Dimitrij Schaad in A WALK ON THE DARK SIDE von Yael Ronen & ENSEMBLE (Bild:Ute Langkafel/MAIFOTO):
Bild: Audio: Inforadio | 16.04.2018 | Nadine Kreuzahler

Premierenkritik | "A walk on the dark side" im Gorki Theater - Landpartie in die Abgründe des eigenen Selbst

Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und ein Familientreffen, das aus den Fugen gerät. In "A Walk on the Dark Side" schickt Yael Ronen ihr Ensemble in eine düstere Gefahrenzone, die Abgründe des eigenen Selbst. Von Nadine Kreuzahler

"A Walk on the Dark Side" begibt sich mitten in die zwischenmenschliche Kampfzone eines Familientreffens. Aber erst mal regnet es Sterne, Videobilder und Musik erschaffen auf der Bühne das Weltall, als würde man in einem Planetarium sitzen. Kosmische Kräfte, allen voran: Dunkle Materie und Dunkle Energie sind das Forschungsgebiet der Brüder Immanuel und Matthias. Der eine ist der seriöse Astrophysiker auf Möchtegern-Nobelpreis-Kurs. Der andere der smarte Turnschuh-Wissenschaftler mit Millionen Followern im Internet, der anderen Leuten komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge möglichst einfach erklärt.

Zwei Brüder zwischen Wettbewerb und Hassliebe

"Wir haben es grundsätzlich mit zwei dunklen kosmischen Entitäten zu tun", erklärt Immanuel. "Ja, nennen wir sie doch einfach 'The Dark Brothers!', schlägt Matthias vor. "Ok, nennen wir sie 'The Dark Brothers'. Also: Dunkle Materie", entgegnet Matthias. "Dark Matter! Das bist jetzt mal du! Und ich bin sein böser Bruder Dark Energy, Dunkle Energie. Und diese beiden Brüder, die kämpfen eine kosmische Schlacht."

Die Dunkle Materie, der arrogante Eigenbrötler im All, und Dunkle Energie, der effektive, alles einnehmende Eroberer. Die kosmische Gleichung lässt sich natürlich auf die beiden Brüder übertragen. Zwei Brüder, so unterschiedlich, aber auch so abhängig voneinander wie ihr Forschungsgebiet, hoffnungslos verstrickt in einen lebenslangen Wettbewerb und eine Hassliebe.

Dunkle Geheimnisse und viele Gemeinheiten auf dem Familientreffen

Als Immanuel einen wichtigen Preis gewinnt, will seine Frau Mania das unbedingt mit einem Wochenende in der Uckermark feiern. Dazu lädt sie auch Matthias ein. Der bringt spontan seine Freundin Magda mit, die - nach einem drastischen Selbstmordversuch - gerade erst aus der Psychiatrie entlassen wurde.

Als dann auch noch der verschollene Halbbruder David aus Israel dazu stößt, den niemand eingeladen hat, gerät das fragile, sowieso schon schwankende kosmische Gleichgewicht in der Familie völlig aus der Bahn. Dunkle Geheimnisse kommen ans Licht. Gemeinheiten werden versprüht wie Gift.

Mit Blick auf Magda spricht Mania ihren Toast, das "Lechaim", denn Mania ist Jüdin. "Wir sollten alle dankbarer sein", sagt sie und hebt ihr Glas. "Erst mal: wir sind alle lebendig. Und es sieht so aus, als wollen wir alle lebendig bleiben." Sie sieht Magda an. Alle sehen Magda an. "Und wir sind alle hier…" David fällt ihr ins Wort: "Außer Papa. Er ist tot." Er dreht sich zu Immanuel um. "Immanuel, ich bin mir sicher, dass Papa dich jetzt sehen kann und er ist sehr stolz auf dich." "Aha." "Ja, immer wenn wir uns im letzten Jahr gesehen haben, egal, wie einsam und krank er war, hat er immer gesagt: Ich brauche Immanuel nicht an meiner Seite. Mir ist lieber, dass mein Sohn etwas Großes für die Menschheit tut. Denn für mich kann er und will er auch nichts mehr machen."

David scheint alles über jeden Einzelnen zu wissen. Dass Magda eine Affäre mit Immanuel hatte, dass sie ihr Baby umgebracht hat bei ihrem Selbstmordversuch. Außerdem will er sich an seinen Halbbrüdern rächen für etwas, was sie ihm als Kinder angetan haben - auch wenn er vorgibt, ihnen zu verzeihen.

Eher überdrehte Kommödie als bissiges Kammerspiel

"A Walk On The Dark Side" hätte das Zeug gehabt für ein böses, bissiges Kammerspiel über die Abgründe menschlicher Beziehungen. Yael Ronen bringt stattdessen eine teilweise ziemlich überdrehte Komödie auf die Bühne, in der auch die lange, ausgedehnte Pantomime eines Tennismatches unter den Brüdern Platz hat. Das ist sehr lustig, und man guckt den Schauspielern dabei gerne zu. Aber viel besser ist das Stück, wenn es seine oft guten, lustvoll bösen Dialoge zelebriert. Schade, dass sich Yael Ronen nicht allein darauf verlassen möchte.  

"A Walk On The Dark Side" ist am Ende zwar ein unterhaltsames, aber zu oft nach lauten Lachern heischendes Stück.

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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