Tocotronic - die deutsche Rock-Band mit Saenger Dirk von Lowtzow bei einem Konzert am 16.03.2018 in Hamburg (Quelle: Jazz Archiv/Michi Reimers/dpa)
Audio: Inforadio | 17.04.2018 | Susanne Bruha | Bild: Jazz Archiv/Michi Reimers/dpa

Konzertkritik | Columbiahalle Berlin - Tocotronic meistern Spagat zwischen Diskurs-Pop und Rock

Seit 25 Jahren sind Tocotronic zusammen, zwölf Alben haben sie veröffentlicht. Am Montag hat die Hamburger-Schule-Band das erste von zwei Konzerten in der Berliner Columbiahalle gegeben. Ein rockig-fulminanter Abend, schreibt Susanne Bruha.

Tocotronic haben es nicht eilig zu beginnen. Nach einem Intro vom Band treten Frontmann Dirk von Lowtzow und seine drei Mitmusiker auf die Bühne, sie gehen an ihre Instrumente, verbeugen sich und lassen sich bejubeln, ohne einen Ton gespielt zu haben. Dann breitet von Lowtzow die Arme aus und begrüßt die knapp 3.500 Fans in der ausverkauften Columbiahalle mit den selig gehauchten Worten: "Endlich Berlin!"

Die Konzerte am Montag und Dienstag in der Columbiahalle sind der Tourabschluss der Band, die drei Wochen in Deutschland unterwegs war, inklusive Abstechern nach Österreich und in die Schweiz.

Los geht der Abend mit dem Titelsong des neuen Albums "Die Unendlichkeit". Zu schwer dröhnenden Gitarren windet sich der schlanke von Lowtzow, dem auch mit 47 Jahren die klassische 1990er-Jahre-Trainingsjacke noch perfekt steht, vor dem Mikro. Auf dem im Januar erschienenen Konzeptalbum rekapituliert er seine Jugend in der "Schwarzwaldhölle". Gedichtet hat er dafür Textzeilen für die Ewigkeit, wie im zweiten Song "Electric Guitar": "Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus / manic depression im Elternhaus".

Wende vom Pop zum Rock

Dann aber ist erstmal Schluss mit der Albumvorstellung und das Konzert nimmt eine extrem rockige Wendung. Wer Tocotronic in den letzten Jahren unter avantgardistisch-melancholischem Diskurs-Pop abgespeichert hatte, lernt für den Rest des Abends vor allem die Rockband Tocotronic kennen. "Let there be Rock" von 1999 und Klassiker wie "Kapitulation" und "Aber hier leben, nein danke" werden von den Fans begeistert gefeiert, getanzt, mitgesungen. Von Lowtzow schwingt seine ergraute Indiehaartolle und im Parkett wird so wild gepogt, dass das Kondenswasser von der niedrigen Decke im hinteren Bereich tropft.

Von Lowtzows Zwischenansagen sind fast schon übertrieben freundlich, sehr theatralisch und wie immer politisch engagiert. Er wirbt für den Verein "Pro Asyl", den die Band seit 2013 unterstützt und freut sich daraufhin über "Nazis raus"-Rufe aus dem Publikum: "Ihr nehmt mir die Worte aus dem Mund."

Perfekte Indierock-Party

"Unwiederbringlich", einen weiteren Song vom neuen Album, singt er allein mit Gitarre. Hier wird hörbar, dass die dreiwöchige Tour nicht spurlos an seiner charismatischen, aber jetzt eben auch brüchigen und heiseren Stimme vorbei gegangen ist. Für die Zugaben reicht es dennoch. Mit "Hi Freaks" und "Letztes Jahr im Sommer" ist die Indierock-Jahrtausendwende-Party perfekt. Zum Finale spielen Tocotronic ihre wütend postpubertäre Antihymne auf von Lowtzows Geburtsstadt Freiburg aus dem Jahr 1995. Erst um 23 Uhr endet dann der rockig-fulminante Abend.

Beitrag von Susanne Bruha

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1 Kommentar

  1. 1.

    Frau Bruha, Sie waren mal mehr als ein Schreibroboter. Ein Text, wie aus der Kleinstadt-Gazette, rockig-fulminant.

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