Archivbild: Klaus Lederer bei einem Pressetermin. (Quelle: rbb/Dieter Freiberg)
Video: Abendschau | 16.04.2018 | Christian Titze | Bild: rbb/Freiberg

Zukunft der Volksbühne - Lederer nennt Dercons Abgang "unvermeidlich"

Das Kapitel Chris Dercon an der Berliner Volksbühne ist beendet. Der Belgier habe keinen Ansatz gehabt, wo es hingehen sollte, sagt Kultursenator Lederer. Aber wie soll die Zeit nach Dercon aussehen? Darüber herrscht jetzt großes Rätselraten.   

Die Trennung von dem umstrittenen Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon war nach Darstellung des Berliner Kultursenators Klaus Lederer unvermeidlich. Der Linken-Politiker sagte am Montag vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses, bereits im vergangenen November habe es Anzeichen gegeben, dass Dercons Konzept für die renommierte Bühne finanziell nicht aufgehe. Dennoch habe der Belgier in keiner Weise gegengesteuert. "Es gab keinerlei Ansatz, keinerlei Idee, wo es hingehen sollte", so Lederer.

Über Dercons Auflösungsvertrag wird laut Lederer noch verhandelt. Dazu gehöre auch eine Abfindung, sagte Lederer am Montagabend im rbb. Über deren Höhe wollte der Senator nichts sagen. Man werde sich bei der Summe im angemessenen Rahmen bewegen, betonte er.

Der Kultursenator wies am Nachmittag zwar Berichte zurück, die Bühne stehe kurz vor dem Ruin. Zugleich schloss er jedoch nicht aus, dass zusätzliche öffentliche Mittel für eine Konsolidierung nötig sein könnten. Recherchen von rbb, NDR und "Süddeutscher Zeitung" hatten gezeigt, dass der am Freitag bekannt gewordene Rücktritt Dercons vor dem Hintergrund eines drohenden finanziellen Kollapses des Theaters erfolgt war.

Für die Übergangszeit sei der Spielbetrieb gesichert, sagte Lederer dem rbb. Die Volksbühne verfüge über Rücklagen in Höhe von zwei Millionen Euro. Sollte das nicht reichen, werde die öffentliche Hand Gelder nachschießen.

CDU sieht Mitschuld bei Müller, Renner und Lederer

Vertreter der Opposition gaben dem Regierungschef Michael Müller, dem früheren Kulturstaatssekretär Tim Renner (beide SPD) und Lederer eine Mitschuld an dem Debakel. "Von Seiten der Exekutive ist alles getan worden, dass das Konzept Dercon scheitert", sagte der CDU-Abgeordnete Robbin Juhnke. Lederer wies die Vorwürfe zurück.

Der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener forderte einen schriftlichen Bericht zu Finanzlage des Hauses.

Volksbühne hat zwei Millionen Euro Rücklagen

Lederer bekräftigte noch einmal seinen Kurs, in aller Ruhe eine Lösung für die Nachfolge Dercons zu finden. Zunächst gehe es darum, das Theater überhaupt wieder arbeitsfähig zu machen, sagte der Senator. Sämtliche Mitarbeiterverträge sollten deshalb wie vereinbart weiterlaufen. "Die Mitarbeiter sind jetzt das Pfund, die Basis dafür, dass die Volksbühne wieder anfangen kann."

Video: Stilbruch | 15.04.2018 | Tim Evers

Auch der kurzfristig berufene Volksbühnen-Interimschef Klaus Dörr mahnte Geduld an. "Schnellschüsse richten nur Schaden an", sagte er am Montag der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). "Für die qualifizierte Vorbereitung einer Intendanz braucht man anderthalb bis zwei Jahre." Zunächst gehe es nun einfach darum, "dieses Theater zu retten". Er werde unter anderem "auf befreundete Theater zugehen und fragen, ob sie Möglichkeiten der solidarischen Unterstützung sehen."

Dörr will Repertoire aufbauen

Dörr brachte eine Führungsstruktur mit mehreren Personen ins Gespräch. Angesichts "der Bedeutung der Ära Frank Castorfs" halte er es fast für ausgeschlossen, dass ein einzelner Intendant die Aufgabe  schaffe. "Ich kann mir vorstellen, dass man in Osteuropa, wo bedeutende Regisseure aus politischen Gründen Probleme mit ihrer Arbeit haben, wichtige Künstler für die Volksbühne finden kann", sagte Dörr der SZ weiter. Ähnlich äußerte sich auch Lederer. Er sagte, er wolle an der Volksbühne künftig ein Repertoire- und Ensembletheater, also regelmäßig wiederkehrende Stücke, und Schauspieler, die das Haus prägen.

Dercon hatte mit teuren Gastspielen, vor allem aber mit der erhofften Bespielung des früheren Flughafens Tempelhof viel Geld verplant. Dörr kündigte jetzt eine Kehrtwende an. "Wir müssen nach und nach ein Repertoire aufbauen und die Voraussetzungen für den Neuaufbau des Ensembles schaffen", sagte er. Dercon hatte mehrfach erklärt, erst nach und nach ein Ensemble aufbauen zu wollen, das nicht nur aus Schauspielern, sondern auch aus Performern und anderen Künstlern bestehen sollte. Dieses geplamte Vorgehen hatte zu den Hauptkritikpunkten seiner Gegner gezählt.

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Dass das Feuilleton den Volksbühnen-Chef Chris Dercon schon vor seinem ersten Arbeitstag zum Abschuss freigegeben hatte, ist eine Tatsache. Da machten plötzlich auch jene mit, die den Vorgänger Frank Castorf nie leiden konnten und als ostdeutsches Linksrumpelstilzchen verleumdeten. Gegenseitig versicherte man sich, dass der neue Intendant, der auch als Museumschef und Kurator komplett unfähig sei. Am vergangenen Freitag haben die Kritiker ihr Werk vollendet: Chris Dercon vermeldete sein sofortigen Rücktritt als Chef des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz. Nicht nur das Feuilleton siegte, die jetzt unschuldige Tränen weinen, sondern auch die alten DDR-Seilschaften, deren Pfründe gesichert scheinen, aber das Rad der Zeit nicht aufhalten werden. Über kurz oder lang versinkt die Volksbühne, die nur noch von Senatsgeldern am Leben erhalten wird, in die Bedeutungslosigkeit. Daraus ein Juppi-Kaufhaus, das wäre die richtige Antwort in der juppiverseuchten Gegend um den Prenzlauer Berg.

  2. 3.

    Ich empfinde das als...reichlich schales Schlagwort-Elend: "Das Theater das endlich einmal anders sein sollte, als vor dem Fall der Mauer" Iss klar. Das ist die Volksbühne zwar und unbestreitbar seitdem. Wenn auch und wie immer in einem Ensemble-Theater mit gewisser Behäbigkeit, der Unbeweglichkeit der Tarifbindung, der Mitsprache eines Apparates - soll für ein Theater gelten was Jean Luc Godard für den Film feststellte: "Es geht nicht darum politische Filme zu machen, es geht darum politisch Filme zu machen" und dabei wahrscheinlich nicht selten, den einen oder anderen im Team nicht anständig bezahlte. Die Volksbühne ist nicht Symbol einer am Rosa Luxemburg Platz überdauerten DDR. Das ist eine so öde Weigerung sich mit einem in der DDR gewachsenen, in der BRD angekommen Prozess auseinanderzusetzen, das man sich fragt: Ja hat sie denn wirklich so lange unbeschadet überdauert? Die provinzielle Haltung, die Provinzkultur der Berlin-CDU, Und lehnt man die Event-Bude ab ist Marx? Wie öde!

  3. 2.

    M. E. tragen Michael Müller und Tim Renner die Hauptschuld an dem Desaster. Sie haben Dercon vermutlich Versprechungen gemacht und seine Illusionen genährt. Tim Renner war meiner Meinung nach von Anfang an eine Fehlbesetzung.
    Herr Lederer trägt keinerlei Schuld, er muss nun alles ausbaden. Ich bin sehr zufrieden mit seiner Berufung und wünsche ihm weiterhin
    Erfolg.

  4. 1.

    erster Schlag des Kultursenators
    Verzicht auf Till Brönner nebst Gebäude und 3,5 Millionen oder so, weil ja alle jazzen sollen, doch das wird nun nichts in einer einsturzgefährdeten Ruine,-
    Schlag zwei komplette Vernichtung des Theaters das endlich mal anders sein sollte als vor dem Sturz der Mauer, inklusive 1 Millionen Sponsoringgelder-
    mal schauen was er noch so schafft zu ruinieren oder auf Marx umzustellen in seiner Amtszeit-
    und dieses hinterlistige Verhalten entspricht doch dem der meisten Juristen ;-)
    Der Bürgermeister ist wohl überfordert da der ein Theater wohl nicht von einem Kino unterscheiden kann.

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