung mit Kultursenator Lederer - Volksbühnen-Intendant Chris Dercon tritt zurück

Der umstrittene Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, gibt auf. Der Belgier war seit seiner Berufung von Teilen der Berliner Kulturszene heftig kritisiert worden. Die Zukunft des Theaters könnte sich schwierig gestalten.

Der Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, gibt seinen Posten ab. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Dercon hätten sich "einvernehmlich darauf verständigt", die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden, teilte die Kulturverwaltung am Freitag mit.

Neuer kommissarischer Intendant wird der designierte Geschäftsführer Klaus Dörr.

Lederer: "Persönliche Angriffe gegen Dercon inakzeptabel"

In der Erklärung des Kultursenats heißt es: "Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht, wie erhofft, aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht. Mit der einvernehmlichen Einigung ist nun die Chance gegeben, diesen notwendigen Neustart einzuleiten."

Lederer erklärte, es sei ihm wichtig, zu betonen, "dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Chris Dercon in der Vergangenheit inakzeptabel waren. Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur."

"Ausgeblutet und kaputt"

Nach dem angekündigten Rückzug von Dercon hat sich der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier, skeptisch zur Zukunft der Volksbühne geäußert. Die Struktur sei kaputt, viele Mitarbeiter aus Kunst, Verwaltung und Technik hätten sich andere Theater gesucht, sagte der Theaterregisseur am Freitag im rbb. Das Haus sei "ausgeblutet auf allen Ebenen und kaputt". Das sei das Ergebnis der Kulturpolitik von Tim Renner und Michael Müller (beide SPD), kritisierte Ostermeier den früheren Kulturstaatssekretär und den Regierenden Bürgermeister.

Auch bezüglich der Suche nach einem Nachfolger von Dercon zeigte sich Ostermeier pessimistisch. Er habe Zweifel, dass "man etwas von der Bedeutung und Schlagkraft und der künstlerischen Bedeutung wieder installiert kriegt, was es mal war". 

Regisseur und Schauspieler Herbert Fritsch sieht die Schuld an Dercons Scheitern vor allem bei den politisch Verantwortlichen, die ihn berufen hatten. Fritsch war von Anfang der 1990er bis 2007 unter Frank Castorf an der Volksbühne tätig. Dem Kulturradio vom rbb sagte Fritsch: "Der Herr Dercon ist da in eine Situation reingeraten, die nicht passend war für ihn. Ich bin nicht derjenige, der Müll über jemanden ausgießen will. […] Es gibt aber einige Leute, die dafür verantwortlich zeichnen, die sollten mal Stellung beziehen zu dem, was sie da angerichtet haben mit dieser Entscheidung, das so zu machen." Er sehe in der Situation auf allen Seiten nur Verlierer.

Volksbühne droht offenbar der finanzielle Kollaps

Inzwischen wurde bekannt, dass der Rücktritt offenbar vor dem Hintergrund eines drohenden finanziellen Kollapses der Volksbühne erfolgte. Das ergaben gemeinsame Recherchen von rbb, NDR und SZ. So sollen sehr viel weniger Sponsorengelder, als ursprünglich von Dercon erwartet, zur Verfügung stehen. Außerdem leidet die Volksbühne unter einer zu geringen Auslastung bei gleichzeitig hohen Ausgaben.

Chris Dercons kurzer Auftritt an der Volksbühne

Umstrittener Nachfolger von Castorf

Dercon hatte im August 2017 die Nachfolge von Frank Castorf angetreten, der nach 25 Jahren an der Spitze der Volksbühne gehen musste. Die Berufung Dercons war noch unter dem damaligen Kultursenator Michael Müller und seinem Kulturstaatssekretär Tim Renner getroffen. Kritiker befürchteten, dass mit Dercon das Profil der Volksbühne verlorengehe und stattdessen ein austauschbarer Festivalbetrieb installiert werde. Theater-Mitarbeiter hatten in einem offenen Brief gegen Dercon protestiert, der zulvor das Londoner Museum Tate Modern geleitet hatte. Auch Lederer hatte Vorbehalte geäußert.

Im September 2017 hatten Aktivisten die Volksbühne sogar sechs Tage lang besetzt gehalten und ein Programm von Kinderschminken über Tanzperformances bis zu Marxismus- und Gentrifizierungsdebatten angeboten. Nach eigenen Angaben wollten sie mit ihrer "transmedialen Theaterinszenierung ein Zeichen setzen gegen die aktuelle Kultur- und  Stadtentwicklungspolitik" setzen. Einige Besetzer waren am Ende von der Polizei aus dem Haus begleitet - ein kleiner Teil sogar getragen worden.

Archiv: Zahlreiche Menschen sitzen am 28.09.2017 vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (Quelle: dpa/Maurizio Gambarini)


Zuletzt war sogar das berühmte "Räuberrad" vor der Volksbühne abmontiert worden. Der scheidende Volksbühnen-Intendant Frank Castorf hatte das beliebte Wahrzeichen nicht seinem Nachfolger Chris Dercon überlassen wollen.

Die FDP bedauert Dercons Abgang

Der kulturpolitische Sprecher der oppositionellen CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Robbin Juhnke, sagte dem rbb, aus seiner Sicht habe Dercon damit die Flucht nach vorn angetreten. Dercon habe schwierige Startbedingungen gehabt und sein Konzept sei nicht aufgegangen, so Juhnke. Am Samstagmorgen legte er im rbb-Interview nach und sagte, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) habe offensichtlich keine Ahnung gehabt, worauf er sich einlässt.

Der Regierende Bürgermeister, Michael Müller (SPD), verteidigte Dercon: "Ich glaube der Chris Dercon ist ein toller Mann mit einer großen internationalen Erfahrung", sagte er im rbb. Er bedaure, dass der Start für ihn so schwierig und umstritten gewesen sei. "Das hat ihn offensichtlich so viel Kraft gekostet, dass er dann vielleicht wirklich nicht mehr in die Situation gekommen ist, mit seinen Ideen und Konzepten durchzudringen."

Die Vorsitzende des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus, Sabine Bangert (Grüne) sagte dem rbb, es sei die richtige Entscheidung. Für die Zukunft schlug Bangert vor, eine Kommission aus Fachleuten zu bilden, die darüber entscheide, wer an welches Haus passe.

Auch der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Dieter Neuendorf, begrüßte den Rücktritt: "Chris Dercons kurze Amtszeit an der Volksbühne hat gezeigt, dass er leider kein guter Theatermacher ist. Sein Versuch, aus einem renommierten und international beachteten Sprechtheater ein Haus für Events und Happenings zu machen, war eindeutig der falsche Weg."

Der kulturpolitische Sprecher der Berliner FDP-Fraktion, Florian Kluckert, bedauerte den Rückzug Dercons. Dercon habe in der Stadt von Anfang an keine Chance bekommen.

Start der Intendanz auf dem Tempelhofer Feld

Dercon hatte vor Beginn seiner Intendanz angekündigt, die Volksbühne als "Laboratorium der Avantgarde" erhalten zu wollen. Im September war er in sein Amt mit einem zehnstündigen Openair-Spektakel auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof gestartet. Dort waren mehr als 200 Tänzer aufgetreten, die auch das Publikum zum Mitmachen animiert hatten.

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Antwort auf [Clamor] vom 13.04.2018 um 09:39
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20 Kommentare

  1. 20.

    Ach so, Deutsch-Chauvinismus statt Neo-Liberalismus!? Sehr interessant. Man könnte auf diesem traurig revanchistischen Niveau kontern, daß Castorf während einer Premiere derart besoffen sein konnte, daß sein Deutsch ebenfalls sehr schwierig zu verstehen war. Verteidigen wir an dieser Stelle aber die ernsthaft Tanzschaffenden, deren zeitgenössische Arbeit natur- und kulturgemäß nicht korrekt sein will und kann, sich also dem von Clamor (hört, hört!) Deutsch-Wahnsinn entzieht, nicht zuletzt weil der Tanz in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern immer noch ein Schattendasein führt, und von daher vielleicht auch Tänzer aus anderen Sprachkreisen rekrutieren muss. Zu guter letzt: Man hat es sich (und wir haben Castorfs Volksbühne geliebt) zu leicht gemacht, die Wut über den Abgang des Alten dem Neuen ins Gesicht zu spucken - Berliner Mief, unfähig, zwei Vorgänge auseinander zu halten. Wir sind gelangweilt, Onkel Clamor.

  2. 18.

    Ich dachte, dass die Zeit der blut- und kotverschmierten Schausteller, die mit fekalsprachlichen Ausbrüchen das scheinintelektuelle Bezahlpuplikum "unterhalten" hat, ist vorbei.
    Chance verpasst.
    Und, wer glaubt, die "guten alten Zeiten" kommen nach Dercons Abgang zurück, wird schwer enttäuscht werden, denn, welch Regisseur(in) will an einem Haus arbeiten, wo eine so künstlerische Engstirnigkeit vorherrscht.
    Ich glaube, die Zeiten für die Volksbühne sind vorbei.
    Eine Umgestaltung zu einem, der Wohnumgebung angepassten, Juppi-Kaufhaus wäre eine nachdenkenswerte Alternative.

  3. 17.

    Wahrscheinlich hatte er einfach nur das falsche Parteibuch...

  4. 16.

    Lieber sozialistisch 'staatlich gepampert', bedeutet das der Staat, die Gesellschaft, Verantwortung übernimmt, da Kunst und Kultur genauso Bildung ist als neoliberal im Stich gelassen und dem Untergang geweiht.

  5. 15.

    @turbotorbs

    Der Zusammenhang von Kunst und Organisationsstrukturen erschließt sich mir irgendwie nicht. Können Sie das näher erläutern?

    @Klaus

    Der Sozialismus/Kommunismus wird in der Nachbetrachtung als humanistisch wertvoller erweisen als der Goldman-Sachs'ismus. Ein flüchtiger Blick übern Teich genügt. Kapitalismus im Endstadium. Sehr erstrebenswert.

  6. 14.

    Was Sie schreiben ist großer Quark. Sophie Rois ist nach der Wende an die VB gekommen. Aus dem Westen. Wie auch René Pollesch, Herbert Fritsch, Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief und viele viele andere. Dass Sie hier den DDR-Hammer bedienen zeigt, welches Geistes Kind hier spricht.

  7. 13.

    Clamor hat offensichtlich keine Ahnung von zeitgenössischem Theater und seinen Organisationsstrukturen sonst würde er oder sie nicht so einen pseudo-intellektuellen nationalistischen Dampf ablassen. Vielleicht erst mal mit der Materie beschäftigen, bevor man andere so offensiv zum fremdschämen animiert.

  8. 12.

    Rudolf, welche Seilschaften denn bloß? Wenn es gar keine Argumente mehr gibt, dann kann man hierzuelande darauf vertrauen, dass diese DDR-Seilschaften-Nummer kommt. Fehlt bloß noch irgendwas mit Stasi. Das Letztere hat jedenfalls in den vergangenen knapp 30 Jahren in sehr vielen Bereichen immer ganz gut funktioniert. Die Folgen sind verheerend. Immer noch.

    Rois war seit 1993 an der Volksbühne. Wo mag sie da einen DDR-Arbeitsvertrag nur hergenommen haben? Aber vielleicht war so mancher dieser Verträge gar nicht so übel im Vergleich zu den heutigen Knechtschaften?

    Wir werden ja sehen, wohin die Reise geht. Der Rücktritt ist jedenfalls außerordentlich richtig und zu respektieren.

    Erstaunlich, dass die eigentlichen Urheber dieses Desasters Müller und Renner außen vor bleiben.


  9. 11.

    Wer weiß, was hätte passieren können. Manchmal sind unprogressive Leute unter dem Druck progressiver Leute progressiver, als progressive Leute unter dem Druck nichtprogressiver Leute.
    Naja,da besonders die neoliberalen FDPler auf Seitens Dercons standen, sehe ich ihn dennoch kritisch. Wenns nach der FDP geht, wird die gesamte Kultur durch seichte, kommerzielle Unterhaltung ersetzt. Laday Gaga statt Tucholsky. Oder so

  10. 10.

    Ein letzter Sieg des staatlich gepamperten Marxismus-Leninismus. Darauf einen blauen Würger.

  11. 9.

    Aber öffentliche Kommentare mit Grammatikfehlern zu verfassen , das ist offenbar besseres deutsches Kulturgut

  12. 8.

    " Ein Theater darf nicht von einer Person geleitet werden, der nicht mal Deutsch korrekt spricht"
    Na dem ist nichts eigentlich nichts hinzuzufügen. Gegen solche Blasiertheit kommt aber auch wirklich niemand an. Es lebe die Gartenzwergrepublik Berlin!

  13. 7.

    Müssen diese "Besetzer" eigentlich nie zur Arbeit? Haben die nichts besseres zu tun?

    Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie Berlin mit seinen desaströsen Verlusthaushalten einen "Kulturbetrieb" weiter am Leben subventionieren kann. Die Kernaufgaben sollten doch klar ganz woanders liegen.

  14. 6.

    Wie kann man so einen kolossalen Fehler machen und Castorf absetzen, ein wunderbar funktionierendes Haus zerstören, um dann ...ich schweige mich aus.

    Wie konnte eigentlich Tim Renner an seinen Job kommen, frage ich mich da nebenbei.....

  15. 5.

    Unfassbar schlaff, kampflos und ideenlos. Gut, dass Chris Dercon seine Fehlbesetzung so schnell bemerkt hat. Wichtig ist jetzt eine dem Haus würdige Nachfolge aus der Theaterwelt. Bitte kein weiterer "Kunst-Verwalter".

  16. 3.

    Die alten Seilschaften haben sich durchgesetzt. Jetzt können die, die sich seit der DDR in diesem Theater festgesetzt haben, ihre Pfründe wahren. Alles bleibt beim alten. Jetzt kann sogar Sophie Reus, die mit viel Theaterdonner und -Nebel die Volksbühne verlassen hat, zurück kommen. Vielleicht gibt es dann noch den alten DDR-Arbeitsvertrag wieder.
    Schade, dass die Betonköpfe Dercon keine Chance boten.

  17. 2.

    Protest bringt manchmal doch was

  18. 1.

    Das ist eine gute Mitteilung. Ich hätte nie gedacht, dass es Chris Dercon wirklich hinkriegt die Bühne zu zerstören, auf die Art und Weise wie er es tat, oder den Fans die Polizei auf den Hals zu hetzen wie von dr AfD gefordert.

    Jetzt müssen Konsequenzen gezogen werden. Im Theater müssen wir konsequent gegen Anglophonie in der Kunst- und Theaterszene vorgehen und Beiräte der Besucher bilden. Wenn man sich die Schaubühne anschaut, dann ist Dercon ja gar nicht so speziell. Verträge müssen so eindeutig sein, dass eine deutsche Sprechtheaterbühne für das Volk nicht in ein sinnloses anglophones Rumgehopse für das Hipsteriajetset und den Neoliiberalismus verwandelt werden darf. Ein Theater darf nicht von einer Person geleitet werden, der nicht mal Deutsch korrekt spricht. Ein Theater sollte auch von einer leidenschaftlichen Person geleitet werden, die nicht viel mehr als die Leute, die da sonst arbeiten, verdient. Man braucht einen starken Haustarifvertrag.

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