Kollegah singen am 01.04.2017 in Würzburg auf ihrer Tour (Bild: imago/Lukas Seufert)
Bild: imago/Lukas Seufert

Echo-Preisverleihung 2018 - Schmusesänger, Echoköniginnen und Grenzfälle

Der Trophäen-Marathon steht wieder an, am Donnerstag werden die Echos verteilt. Ein Eklat vor der Show wirft ein interessantes Licht auf das Familientreffen der Musikindustrie. Von Ula Brunner

Ja! Sie ist zurück – Helene Fischer. Nach ihrer Echopause im letzten Jahr ist die Schlager-Amazone bei der Donnerstagsgala im Palais am Funkturm gleich dreifach nominiert: Schlager des Jahres, Album des Jahres und Produzent National. Insgesamt 16 Trophäen hat die deutsche Echokönigin in ihrer Karriere bereits eingesammelt, vier davon 2016 für "Atemlos durch die Nacht". Hat sie auch 2018 Chancen auf einen Echo? Mit ihrem aktuellen selbstbenannten Album dürfte sie zumindest in der Kategorie "Schlager" die Konkurrenz (Andrea Berg, Fantasy, Maite Kelly und Ben Zucker) locker abhängen.

Im Doppelback: Ed Sheeran

Mit vier Nominierungen (Album, Künstler International, zwei Mal Hit des Jahres) hat sich Ed Sheeran vor die deutsche Echo-Königin gedrängt. Mit gleich zwei Songs - "Perfect" und "Shape Of You" - ist der britische Songwriter beim "Hit des Jahres" aufgestellt. Der Saarbrücker Rapper Bausa ("Was du Liebe nennst"), die Vegas-Rocker Imagine Dragons ("Thunder") und Luis Fonsi feat. Daddy Yankee ("Despacito") dürften es schwer haben, sich gegen den britischen Schmusesänger durchzusetzen.

"Shape of You" war 2017 in Deutschland der erfolgreichste Song in den Charts und ist weltweit die meistverkaufte Single 2017. Laut dem Weltverband der Phonoindustrie (IFPI) ist Ed Sheeran der erste Künstler überhaupt, der in einem Jahr sowohl die bestverkaufte Single als auch das bestverkaufte Album stellt. In den Königskategorien "Hit des Jahres" und "Album des Jahres" - um Letzteres konkurrieren auch die Kelly Family, Die Toten Hosen sowie Kollegah & Farid Bang - scheint Ed Sheeran den Echo sicher in der Tasche zu haben. Zumindest wenn man nach den Verkaufszahlen geht.

Antisemitismus um Gangsta-Rap

Doch seit 2017 sind nicht mehr alleine die Verkaufszahlen, die Platzierungen in den offiziellen Top-100-Charts, sondern auch das Votum der Fachjurys ausschlaggebend. Die rund 500 Juroren, darunter Journalisten, Händler, Produzenten, ehemaligen Preisträger und Nominierten sowie Label-Vertreter, tragen die Hälfte des Stimmengewichts. Und gemeinsam hat man also auch Kollegah & Farid Bang mit ihrer geschmacklosen Ausschwitzmetapher durchgewunken.

Die Debatte rund um die Gangsta-Rapper wirft ein interessantes Schlaglicht auf die politische Sensibilität der Musikindustrie. Kollegah & Farid Bang sind für ihr gemeinsames Album "Jung, brutal, gutaussehend 3", kurz "JBG3", in drei Echo-Kategorien nominiert.

Nun zeichnet sich die testosterongetränkte Haudrauf-Lyrik der beiden von jeher nicht durch Intelligenz aus. Eine Zeile wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" im Song "0815" fügt sich nahtlos ein in das semantische Niveau ihres Gesamtwerks. In ihren von Stumpfsinn glänzenden Songs reiht sich meist eine menschenverachtende Plattitüde an die nächste - wie die Glieder einer prolligen Halskette.

Keine Proteste seitens der Nominierten

Dass das Album für den Echo nominiert wurde – was eben nicht nur enorme Verkaufszahlen, sondern auch das Votum der Fachjury voraussetzt – rief enorme Kritik auf den Plan. Schließlich kam der Echo nicht umhin, seinen Beirat prüfen zu lassen, ob die Nominierung bestehen bleiben kann. Der konstatierte, es handele sich um einen "absoluten Grenzfall zwischen Meinungs-und Kunstfreiheit", die Wortwahl sei stellenweise "provozierend und voller Gewalt", aber ein formaler Ausschluss sei nicht der richtige Weg. Die Rapper haben sich inzwischen halbherzig für die Formulierung entschuldigt. Kollegah bietet seinen "jüdischstämmigen" Fans gönnerhaft freien Eintritt bei seinen Konzerten an.  

Wie Jahre zuvor bei "Frei.Wild" hat der Bundesverband der Musikindustrie also mal wieder ein Political-Correctness-Problem. Anders als bei den Südtiroler Rechtsrockern regt sich jedoch kein Protest seitens der anderen Nominierten. Im Gegenteil: Der jüdische Rapper Spongebozz, neben Kollegah & Farid Bang in der Kategorie "Hip-Hop/Urban National" aufgestellt, findet es richtig, dass die beiden Musiker nicht vom Echo ausgeschlossen werden, alles andere sei "Zensur".

Der Musiker, Komponist und Grafiker Klaus Voormann (Quelle: dpa/Ursula Düren)
Der Musiker, Grafiker und Produzent Klaus Voormann | Bild: dpa/Ursula Düren

Ein Echo für den "Fünften Beatle"

Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht: Der Bassist, Grafiker und Produzent Klaus Voormann wird für sein Lebenswerk geehrt. Der Echo könnte ein präsentables Geschenk für den 80. Geburtstag des Multitalents in zwei Wochen sein. Der gebürtige Berliner, mittlerweile selbst so etwas wie eine Musiklegende, gestaltete 1966 in London das Cover für das Beatles-Album "Revolver". Das brachte ihm 50 Pfund, einen Grammy und eine bis heute andauernde Freundschaft mit den Bandmitgliedern ein.

Voormann hat als Musiker und Grafiker in der internationalen Musikszene mitgemischt: Er spielte mit Manfred Mann, Randy Newman, John Lennon, George Harrison, trat zusammen mit Bob Dylan 1971 beim "Concert for Bangla Desh" auf und produzierte nach seiner Rückkehr aus den USA mit der damals noch unbekannten Dada-Truppe Trio den bis dato größten Hit der Deutschen Welle: "Da Da Da".

Weniger Preise, mehr Juroren

Wer ist sonst noch bei der großen Preisgala in 22 Kategorien am Start? Kurz gesagt - die üblichen Verdächtigen. Dabei sind etwa der Rapper Bausa (Newcomer National, Hit des Jahres, Video), Depeche Mode (Band International), Pink (Künstlerin International), Nils Frahm (Kritikerpreis National) Peter Maffay und Mark Forster (Künstler Pop National), Yvonne Catterfield (Künstlerin Pop National), Söhne Mannheims (Band Pop National).

Doch auch die komplette Nominiertenliste hat mehr Ähnlichkeit mit der Playlist eines müden Vorstadt-DJs als mit einer internationalen Musikavantgarde. Der Echo, er mag für einiges gut sein, nicht aber für Überraschungen.  Doch wer weiß, vielleicht werden bei der Preisverleihung am Donnerstag doch noch einige kritische Stimmen zum Thema Kollegah & Farid Bang zu hören sein. Schön wär's.  

Echo 2017 - Die Nominierten

  • Kritikerpreis national

  • Album des Jahres

  • Rock National

  • Dance national

  • Künstler International

  • Band Pop national

  • Newcomer International

  • Künstlerin Pop national

  • Hit des Jahres

  • Schlager

  • Soziales Engagement

  • Künstler Pop national

  • Hip-Hop/Urban National

  • Volkstümliche Musik

  • Lebenswerk

  • Künstlerin International

  • Band International

  • Newcomer National

  • Bestes Video National

  • Produzent National

  • Handelspartner des Jahres

  • Partner des Jahres

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5 Kommentare

  1. 5.

    Das ist nur die fortgesetzte Logik, dass die Machart von etwas weit höher steht als der Inhalt von etwas. Würde heute Leni Riefenstahls "Triumph des Willens", die dramaturgisch exzellente Inszenierung des Nürnberger NS-Parteitags, zur Bewerbung stehen, der Film würde heute mit Preisen überhäuft.

    Ist die Einbeziehung des Inhalts Zensur, wie zur Behauptung steht?
    Oder sollte sich eine demokratische Gesellschaft nicht erlauben, auch der (Film-)Kunst gewisse Grenzen zu setzen?



  2. 3.

    Wenn Antisemitismus, Frauen- und Deutschfeindlichkeit sowie die Verherrlichung von Gewalt auch noch Echonominiert wird, damit kriminelle Miri- und andere Araberclans eine Bühne erhalten, läuft bei den Juroren und allen anderen was falsch.
    Aber mich wundert in der hiesigen Musiklandschaft nichts mehr.

  3. 2.

    Sicherlich bekommt die Band "Feine Sahne Fischfilet" den Kritikerpreis National für diese Textzeile:
    „Punk heißt gegen‘s Vaterland, das ist doch allen klar / Deutschland verrecke, das wäre wunderbar! / Heute wird geteilt, was das Zeug hält / Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!“
    So lobe ich mir das.

  4. 1.

    Neben der Krasnojarsker Heulboje klingt ja Kollegah & Farid Bang wie ein musikalischer Jungbrunnen. Aber, ich bin mir sicher, dass "unsere" omnipräsente Helene auch eine Echo bekommt. Auch, wenn man dafür extra eine Kategorie erfinden muss.

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