Szenenbild: Europa - Hans Otto Theater Potsdam
Audio: Inforadio | 09.04.2018 | Jakob Bauer | Bild: HL BOEHME

Premierenkritik | "Europa" im Hans-Otto-Theater - Hybris, Machthunger und Selbstbezogenheit

Was haben Vatermörder Ödipus, das antike Theben und blutige Bruderkriege mit Europa zu tun? Die Neuinszenierung des Hans-Otto-Theaters lässt die großen Themen von damals und heute überzeugend und berührend mitschwingen, sagt Jakob Bauer.

 

"Eurooopa" schallt es durch den Theatersaal. Es ist Ein Wehklagen, eine sich überschlagende Stimme, ein Lied über den Raub der griechischen Sagengestalt Europa durch Göttervater Zeus. Das sind die ersten Momente des Abends und der Ursprung allen Übels, das da in den kommenden drei Stunden erbarmungslos auf die Zuschauer einschlägt. König Ödipus findet heraus, dass er ein Vatermöder ist mit seiner Mutter schläft, seine Söhne töten sich im Kampf um die Thronfolge gegenseitig, seine Tochter wird bei lebendigem Leibe eingemauert und überhaupt geht die einstmals große Stadt Theben mit Ödipus und seiner Sippe komplett vor die Hunde. Und warum? Wegen der geklauten Europa.

Ohne die Ursünde kein Theben

Das ist zumindest die Idee, die das Autorenkollektiv Soeren Voima und Regisseur Tobias Wellemeyer an diesem Abend vorschlagen. Soeren Voima haben drei der wichtigsten antiken Tragödien von Sophokles und Aischylos über Ödipus und die Stadt Theben bearbeitet und zu einem Stück zusammengesetzt. Und, viel wichtiger, neu kontextualisiert.

Kadmos, der klagende Sänger vom Anfang und Bruder der entführten Europa, ist der "Reiseführer" des Abends. Er bindet die losen Enden der einzelnen Stücke zusammen. Immer wieder taucht er auf, wendet sich direkt an die Zuschauer und erzählt vom Raub des Zeus, wie lange er seine Schwester suchte und wie er schließlich – hier wird’s dann interessant –  die Stadt Theben gründete. Ohne diese Ursünde, die Entführung der Europa also kein Theben. Und egal, wie schnell sich die Thebaner entwickeln, wie hoch sie fliegen, die Ursünde ist immer da: "Unzählbare Güter hat Theben erworben/Und Wissen und Reichtum und Macht/Doch Gutes wächst nicht aus verdorbenem Korn."

Mitreißende Geschichten, tolle Regie

Die Bewohner der antiken Megacity "Silicon Theben" stürzen sich mit ihrem Kontroll- und Wissenshunger selbst ins Verderben. Wie Zeus wollen sie ihren Willen durchsetzen, notfalls mit Gewalt. Und ziehen dabei eine Verbindung, zeichnen ein Bild von Hybris, Machthunger und Selbstbezogenheit des heutigen Europas: Ödipus ist ein aggressiver Schreibtischtäter mit Anzug und Aktentasche. Hinter der Bühne blinken riesige Schaltkreise, als das Unheil über die Familie hereinbricht, regnet es Elektroschrott und der Krieg klingt eher nach 2018 als 400 v.Chr. Diese Gegenwartsbezüge sind aber eher dezent eingesetzt – Schauspiel und Text bleiben klassisch griechische Tragödie, wortgewaltig und mit Leidenschaft vorgetragen, inklusive Chor.

Handlung ist klar nachvollziehbar

Es steckt viel drin in "Europa", Geschichten von zerstörerischem Streben nach alleiniger Macht, von Schicksal und freiem Willen. Es sind die ganz großen Themen von damals und heute die hier drei Stunden lang in jeder Zeile mitschwingen. Aber kaum etwas davon ist klar ausformuliert. Eine Interpretation wird nahe-  oder weiter weggelegt, aber nicht erzwungen. Trotzdem erschlägt die Fülle an Möglichkeiten nicht, was auch an der tollen Regie von Tobias Wellemeyer liegt: Der Verlauf der Handlungen ist klar nachvollziehbar, die Verbindungen zwischen dem Raub der Europa,  dem Unheil von Theben und der heutigen Zeit verständlich herausgearbeitet, die Türen sind geöffnet, der Weg den man geht, die Deutung bleibt einem selbst überlassen. Und letztendlich sind es auch einfach mitreißende Geschichten, die vom großartigen Ensemble wunderschön traurig und intensiv gespielt werden.

Sendung:

Beitrag von Jakob Bauer

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1 Kommentar

  1. 1.

    Mir deucht: Eine offene Deutung ist das wirklich Schlimmste für Menschen, die von Eindeutigkeit nicht lassen können.

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