Marx als Flaschensammler (Quelle: rbb/Annika Klügel)
Video: zibb | 04.05.2018 | Boris Roemer | Bild: rbb/Annika Klügel

Streetart zum Marx-Jubiläum - Karl Marx als Flaschensammler

An der East Side Gallery hängt einer, am Kino Intimes auch und sogar in Templin: Karl Marx als Graffiti - vom Streetart-Künstler Marycula. Im Interview erklärt er, warum Marx bei ihm ein Flaschensammler ist und weshalb er mit Marx kein Geld verdienen will. Von Annika Klügel

rbb24: Marycula, was fasziniert Sie an Karl Marx?

Marycula: Für mich ist Marx eine herausragende Figur der Weltgeschichte. Er war ein Denker der Freiheit, der wollte, dass alle Menschen möglichst gleich sein können. Deshalb hat er kritisiert, dass das Kapital dort ist, wo es schon lange ist und dass die, die keines haben, auch keines kriegen werden. All das hat Marx analysiert und niedergeschrieben. Und da war er der Erste. Ich finde seine Thesen sehr aktuell und wollte sie deshalb in die Öffentlichkeit der Straße bringen.

Marx-Souvenirs zu verkaufen, das finde ich lächerlich!

Marcyula

Macht ihn so ein Graffito nicht eher zu einer coolen, aber inhaltslosen Pop-Ikone?

Die Gefahr ist immer da, dass das simplifiziert wird, aber meine Intention ist es, die Themen von Marx aufzugreifen und mit gegenwärtigen Situationen zu vergleichen. Deshalb nehme ich immer ein Zitat von ihm und setze es in Beziehung zu einem aktuellen Thema. Ein Beispiel: Marx hat die Ansammlung von Monopolen kritisiert - das haben wir heute auch noch so, wenn wir Amazon oder Google nehmen. Marx hat genau das kritisiert, was Google heute macht: Google verdient pro Click. Wenn ich per Click zehn Euro spende an eine wohltätige Organisation, dann gehen sieben Euro davon an Google. Wenige kritisieren das, Marx hätte das sicher kritisiert.

Marx mity Google-Schild(Quelle: rbb/Annika Klügel)
Karl Marx zu den Geschäftspraktiken von Google | Bild: rbb/Annika Klügel

Auf dem Graffito an der East-Side-Gallery ist Marx als Flaschensammler zu sehen – Warum?

Man kennt diese vielen Rentner in der Stadt, die auf der Suche sind nach ein bisschen Kleingeld und in die Mülltonne greifen. Und mit denen habe ich Marx als Figur solidarisiert. Ich habe dafür auch bewusst diese Ecke an der Spree ausgewählt, weil das ein sehr spannender Ort ist – auf der einen Seite eine kleine Zeltstadt von Obdachlosen und auf der anderen eine der teuersten Immobilien der Stadt (Hochhaus an der Spree, Anm. der Redaktion), und da habe ich ihn genau dazwischen postiert, zwischen extremer Armut und extremen Reichtum.

Im Gegensatz zur Karl-Marx-Statue in Berlin Mitte ist Ihr Graffiti-Marx eher klein geraten.

Ja, ich habe die Figur ganz bewusst in ganz normaler Körpergröße gesprüht, weil: klein heißt immer schnell "Karikatur", und Übergröße heißt "Ikone". Ich nehme Marx aber ernst als ganz normalen Menschen. Und so möchte ich ihn auch auftreten lassen in der Öffentlichkeit.

Marx ist aber auch eine Person, die extrem polarisiert. Er ist nicht für alle ein Held.

Ja, das weiß ich natürlich und merke ich auch - an den Kommentaren zu meinen Graffiti und am Vandalismus - es wurde ihm schon öfter das Gesicht zerkrazt. Für manche ist Marx eben ein "Kommunistenschwein".

Haben Sie nicht Angst, dass Sie Marx mit Ihren Graffiti verklären?

Nein, ich lasse die Kritik ja zu. Ich verstehe, wenn Menschen, die unter einem sozialistischen oder kommunistischen Regime gelitten haben, sich nicht mit ihm identifizieren können, aber vieles Negative, was ihm vorgeworfen wurde, ist falsch – er war kein "Marxist" und "Kommunist"; als er seine Kritik geschrieben hat, da wurden demokratische Bewegungen unterdrückt. Erst spätere Unrechtsregime, wie zum Beispiel die Sowjetunion und China, haben den Marx als Fahne gehisst, aber das hatte mit ihm gar nichts mehr zu tun, das war ja 50 Jahre danach!

Ich wünsche mir, dass wir den Kapitalismus in seiner jetzigen Form überwinden.

Marcyula

Beim Gespräch trägt Marycula einen schwarzen Kapuzenpulli mit gelbgrünem Marx-Konterfei. Auf die Anmerkung, dass sich das jetzt im Marx-Jahr sicher gut vermarkten lasse, sagt er:

Das wurde mir schon oft gesagt, aber dann würde ich ja genau das tun, was ich kritisiere - wie in Trier (der Geburtsstadt von Karl Marx, Anm. der Redaktion), die Souvenirs, das finde ich lächerlich! Man sollte sich auf die Inhalte konzentrieren, mit dieser kommerziellen Vermarktung will ich nichts zu tun haben. Ich will damit kein Geld verdienen. Ich will Themen zur Diskussion stellen und darüber einen Austausch anstiften - daran hab ich Interesse und da stecke ich meine Energie rein und nicht in das Drucken von Verkaufsobjekten.

Welche Diskussion möchten Sie mit Ihrem Street-Art-Marx anstoßen?

Ich wünsche mir, dass der Kapitalismus, wie er im Moment die Welt beherrscht, eingedämmt wird. Wenn man bedenkt, dass heute acht Menschen auf der Welt mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – das hätte sich Marx sicher nicht denken lassen! Die Reichen bringen ihr Kapital auf irgendwelche Inseln, und wir kleinen Freiberufler, Angestellten, was auch immer, müssen hier brav unsere Steuern zahlen. Das ist ungerecht und das mahne ich mit meinen Graffiti an.

Marx mit Grenzzaun (Quelle: rbb/Annika Klügel)Karl Marx und der Zaun von Melilla

Beitrag von Annika Klügel

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Auf das Äußere kommt es hier nicht an. Statt blind drauflos zu schreiben, einfach mal den Artikel richtig lesen.

  2. 1.

    Nun sieht Marx wie Moritz aus!

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