Die Fassade der Alice Salomon Hochschule, noch mit dem Gedicht versehen (Quelle: rbb/ Pedersen)
Bild: dpa/ Pedersen

Wohnungsgenossenschaft übernimmt - Gomringer-Gedicht bleibt in Hellersdorf

An der Fassade der Alice-Salonon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf wird Eugen Gomringers "avenidas" übermalt, doch ganz wird es nicht aus dem Ortsteil verschwinden: Eine Wohnungsgenossenschaft will das Gedicht übernehmen - und findet deftige Worte.

Das von der Alice-Salomon-Hochschule verbannte Gedicht "avenidas" bleibt in Berlin-Hellersdorf. Die dort ansässige Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" will das Werk des bolivianisch-schweizerischen Künstlers Eugen Gomringer übernehmen und an einem ihrer Wohnblocks anbringen, wie Vorstand Andrej Eckhardt am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Die Genossenschaft sei auf Initiative eines Mitglieds auf Gomringer zugegangen, inzwischen sei auch ein entsprechender Vertrag mit ihm unterschrieben, so Eckhardt weiter.

Das Gedicht von 1953 hatte seit 2011 eine Außenmauer der Alice-Salomon-Hochschule geziert. Der Senat der Hochschule hatte Ende Januar eine bundesweite Debatte über Kunstfreiheit losgetreten, als er beschloss, das Gedicht wegen Sexismusvorwürfen übermalen zu lassen.

Über die Pläne der Wohnungsgenossenschaft hatte das lokale Online-Portal "LiMa+" darüber berichtet.  Es zitiert zudem aus dem Brief des Mitglieds, das sich für die Übernahme des Gedichts eingesetzt hatte - mit scharfen Worten: "Es geht darum, dass übergeschnappte Studentinnen in geifernder Weise unsere Kulturgesellschaft okkupieren und nach ihrem Willen umgestalten wollen. Steuern wir wieder auf eine 'Entartete Kunst' zu, diesmal unter Sexismus-Verdacht? Heute ein Gedicht, morgen vielleicht ein Film und übermorgen – verbrennen wir dann wieder Bücher?"

Grütters spricht von "Kulturbarbarei"

Die Debatte um die geplante Übermalung war immer wieder sehr emotional geführt worden, sie hatte zu starken Kontroversen geführt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte von einem "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei" gesprochen. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bezeichnete den Sexismus-Vorwurf gegen Gomringer als "absurd", sprach sich aber für eine gesellschaftliche Debatte aus, auch über strukturellen Sexismus.

Seit 2016 hatten Studentenvertreter Kritik an der Wandgestaltung mit dem Gedichttext
geäußert. Nach Überzeugung des Allgemeinen Studierendenausschusses der Hochschule reproduziert Gomringers Gedicht eine "klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren".
Zudem erinnerten die Verse "unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind". Nach einer einjährigen Debatte beschloss dann der aus Lehrenden, Verwaltungsmitarbeitern und Studenten bestehende Akademische Senat mit knapper Mehrheit, "avenidas" zu entfernen.

Im Herbst soll das Gedicht nun von der Fassade der Hochschule verschwinden. Wann genau es von der Hellersdorfer Wohnungsbaugenossenschaft angebracht wird, ist noch unklar. Mit der technischen Umsetzung rechnet Vorstand Eckhardt nach eigenen Angaben im Laufe des Jahres. Mit ähnlichen Diskussionen wie an der Hochschule rechne der Vorstand unter den Mietern der 2.700 Wohnungen seiner Genossenschaft nicht, sagte Eckhardt weiter.

Sendung: Abendschau, 05.04.2018, 19:30 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Die "geifernden Studentinnen" sind eine Meinungsäußerung - genauso wie die Ansicht der Studierenden, dass dieses Gedicht nicht länger an der Fassade stehen soll. Wenn schon demokratie, dann richtig, und dann muss auch eine solche Meinung erlaubt sein.

    Ich persönlich (Frau!) finde das Gedicht schön und freue mich über den Entschluss der Wohnungsgenossenschaft. Vielleicht findet sich eine Möglichkeit, eine Wand für das Gedicht auszuwählen, wo die Studierenden es auch weiter vor Augen haben? So als Hinweis darauf, dass sich die Welt nicht ausschließlich um sie dreht und das es Probleme gibt, die wirklich dringender sind?

  2. 2.

    Ha, ha - richtig so!
    Die Worte "[...] übergeschnappte Studentinnen[...]" haben mir besonders gefallen! In Zeiten, wo (kurz vor Ostern) halbnackte Mädchen auf dem Alexanderplatz herumhüpfen und laut "Sex statt Eier" skandieren (rbb|24 hatte darüber berichtet), weiß man(n) doch langsam echt nicht mehr, was Frauen wollen. Erst die Suche nach Sexismus in jedem Wort, in jeder Handlung, in jeder Werbung, in jedem Nahrungsmittel (Satire) und jedem Möbelstück (Satire) und dann wieder werden weibliche Reize mittels reizender Weiber für irgendwelche Forderungen eingesetzt. Ist es da ein Wunder, dass man die Sexismusdebatte nicht mehr ernst nimmt. Schlimmer noch - es nervt ...
    Bleibt nur zu hoffen, dass das im Artikel beschriebene Vorhaben am Ende auch wirklich umgesetzt wird.
    PS: *) = Satire

  3. 1.

    Bin auch gegen die Übermalung. Aber:"Es geht darum, dass übergeschnappte Studentinnen in geifernder Weise unsere Kulturgesellschaft okkupieren und nach ihrem Willen umgestalten wollen..." Diese Aussage geht aber auch überhaupt nicht. Es ist eine freie Meinungsäußerung. Diese als geiffernd und übergeschnappt zu bezeichnen, kann man auch nur als geifern bezeichnen!!!!!!Und nur weil man teile der Kulturgeselschaft, schon Peinlich das man so ein Gedicht als wichtigen Teil selbiger sieht, ablehnt will man nicht alles verändern. Der feine Herr soll mal in Kulturgeschichtliche Bücher schauen, dann würde er sehr schnell merken, das sich das Kulturverständnis ständig im Wandel befindet. Man muss nun auch nicht alles aufbewahren. Wird sonst irgendwann auch mal sehr langweilig......

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