Ensemble des Stücks "Medea. Stimmen von Christa Wolf" am Deutschen Theater Berlin. (Quelle: Deutsches Theater/Arno Declair)
Deutsches Theater/Arno Declair
Audio: Inforadio | 06.04.2018 | Ute Büsing | Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Theaterkritik | "Medea. Stimmen" am DT Berlin - Seherin im Wasserbecken

Die mythologische Figur der Medea ist vor allem als blutrünstige Kindsmörderin bekannt. Christa Wolf dagegen schrieb ihr eine andere Geschichte zu. Doch die Bühnenfassung ihres Romans am Deutschen Theater in Berlin hat Ute Büsing nicht sehr bewegt.

Medea watet durch ein Wasserbecken, schlägt wild um sich, kniet sich hin, schreit nach der Mutter. Am Anfang wirkt die aus dem bäuerlichen Kolchis ins glänzende Korinth Geflüchtete wie eine Schiffbrüchige. Diese starke Frau ist bei Christa Wolf und jetzt auch in der Inszenierung von Tilmann Köhler am Deutschen Theater in Berlin - anders als bei Euripides - keine Bruder- und Kindsmörderin. Sie ist eine Seherin mit heilenden Kräften, die als Barbarin, Verführerin, Fremde, ausgegrenzt und verfolgt wird. Maren Eggert spielt diese Unangepasste im Exil, die rücksichtslos Wahrheit spricht, als ganz und gar Geerdete - mit einem gelegentlich unpassenden Tick Straßengöre.

Das Goldene Vlies ist hier nur ein Feudel

Aber sie passt damit zu einem gewissen jugendlichen Ton, mit dem die knapp zweieinhalb pausenlosen Stunden ins Heute geholt werden wollen. Jason hat ihn drauf, der untreue Geliebte, den sie einst dem Goldenen Vlies zuführte - hier übrigens nicht viel mehr als ein Feudel im dominanten Wasserbecken. Die durchtriebene Agameda, einst Medeas Schülerin, legt bei ihren Intrigen eine gewisse Streetsmartness an den Tag.

Gesetzt im Ton, aber auch sehr von heute ist der gewiefte Strippenzieher Akamas bei Helmut Mooshammer: Wie es erst scheint, ein Gentleman ohne Arg, der doch den Volkszorn gegen Medea schürt und letztlich ihre Verbannung bewirkt. Ein kalter Machtpolitiker.

Zu viele epileptische Anfälle

Von dem, was Medea aufdeckt und was sie und ihre beiden Kinder in die Vernichtung führt, einem Menschenopfer, haben alle irgendwie gewusst. Aber sie haben schnell wieder an etwas anderes gedacht, auch Leukon, der Korinther, der sich mit Medea trotz ihrer Fremdheit anfreundet. Nur Königstochter Glauke fällt aus der Wohltemperiertheit heraus. Kathleen Morgeneyer macht Seelenqualen auch für das Publikum spürbar, die allerdings in allzu viele epileptische Anfälle übersetzt werden.

Zwar ist in dieser Korrektur des gängigen Medea-Bildes alles drin, was Christa Wolf intendierte: die Auseinandersetzung zwischen armer DDR und reicher BRD in Gestalt von Kolchis und Korinth, Fremdenhass und Ausgrenzung. Aber an die Nieren gehen die am Deutschen Theater erhobenen Stimmen auch dann nicht, wenn sie sich immer brachialer zu Verfolgern und Vertreibern der Medea gruppieren.

 

Thorsten Hierse (l-r), Maren Eggert, Kathleen Morgeneyer und Johanna Kolberg spielen bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Medea. Stimmen" am 03.04.2018 im Deutschen Theater Berlin. (Quelle: dpa/Arne Bänsch)"Medea. Stimmen" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters: Thorsten Hierse (Leukon), Maren Eggert (Medea), Kathleen Morgeneyer (Glauke) und Puppenspielerin Johanne Kolberg (Lyssa)

Beitrag von Ute Büsing

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