Demo der Falken 1967 in Moabit (Quelle:dpa/Kampf)
Video: rbb Fernsehen | 10.04.2018 | Karin Reiss | Bild: dpa/Kampf

rbb-Doku über die 60er in Berlin - "Wir wollten diese spießige Welt nicht mehr"

Sie waren noch Kinder, als die Mauer gebaut wurde. Doch viel wichtiger war für sie der Aufbruch in eine völlig neue Zeit, denn es waren die 60er Jahre. Berliner aus Ost und West erzählen in einer rbb-Dokumentation von einer wilden Zeit. Von Karin Reiss

Die 60er Jahre in Berlin sind Mauerbau und Studentenrevolte, Beatmusik und Singlebewegung, Minirock und lange Haare, freie Liebe und Drogen. Ein wildes Jahrzehnt im Schatten des Kalten Kriegs. Berliner aus Ost und West, die damals Kinder und Jugendliche waren, erzählen, was sie trotz trennender Mauer verband, wie politische Ereignisse sie prägten und wie sie ihren Weg fanden in eine neue Zeit.

Monika Joost-Liebich (Quelle: rbb)
Monika Joost-Liebich ist an der Mauer aufgewachsen | Bild: rbb

Tante Lotte wollte nicht springen

Monika Joost-Liebich (67) wohnt in einem Einfamilienhaus in einem kleinen Vorort im Norden Berlins. Aufgewachsen ist sie im Westberliner Arbeiterbezirk Wedding. Der Vater ist Tischler, die Mutter verdient in der Badeanstalt Fröhlich ein bisschen mit dazu. Sie leben zu viert in beengten Verhältnissen. Ihre Tante Lotte wohnt gleich um die Ecke in der Bernauer Straße in Ost-Berlin. Nur die Häuser gehören dort zum Osten, der Gehweg liegt im Westen. Als die Mauer im August 1961 gebaut wird, ist Monika elf. Sie sieht, wie Bewohner aus dem Fenster springen. Die Westberliner Feuerwehr hat Sprungtücher aufgespannt. Tante Lotte, die im ersten Stock wohnt, will nicht springen. Sie glaubt, dass die Sperrung der Grenze nur von kurzer Dauer ist. "Alle waren geschockt, weil Tante Lotte uns fehlte", erinnert sich Monika Joost-Liebich. Ihre Schule lag damals direkt an der Grenze: "Wenn mir im Unterricht langweilig wurde, guckte ich über die Mauer. Es hört sich schlimm an, aber man gewöhnte sich daran, es war Alltag."

Monika Joost-Liebich mit ihrem Käfer | Bild: rbb/Monika Joost-Liebich

Wie die meisten Mädchen in den frühen 60ern wird auch sie für die Ehe vorbereitet. Sie soll Kochen lernen und bekommt eine Aussteuer. "Handtücher, Kaffeelöffel, Tischdecken und Sammeltassen. All so ein Kram, furchtbar", erzählt Monika Joost-Liebich. Mit fünfzehn denkt sie allerdings nicht ans Heiraten. Die Beatles und Miniröcke sind ihr wichtiger. Obwohl sie eine gute Schülerin ist, will sie kein Abitur machen. Sie hat genug von den beengten familiären Verhältnissen. "Ich wollte lieber so schnell wie möglich eigenes Geld verdienen, um mir was leisten zu können." Mit siebzehn beginnt sie, beim Bezirksamt Wedding zu arbeiten, mit neunzehn hat sie eine eigene Wohnung und sogar ein eigenes Auto. "Ich habe dann die Pille genommen und konnte auch in dieser Richtung frei leben." 

Stress mit Westbesuch und der erste Joint mit dem Klassenfeind

Marina Eder (63) ist in Ost-Berlin aufgewachsen, in Köpenick. Heute lebt sie in Tempelhof und jobbt als Aufnahmeleiterin bei einer privaten Fernsehstation. Als die Mauer gebaut wird, ist sie erst sieben. "Meine Oma hat am meisten darunter gelitten", sagt Marina Eder. Der Bruder ihres Vaters und auch der Bruder ihrer Mutter sind mit Frau und Kind noch vor der Schließung der Grenze nach West-Berlin gezogen. Die Familie ist getrennt, erst Ende 1963 gibt es ein Wiedersehen, das Passierschein-Abkommen macht es möglich. "Die kamen immer mit vielen Geschenken", erinnert sich Marina Eder. "Meine Eltern hatten dann nicht so viel zu bieten, und wir fühlten als Kinder, dass sie sich minderwertig vorkamen. Die Besuche waren immer auch mit Stress verbunden." Vor allem dann, wenn der Bruder ihrer Mutter mit seinen vielen Reisen prahlt. "Wenn der zu Besuch kam, meinte er, er müsse uns zeigen, dass wir die Dummen sind, die im Osten geblieben sind. Und wir saßen dann alle ganz geknickt am Tisch."

Marina Eder (Quelle:rbb)
Marina Eder stammt aus KöpenickBild: rbb

Mitglied in der FDJ zu sein, ist in den 60er Jahren für Marina Eder normal, sie sieht das nicht politisch: "Mir ging es um das Gemeinschaftsding." Nicht gut findet sie, dass aufmüpfige Jugendliche in Ost-Berlin in der Öffentlichkeit schikaniert werden: "Wenn man zu fünft auf der Strasse stand, mit langen Haaren und Parka, kam die Polizei und sagte: weg hier, das ist Bandenbildung", erinnert sie sich. Mit fünfzehn fährt sie in ein internationales Jugendcamp nach Prag. "Wir haben mit dem Klassenfeind gefeiert, die Rolling Stones gehört und den ersten Joint geraucht." Wieder zu Hause in Ost-Berlin fühlt sie sich zum ersten Mal eingesperrt. Da beginnt ihr Freiheitsdrang. Jahre später stellte sie einen Ausreiseantrag.

Michael Noffz (Quelle:rbb)
Michael Noffz wurde mit dem Vietnam-Krieg politisch aktiv | Bild: rbb

Aus dem Amerika-Fan wird ein Revoluzzer

Michael Noffz (65) ist Lehrer und wohnt in Charlottenburg. Ein lockerer Typ, den seine Schüler lieben. In den 60er Jahren lebte er mit seinen Eltern im West-Berliner Bezirk Zehlendorf. Sein Vater ist zu dieser Zeit Beamter, seine Mutter Hausfrau. Der Mauerbau interessiert ihn als Kind nicht. Sie haben keine Verwandten im Osten, und in Zehlendorf ist die Berliner Mauer weit weg. Sein Lieblingsspielplatz ist der Grunewald, im Sommer machen dort amerikanische Soldaten Manöver mit Platzpatronen. Für Kinder ist das ein Abenteuer. "Wir waren zu der Zeit begeisterte Amerika-Fans, das waren die Guten, die Beschützter. Wir waren ja noch relativ klein und bescheuert", sagt Michael Noffz. Der Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy im Sommer 1963, ist für ihn heute noch ein "High-Erlebnis". "Dass so ein junger, schicker Präsident nach Berlin kommt und behauptet, er sei ein Berliner, das war ein tolles Ereignis."

Schulterlange Haare und Stress mit Erwachsenen

1968 ist es mit seiner Amerika-Begeisterung allerdings vorbei. Der 15-jährige Oberschüler geht mit den Studenten auf die Straße, um gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren. "Bürger kommt herunter vom Balkon, unterstützt den Vietkong, war so‘n Spruch. Es war in meinen Augen damals ein imperialistischer Krieg gegen ein armes Bauernvolk", so Michael Noffz. "Ab da waren die Amerikaner für mich gestorben." Seine Haare trägt er schulterlang, an seinem Parka pappen Buttons mit "Peace" und "Make love not war". Doch wer so in West-Berlin herumläuft, wird von den Erwachsenen angefeindet. "In Bus und U-Bahn pöbelten einen Leute an und sagten, geh‘ doch in Osten, das war üblich." Er gehört zu den rebellischen Jugendlichen, die die Welt verbessern wollen. Was die Eltern sagen, ist ihm egal. "Wir haben uns den Freiraum genommen. Wir haben nicht gefragt, ob wir das dürfen, wir haben es gemacht. Wir waren privilegierte Oberschüler, wir mussten ja nicht an die Werkbank um sieben." Jugendliche wie Michael Noffz haben die Nase voll von der Spießigkeit und Verklemmtheit der Elterngeneration. Sie haben keine Angst mehr vor Autoritäten und probieren alles aus. Dazu gehören auch bewusstseinserweiternde Drogen wie LSD. "Wir wollten Spaß haben. Wir haben alle die gleiche Musik gehört und hatten die gleichen Vorstellungen von der Zukunft. Diese Zeit in West-Berlin hat mich und meine Generation geprägt, ganz entscheidend. Mehr als die Jahre danach."

Beitrag von Karin Reiss

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