Der Fotograf Jim Rakete
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Audio: Inforadio | 30.03.2018 | Ursula Vosshenrich | Bild: imago/Raimund Müller Download (mp3, 13 MB)

Interview | Fotograf Jim Rakete - "Wir wissen doch gar nicht mehr, wie wir aussehen"

Fotograf Jim Rakete schaut seit Jahrzehnten Politikern, Popstars und Schauspielerinnen tief ins Gesicht. Im Interview erzählt er, warum Porträtfotos durch moderne Kameratechnik nicht besser werden und wie sich die Allgegenwart von Handys auf seine Arbeit auswirkt.

rbb: Was fasziniert Sie an Gesichtern?

Jim Rakete: Wenn wir von Gesichtern sprechen, dann sprechen wir von dem genetischen Glück, ob jemand gut oder schlecht aussieht und von dem, was sein Leben, seine Biografie in das Gesicht hineingeschrieben hat. Seine Enttäuschung, sein Spaß am Leben oder seine Neugierde. Den Teil aufzufinden in einem Gesicht und abzubilden auf einem Stück Film, ist eine feine Sache. Weil man eigentlich eine Quittung übrig behält aus einer Fotosession, die sagt: Wir haben miteinander geredet, wir sind einander begegnet, wir haben einander gezeigt.

Wie kommen Sie denn an Menschen heran, die Sie vorher vielleicht noch nie getroffen haben?

Eigentlich immer sehr schnell, weil ich ein großer Verfechter der Theorie bin, dass der erste Händedruck der wichtigste Eindruck ist.

Otto Sander (Quelle: © Jim Rakete / photoselection)
Der Schauspieler Otto Sander | Bild: © Jim Rakete / photoselection

Recht bekannt sind Ihre Schwarz-Weiß-Bilder, die mit der Plattenkamera aufgenommen wurden und sich wirklich auf das Gesicht konzentrieren. Warum diese Form?

Ich kriege ja schon ein Schreck, wenn ich durch den Sucher gucke und sehe, wie jemand aussieht, wenn man das ganze Drumherum wegmacht. Das ist schon ein ganz anderer Eindruck von einem Menschen, das ist schon viel unschuldiger und viel zusammenhangsloser. Deshalb erzählt es auch etwas. Das ist ja das Paradoxon der Fotografie: sie erzählt ganz viel, obwohl sie ganz wenig weiß. Und das stürzt jeden Fotografen in Verzweiflung. Niemand, der über Fotografie nachdenkt, ist darüber nicht verzweifelt, dass er zum Abbilden von Tiefe eigentlich nur Oberfläche zur Verfügung hat. Das ist Wahnsinn, wenn man darüber nachdenkt.

Welche Menschen sind leichter und welche schwieriger zu portraitieren?

Also, manche Jobs sind ein bisschen schwierig, weil man an die Menschen nicht ran kommt. Auf der anderen Seite tröstet mich der Gedanke, dass diejenigen, die es einem zu leicht machen und quasi ihr vorgefertigtes Image vor sich her tragen, meistens nicht so tolle Fotos liefern wie die, um die man kämpft.

Fiona Applegate (Quelle: © Jim Rakete / photoselection)Sängerin und Songwriterin Fiona Applegate | Bild: © Jim Rakete / photoselection

Was hat sich mit der Digital-Fotografie für Portraits geändert?

Die Regeln haben sich geändert. Wir wissen doch gar nicht mehr, wie wir aussehen. Das einzige Gesicht, das wir noch zuverlässig kennen, ist das vom Rasierspiegel und das vom eigenen iPhone. Alles andere wird mit Erschrecken wahrgenommen. Ich sehe, wie Leute über die Straße laufen und vor ihrem eigenen Spiegelbild im Schaufenster erschrecken, weil sie nicht mehr wissen, wie sie aussehen, durch all die Selfies und Selbstschönung und Photoshop.

Dadurch, dass ständig fotografiert wird, dass auf Facebook ständig Fotos von einem selber gepostet werden, sind es die Menschen gewöhnt, beobachtet zu werden und vor der Kamera zu stehen. Merken Sie das als Fotograf, dass die Kamera was anderes geworden ist?

Ja, der Umgang mit den Kameras ist viel selbstverständlicher als früher. Was einfach damit zu tun hat, dass es keine Schwellen mehr gibt. Wenn ich mich erinnere, was früher ein Foto war: Da haben sich die Leute schick gemacht. Das ist alles vorbei, sondern das steht der Mensch als Gesamtkunstwerk in der Öffentlichkeit. Wobei die Unöffentlichkeit ja eigentlich nicht mehr gibt.

Gerhard Schröder (Quelle: © Jim Rakete / photoselection)Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder | Bild: © Jim Rakete / photoselection

Wie schafft man es, den Augenausdruck als Fotograf einzufangen?

Ganz grundsätzlich ist es am besten, wenn sich jemand, der fotografiert wird, für das Fotografieren interessiert. Natürlich gibt es auch diejenigen, die sich ein Stück weit verstecken. Aber wenn man es schafft, dass man momentweise ein leises Interesse bei dem Anderen erzeugt, dann ist man auf einem guten Weg.

Haben Sie den Eindruck, dass durch die Allgegenwärtigkeit von Handys auch die Gesichter anders sind?

Also, ich habe auch das Gefühl, dass durch die flächendeckende Erkennung von Menschen durch die Medien wir dauernd ein falsches Bild von uns haben. Wir haben nie ein authentisches Bild von uns, sondern immer ein konstruiertes. Ob das ein Gesichtsausdruck ist, eine Handlung: Es wird immer bewusster. Das schlägt sich auch in der Stimme nieder. Ich finde überhaupt: Die Stimme ist das Genauste.

Nena (Quelle: © Jim Rakete / photoselection)Popstar Nena | Bild: © Jim Rakete / photoselection

Genauer als der Gesichtsausdruck?

Auf jeden Fall! Es gibt Frequenzen in der Stimme, die können wir gar nicht kontrollieren. Ich weiß das, weil ich viel mit Rockmusik zu tun hatte in meinem Leben und es gibt Tage, an denen du bestimmte Songs aufnehmen kannst und andere Tage, an denen du sie nicht aufnehmen kannst.

Stirbt die Fotografie, wie Sie sie seit vielen Jahrzehnten betreiben?

Na ja, das wird immer mehr zu einer Preziose, glaube ich. Aber es wird kein Massenartikel. Ich glaube, es ist bei bisschen wie mit Jazz: Es gibt ihn, er ist toll, aber wenige kaufen ihn. Und so wird es der Fotografie auch gehen. Junge Leute werden nur noch in den seltensten Fällen Fotograf. Weil sie merken, dass sie damit nicht schnell erfolgreich werden können. Das Tolle an der Fotografie aber ist, dass sie ein großartiges Handwerk ist und das man ganz viele Sachen dabei lernt. Allerdings nicht, wenn man es auf den modernen Wegen macht, weil da das Handwerk zu kurz kommt. Jetzt mal ganz simpel gesagt: Fotografie hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Früher war es so, dass man ein Foto gemacht hat und es musste gut sein. Heute ist das eigentliche Foto nur noch Rohmaterial für das, was hinterher am Computer damit passieren soll. Damit habe ich nichts zu tun. Davon verstehe ich nicht mal was. Das gucke ich staunend an und sage: Okay, aber was ist mit der Wirklichkeit, ist die noch irgendwo? Worüber berichten wir hier? Meine Generation ist halt der "Last Man Standing": Ich bin wie ein bedrohter Westernheld.

Martin Wuttke (Quelle: © Jim Rakete / photoselection)Schauspieler Martin Wuttke| Bild: © Jim Rakete / photoselection

Das Interview führt Ursula Vosshenrich, Redaktion Gesellschaft, Religion, Osteuropa. Das Gespräch ist eine gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie hören, wenn Sie auf den Play-Button in der Mitte des Fotos drücken.

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4 Kommentare

  1. 3.

    is sicher ein guter Fotograf, wobei nicht alles was Künstler verbal von sich geben mit dem eigentlich Können kongruent ist.
    Einen Fehler hat er allerdings gemacht: Er ist derjenige der uns Nena "eingebrockt" hat :-)

  2. 2.

    Ein wundervolles Interview mit Jim Rakete: eine Liebeserklärung an die Fotografie, nicht ans Knipsen oder an die visualisierte Selbstinszenierung. Ich hoffe, dass es weiterhin Menschen geben wird, die die Mentalität des Fotografierens, wie sie Jim Rakete vorlebt, in sich tragen und damit die Faszination der Fotografie weiterleben lassen.

  3. 1.

    Jim Rakete hat es nach meinem Empfinden sehr treffend und auch sehr prägnant bezeichnet: Das Foto nicht mehr als Abbild von dem, was ist, sondern als Rohmaterial dessen, was sein soll. Wir gewinnen nicht an unseren erweiterten Möglichkeiten, wir ersticken an ihnen, weil sie uns alles ermöglichen und alles erlauben.

    Beispiele gibt es hier - auch auf diesen Seiten, will ich leider sagen - immer wieder zuhauf. Auch durch eingespielte "Symbolbilder". Wenn kein Foto zur Hand ist, holen wir uns eben eins. Wenn nur Rauch, aber keine Flammen zu sehen sind, werden die Flammen eben durch Bildbearbeitung ins Bild gebracht. Des Effektes wegen.

    "Gesichtsverlust" war zu früheren Zeiten eine Frage uns antiquiert vorkommender Ehrabschneidung. Heute ist das reale Gesicht tatsächlich verloren. Weil aus der bloßen MÖGLICHkeit ein Zwang geworden ist, es schönen zu MÜSSEN.

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