Das Gebäude der Volksbühne in Berlin (Quelle: Paul Zinken/dpa)
Video: rbb Aktuell | 13.04.2018 | Bild: dpa/Paul Zinken

NDR/rbb/SZ exklusiv zum Rücktritt von Dercon - Volksbühne droht offenbar der finanzielle Kollaps

Der Rücktritt von Volksbühnen-Intendant Chris Dercon erfolgt offenbar vor einem drohenden finanziellen Kollaps der Volksbühne. Die Einnahmen und Sponsorengelder liegen weit hinter den Planungen. Dercon übt heftige Kritik am Regierenden Bürgermeister.

Der Rücktritt von Chris Dercon, Intendant der Berliner Volksbühne, erfolgte offenbar vor dem Hintergrund eines drohenden finanziellen Kollapses der Berliner Volksbühne, einer der wichtigsten Kulturinstitutionen Deutschlands. Das belegt eine gemeinsame Recherche von rbb, NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ).

Um die Finanzierung der Volkbühne abzusichern, hatte Chris Dercon 2015 - also vor seinem Antritt als Intendant - mit Sponsoren-Geldern in Höhe von 1,25 Millionen Euro gerechnet. Diese sollten "entweder BMW oder Mercedes" beisteuern, wie es in einer vertraulichen E-Mail der Berliner Kulturverwaltung heißt.

2017 ging die Volksbühne dann nur noch von Sponsoringeinnahmen in Höhe von 125.000 Euro aus - einem Zehntel des ursprünglichen Betrags. Ob das Geld tatsächlich eingesammelt wurde, ist unklar. Auch der Plan, durch Gastspiele 750.000 Euro einzunehmen, konnte nicht umgesetzt werden. Dem gegenüber stehen hohe Kosten bei Eigenproduktionen.

Volksbühne leidet unter geringer Auslastung

Seit Beginn der Intendanz Dercons leidet die Volksbühne unter einer zu geringen Auslastung bei gleichzeitig hohen Ausgaben. Dass die finanzielle Situation der Volkbühne schwierig werden könnte, stellte ein interner Vermerk der Kulturverwaltung für den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) schon zu Beginn der Spielzeit fest. Bereits im August 2017 heißt es dort: Die "Einnahmen aus Kartenerlösen gehen gegenüber Volksbühne alt zurück." Für 2018 wurde mit einem weiteren "Besucher-Rückgang zahlender Besucher um 20 Prozent" gerechnet.

Außerdem würde es weniger "geplante Vorstellungen als unter Castorf" geben, heißt es in dem Bericht vom 21. August 2017, der rbb, NDR und SZ exklusiv vorliegt. Nach den Recherchen ist der Besucher-Rückgang jedoch deutlich höher, was zu weitaus geringeren Einnahmen führt.

Die Auslastung des Theaters liegt bei den wenigen reinen Eigenproduktionen nach aktuellem Stand im Schnitt bei unter 50 Prozent. Bei der Inszenierung "Iphigenie" ist im Durchschnitt nur jeder fünfte der gut 800 Plätze besetzt. Zum Vergleich: 2016 erreichte die Volksbühne eine Auslastung von 78 Prozent.

Journalisten von rbb, NDR und SZ konnten tausende Seiten an internen Dokumenten, Akten und Mailwechsel der Kulturverwaltung einsehen.

Dercon erhebt Vorwürfe gegenüber Michael Müller

Dercon seinerseits fühlt sich vom Berliner Bürgermeister Müller im Stich gelassen. Geplant war unter anderem auch den Flughafen Tempelhof als Spielort zu nutzen. Doch dafür fehlten offenbar von Anfang an die Mittel. 

In einem Gespräch mit NDR, rbb und SZ kurz vor der Bekanntgabe seines Rücktritts griff Dercon den Regierenden Bürgermeister Berlins hart an. "Ich habe mich vier Mal mit Müller getroffen und nie wieder etwas von ihm gehört", so Dercon. "Das ist hier ein Appell und das sage ich auch gern: Wo ist der Herr Regierende Bürgermeister Michael Müller? Quo vadis, Herr Müller? Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie? Übernehmen Sie Verantwortung? Eigentlich sollte man das Stück nennen, 'Von einem, der auszog, weil er die Miete nicht zahlen konnte' - weil das unsere gesamte Geschichte ist. Unser Problem ist, dass wir die Miete in Tempelhof nicht bezahlen können. Herr Bürgermeister Michael Müller kann die Miete auch nicht zahlen."

Sendung: Über die Hintergründe des Rücktritts von Dercon und die Recherchen von NDR/rbb und SZ berichtet am Sonntag 15.4.2018 das ARD-Kulturmagazin "titel thesen tempramente" (ttt).

Chris Dercons kurzer Auftritt an der Volksbühne

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Ich dachte, dass die Zeit der blut- und kotverschmierten Schausteller, die mit fekalsprachlichen Ausbrüchen das scheinintelektuelle Bezahlpuplikum "unterhalten" hat, ist vorbei.
    Chance verpasst.
    Und, wer glaubt, die "guten alten Zeiten" kommen nach Dercons Abgang zurück, wird schwer enttäuscht werden, denn, welch Intendant (in)/Regisseur(in) will an einem Haus arbeiten, wo eine so künstlerische Engstirnigkeit vorherrscht.
    Ich glaube, die Zeiten für die Volksbühne sind vorbei.
    Eine Umgestaltung zu einem, der Wohnumgebung angepassten, Juppi-Kaufhaus wäre eine nachdenkenswerte Alternative.

  2. 11.

    Das gehört sich nicht. Chris Dercon fährt die Volksbühne an die Wand, zerstört das Ensemble, ignoriert die Werkstätten, macht alles außer deutsches Sprechtheater, dafür Tempelhof zur Spielstätte für Kindertanz, und schickt die Polizei gegen die echten Fans der Bühne im Foyer. Dann folgen eingekaufte Produktionen, die den Standards des Publikums und der Kritik nicht genügen, und Schuld soll der Regierende Bürgermeister Müller sein? Was erlaubt der sich? Rücktritt schön und gut (Nun danket alle Gott!), aber die Angriffe gegen Müller gehen nun mal gar nicht. Meiner Ansicht nach sollte er in ganz Deutschland ein Bühnenverbot kriegen und nie wieder einen Fuß als Intendant in ein Museum oder eine Kunstinstitution setzen. Eine Dercon-Dokumenta wäre ein Skandal nach den Angriffen auf Müller. Wir haben ja Pfauen, Egomanen und Querulanten im Theaterbetrieb, aber für das eigene Versagen nicht einstehen, das eigentlich nichts mit den kritischen Castorf-Jüngern zu tun hat, sorry, nee.

  3. 10.

    Nu jeht mal uffn Bau malochn...

  4. 9.

    Ich weiß nicht, was Sie bzw. man für wichtige Kultureinrichtungen halten. Das auch wichtige Kultureinrichtungen Zuschüsse vom Staat erhalten - da bin ich mir ziemlich sicher. Zum Beispiel die Semperoper bekommt auch Zuschüsse. Was ich auch für richtig halte. Schließlich geht es um unsere Kultur.

    Und dem Artikel zufolge hat das mit dem neuen Ex-Indentanten zu tun (falsch kalkulierte Sponsorengelder, Zuschauerrückgang). Bedeutet natürlich nicht, dass er das zu verantworten hat und die finanzielle Situation nicht schon vorher bescheiden war.

  5. 8.

    Das Geld, welches eine Schließung einsparen würde einfach in die Sicherheit oder Bildung stecken.

  6. 7.

    Die Bude an irgendeines dieser Musicalunternehmen verpachten, die dann das spielen, was das Volk (nicht irgendeine linksintellektuelle Schickeria aus Akademikerkindern) wirklich sehen will: Irgendwelche Plastikmusicals nach irgendwelchen (Zeichen-) Trickfilmen mit Mitwirkenden, die niemand kennt und Melodien, an die sich niemand erinnert.

    Eine steuernfinanzierte linksradikale Krawallbühne leistet sich das Land Berlin schließlich schon in Gestalt des Maxim-Gorki-Theaters. Wozu noch eine zweite?

    (Aber so, wie die politischen Mehrheiten in Berlin sind, wird es vermutlich darauf hinauslaufen, daß man Herrn Castorf zurückholt, auf Lebenszeit ernennt und dem Hofnarren garantiert, nach seinem Ableben in der Volksbühne mumifiziert ausgestellt zu werden. Allerdings nur unter der Voraussetzung - Quote! -, daß er ein anderes Geschlecht annimmt.)

  7. 6.

    Selbst Schuld!

    Gerade man 160 zahlende Zuschauer in der besagten Aufführung zeigen doch nun einmal, was die Berliner heutzutage von der Volksbühne noch halten.

    Nüscht!

    Aber dann selbstverständlich gleich nach Staatsknete, für Aufführungen schreien, die dann sowieso niemand wirklich anschauen will!

    Brotlose Kunst!



  8. 5.

    Man könnte meinen, da sind ganz andere Dinge mit im Spiel. "Der Neue" wurde doch von Anfang an abgelehnt. Einfach zumachen den Laden und die Millionen Steuergeld Euro an anderer Stelle sinnvoll verballern.

  9. 4.

    Och nöö, nicht schon wieder diese alten Kamellen. Wenn ick mia frage, warum meine Steueagelda die Polizei bei Hertha und Union finanzieren, dann bin ick ooch nich grade häppi. Und warum zahl ick ooch noch für Autobahnen und Hartz-4.

    Mein lieber Scholli, aber so kommen wir nicht weiter. Gesellschaft heißt Solidarität. Geben und Nehmen. Kultur ist Teil des innergesellschaftlichen Austausches.

    Fahren Sie mal in andere Länder: Die Kulturszene dort ist überwiegend kommerzialisiert, und auch gerade deswegen wesentlich langweiliger / oberflächlicher / konservativer.

  10. 3.

    Dieser Kommentator gehört vielleicht eher ins Olympiastadion.

  11. 2.

    Wenn man sich mal vor Augen hält, was man mit dem Geld das dort verbrannt wird sonst so machen könnte sollte man mal darüber nachdenken ob man die heilige Kuh nicht schlachtet. Berlin hätte auch ohne die Volksbühne genügend schlecht ausgelastete Theater und den A.... voll Schulden.

  12. 1.

    Wenn die Berliner Volksbühne einer der wichtigsten Kulturinstitutionen Deutschlands wäre, dann könnte sie sich auch ohne staatliche finanzielle Hilfe über Wasser halten. Kann sie aber nicht. Die Zeiten, in denen die Volksbühne wichtig war, sind lange vorbei. Genau so sieht das mit der Millionen-Förderungen für die Oper und Philharmonie aus. Subventionierung des Vergnügens der Oberschicht ist das. Nichts anderes.

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