"Parsifal"-Premiere mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern im Festspielhaus Baden-Baden
Audio: Inforadio | 07.04.2018 | Jens Lehmann | Bild: Monika Rittershaus

Wagner-Oper in der Berliner Philharmonie - Rattle holt den Parsifal ins 21. Jahrhundert

Sein "Parsifal" sei keine Oper, sondern ein "Bühnenweihfestspiel", so Richard Wagner. Stimmt: Denn statt klassischer Open-Themen geht es um Wagners Lebensthema, die Erlösung. Sir Simon Rattle hat das Werk nun in Berlin aufgeführt. Von Jens Lehmann

16 Jahre ist es her, da hab ich mit klopfendem Herzen und vollgekritzeltem Reclam-Textbuch in zitternden Händen in der Philharmonie gesessen und meinen ersten Parsifal gehört. Diese seltsame Geschichte vom reinen Toren, der in die Burg der Gralsritter stolpert, erst nix begreift, um später geläutert und mit einer wichtigen Reliquie bewaffnet zurückzukehren und den geschwächten Gralskönig Amfortas abzulöst. Claudio Abbado hat diese mystische Erlösungs-Oper damals in seiner letzten Saison dirigiert.

Zum Leidwesen seines Nachfolgers, Simon Rattle. Der hätte den Parsifal gerne schon zu Beginn seiner Amtszeit bei den Philharmonikern auf die Bühne gebracht. Jetzt, kurz vor seinem eigenen Abschied, hat es endlich geklappt - und das Warten hat sich gelohnt.

Ein musikalischer Sprint über fünf Stunden

Ging Abbado damals fast meditativ zu Werke, nimmt Rattle dieses oft so weihevolle Fünf-Stunden-Werk ziemlich sportlich. Die Tempi sind flott, die Intensität ist am Anschlag. Hier wird nicht für jedes Leitmotiv gebremst - die kommen ja auch oft genug vor. Und die Vor- und Zwischenspiele, vor allem die berühmte Verwandlungsmusik, werden zum reißenden Strom.

Die Philharmoniker brillieren: Flexibel und klangschön zugleich reagieren sie auf die kleinsten Tempowechsel und Steigerungen . Wohl dem, der so fantastische Musiker wie Trompeter Tamas Velenczei, Hornist David Cooper oder Pauker Wieland Welzel in seinen Reihen hat.

Skelton und die "Monsterstimme"

Auch der Rundfunkchor Berlin macht seine Sache gut - ob als wendige Blumenmädchen oder als stimmgewaltige Gralsritter. Gewaltig kommen auch die Protagonisten daher. Stuart Skelton leiht dem Titelhelden seine Monsterstimme und macht die Wandlung vom reinen Toren zum verantwortungsbewussten Gralskönig hör- und sichtbar.

Nina Stemme ist eine ebenso stimmstarke Kundry, doch wie schon bei Skelton hat man das Gefühl, dass dieser allzu reife Mezzosopran nur mit Mühe durch Rattles Stromschnellen kommt.

Franz-Josef Selig kümmert das wenig, er ist ein wunderbarer, fast stoischer Erzähler. Yevgeni Nikitin dagegen geht als Klingsor eher als die Karikatur eines bösen Zauberers durch. Doch das glühende Herz dieser Aufführung ist einmal mehr in der Rattle-Ära Bariton Gerald Finley. Er singt den Amfortas, diesen lebensmüden Schmerzenskönig ergreifend, herzzerreißend - auch weil er so ganz anders, so unwagnerisch, fast liedhaft klingt.

Ein moderner Parsifal

Das ist das Spannende an diesem Abend: Simon Rattle und seine Philharmoniker musizieren einen schimmernden, schillernden, glänzenden Parsifal für das 21. Jahrhundert. Die alten Wagner-Recken können da nur noch mühsam folgen. Doch Gerald Finley zeigt ihnen den Weg.

Beitrag von Jens Lehmann

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