"HANS WURST NACHFAHREN" - Das Theater am Winterfeldtplatz muss nach 37 Jahren schließen, weil sich keine Nachfolge findet. (Bild: Hans Wurst Nachfahren)
Bild: Hans Wurst Nachfahren

"Hans Wurst Nachfahren" hört auf - Letzter Vorhang für die Puppenspieler am Winterfeldtplatz

Mehr als zwanzig Jahre lang begeisterten die Puppenspieler von "Hans Wurst Nachfahren" die Kinder rund um den Schöneberger Winterfeldtplatz. Jetzt hören sie auf - allerdings  nicht ganz freiwillig. Der neue Hausbesitzer will dort ein Tonstudio einrichten. Von Oliver Kranz

Es zirpt und zwitschert im Märchenwald. "Grüffelo" steht auf dem Programm – ein Stück nach dem Kinderbuch von Julia Donaldson. Obwohl Wochenende ist und draußen die Sonne scheint, ist die Vorstellung gut besucht – denn die Zuschauer wissen, dass es das Theater nicht mehr lange geben wird. Wer sich im Saal umhört, der hört nur Gutes: Liebevoll gemacht, professionelle Schauspieler, immer toll für Kinder.

Schauspiel und Puppenspiel gemischt

Die "Hans Wurst Nachfahren" sind bekannt für ihre kunstvoll gestalteten Puppen. Bei "Grüffelo" kommen Stofffiguren zum Einsatz, die den Abbildungen des Kinderbuchs entsprechen, bei anderen Stücken treten Holzpuppen mit geschnitzten Gesichtern auf.

Den Machern sei die Theaterform – Theater mit Puppen, aber auch die Mischform mit Schauspiel und Puppenspiel - immer wichtig gewesen sagt Barbara Kilian, die das Theater mit gegründet hat. "Dafür haben wir auch dieses Haus erkämpft. Wir wollten die Bedingungen dazu."

Vom Mehringhof an den Winterfeldtplatz

Zuerst spielten die "Hans Wurst Nachfahren" im Mehringhof, doch da die dortige Bühne zu klein war, musste sie oft in andere Theater ausweichen. Ende der 1980er Jahre wurden durch eine Bürgerinitiative die Bebauungspläne am Winterfeldtplatz gekippt und eine ursprünglich zum Abriss vorgesehene Tischlerei blieb stehen. Die Hans Wursts griffen zu. In langen Gesprächen überzeugten sie die zuständigen Politiker, das Haus zum Theater umzubauen.

1993 wurde es eröffnet, mit zwei bespielbaren Bühnen, einem Café und einer Terrasse – für volksnahes Puppentheater ein idealer Ort. Die "Hans Wurst Nachfahren" boten Kinder- und Erwachsenenstücke an. Mehr als 60 Produktionen hätten sie gemacht, ein Drittel davon für Erwachsene, erzählt Barbara Kilian. "Wichtig waren uns Stücke mit Livemusik und Livegesang. Da sitzen dann Bratsche, Cello, Kontrabass, Klarinette und Klavier, also hochkarätige Musiker."

Kiezinitiative fordert den Erhalt des Theaters

Barbara Kilian verweist auf die Besucherzahlen: 25.000 Karten verkauft die Gruppe pro Jahr, das entspricht etwa 250 gut besuchten Vorstellungen. Dagmar Borowsky ist Lehrerin in der privaten Kant-Grundschule. Sie sei mit ihren Schülern jedes Jahr mindestens einmal im Theater gewesen, erzählt sie: "Wenn Sie die leuchtenden Augen von Grundschulkindern sehen... sie waren immer begeistert - und ich gleich mit."

Dagmar Borowsky ist Mitglied der Initiative Kiezkultur, die sich für den Erhalt des Theaters einsetzt. Die Initiative hat fast 16.000 Unterschriften von Bürgern gesammelt, die den Erhalt des Theaters fordern.

"HANS WURST NACHFAHREN" - Das Theater am Winterfeldtplatz muss nach 37 Jahren schließen, weil sich keine Nachfolge findet. (Bild: Hans Wurst Nachfahren)
Das Gebäude des Theaters am Winterfeldtplatz | Bild: Hans Wurst Nachfahren

Juristisch ist die Sache klar

Juristisch ist allerdings nichts zu machen: Der Kündigungsschutz, den die "Hans Wurst Nachfahren" in ihren ersten 20 Jahren am Winterfeldtplatz genossen, ist ausgelaufen.

So kam ein Privatinvestor zum Zug, der in den Theaterräumen ein Tonstudio errichten möchte. Seitdem wird fieberhaft verhandelt. Der Eigentümer hat durchblicken lassen, er wäre bereit, seine Pläne zu ändern, wenn ihm andere Räume zur Verfügung gestellt werden. Er hat den Mietvertrag des Theaters schon zweimal verlängert – zuletzt bis September 2018.

Verlängerung nicht ausgeschlossen - aber ohne die Hans Wursts

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es eine weitere Verlängerung gibt – aber jetzt wollen die Theaterleute nicht mehr. Die "Hans Wurst Nachfahren" hören auf – 37 Jahre nach ihrer Gründung. Traurig sei das, aber auch schön, sagt Barbara Kilian: "Es war eine tolle, erfolgreiche Zeit, und irgendwann ändern sich die Dinge. "

Kilian ist Mitte 60, Siegfried Heinzmann, der mit ihr gemeinsam das Puppentheater gegründet und geleitet hat, fast 80. Sein Rückzug aus Altergründen ist verständlich.

Doch das Ende der Gruppe muss nicht das Ende der Spielstätte bedeuten. Eine Gruppe junger Puppenspieler steht bereit, die das Haus übernehmen möchte. Das wäre sinnvoll und höchst wünschenswert. Doch ob es dazu kommt, steht in den Sternen. Bisher hat der Eigentümer alle Ersatzräume, die ihm für sein Tonstudio vorgeschlagen wurden, abgelehnt.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Bezirk Schöneberg habe es versäumt, die kulturelle Nutzung des Hauses weiter festzuschreiben. Zuständig für das Theater ist jedoch die Senatsverwaltung für Kultur. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Kulturradio, 28.05.2018, 06:00 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

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