Szenenbild "Am Königsweg" von Falk Richter (Bild: Arno Declair)
Audio: Inforadio | 12.05.2018 | Harald Asel | Bild: Arno Declair

Interview | Theaterregisseur Falk Richter - "Trump ist eine Art Dieter Bohlen - nur noch viel reicher"

Der Regisseur Falk Richter zeigt am Wochenende "Am Königsweg" nach Elfriede Jelinek auf dem Berliner Theatertreffen. Im Interview spricht er über den im Stück allgegenwärtigen US-Präsidenten - und wie sich sein Bild der AfD verändert hat.

rbb|24: Herr Richter, Elfriede Jelineks Theatertexte werden ja häufig eher als Textflächen bezeichnet. Es gibt keine Rollen, nur einen langen Text. "Am Königsweg", das Sie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt haben und nun auf dem Theatertreffen zeigen, ist auch so gebaut. Es gibt außerdem sehr viele Assoziationen und Themen, von der Antike bis in die Gegenwart. Das Ganze sprudelt nur so über. Wie bändigt man so ein Monstrum für die Bühne?

Falk Richter: Das ist gar nicht so einfach. Elfriede Jelinek schickt zuerst mal wirklich 93 dicht bedruckte Seiten Text. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wer da spricht oder wie die Situation ist, sondern einfach nur einen Textblock. Ich habe mich dann daran gemacht zu schauen, welche Themen darin stecken, was mich daran interessiert und wo es bestimmte Linien gibt, die sich durch das Stück ziehen.

Inwieweit war Frau Jelinek selbst involviert in diesen Auswahlprozess und dann letztlich in die Uraufführung?

Gar nicht. Das will sie auch nicht. Sie gibt den Text ab und sagt: Das ist jetzt Ihr Text, es ist Ihr Stück. Einmal habe ich ihr kurz eine Frage per Mail geschickt, da hat sie geantwortet: Was sie darüber denke, sei völlig egal, das müsse ich jetzt selbst entscheiden. Sie gibt das Stück wirklich aus der Hand. Sie hat sich die Inszenierung allerdings auf DVD angesehen und dann ganz tolle, begeisterte Mails geschrieben, auch den Schauspielern zum Teil.

Welche Motive und Themen haben Sie am Text am meisten interessiert?

Zum Beispiel, dass sie immer wieder über sich schreibt: Über ihr Älterwerden und ihr Gefühl, dass sie als linke Intellektuelle und Feministin gescheitert ist. Und dass gerade eine neue Zeit anbricht: Extrem rechte politische Kräfte bekommen wieder Oberwasser. Dann hat mich interessiert: Wer ist der neue König, von dem sie da schreibt? Warum haben demokratische Gesellschaften den Wunsch, sich so eine Führungsfigur zu wählen, der sie wie im Rausch folgen? Ich habe für die Inszenierung sehr viele Bilder gefunden, bei denen es letztlich um einen völlig wahnsinnigen, infantilen König geht. Der lässt in seiner Trash-Ästhetik sein Königreich aufleben und führt sich letztlich auch wie ein Kind auf. Er duldet überhaupt keinen Widerspruch mehr von irgendwem. Außerdem spielt das Thema Ödipus bei Jelinek eine Rolle. Da wird jemand als König eingesetzt, um die Gesellschaft von einem Übel zu befreien. Irgendwann findet er dann heraus, dass er eigentlich selbst das Übel ist oder es zumindest selbst verursacht hat. Ähnlich ist es natürlich bei Donald Trump.

… der über dem ganzen Stück schwebt, auch wenn Jelinek ihn kein einziges Mal namentlich erwähnt.

Genau. Trump wurde eingesetzt vor allem auch von der weißen Unterschicht, von Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und wollen, dass das Land irgendwie anders wird. Aber es wird natürlich vor allem durch solche Milliardäre wie Donald Trump ausgebeutet. Trump ist mit seiner Sendung "The Apprentice" eigentlich ein Trash-TV-Entertainer - eine Art Dieter Bohlen, nur eben noch viel reicher. Er kommt im Grunde aus einer RTL2-Welt - und jetzt ist er angetreten, um die ganze Welt zu beherrschen. Das ist alles auch enthalten in Jelineks Text: Was ändert sich eigentlich gerade weltpolitisch, was für neue Kräfte kommen da an die Macht? Oder waren sie immer schon da, haben aber im Verborgenen gearbeitet und werden jetzt plötzlich sichtbar?

Wie würden Sie diese Kräfte definieren?

Sie sind in jedem Fall sehr antidemokratisch. Da geht es um die Vorherrschaft des weißen, heterosexuellen, reichen Mannes. Es sind Oligarchen wie Trump. Er hat fast nur extrem reiche Männer in seinem Kabinett. Leute, die große Konzerne besitzen, jetzt gemeinsam alle Richtlinien zum Umweltschutz und zum Schutz der Arbeiter wieder rückgängig machen und sich selbst steuerliche Vorteile verschaffen können. Gleichzeitig läuft die ganze Zeit dieses wahnsinnige Spektakel. Ständig sagt oder twittert Trump irgendetwas Krasses, immer hält er die Leute in Verwirrung darüber, was er als nächstes macht. Erst denkt man, er greift Nordkorea an, dann will er sich plötzlich mit denen treffen. Da findet eine absolute Entfesselung statt. Es gibt keine Moral und keine Tabus mehr. Die wollen jetzt einfach alle möglichen rassistischen und homophoben Ausdrücke wieder benutzen dürfen. Es ist im Grunde das Es, das sich wieder einen Raum verschafft: Ich mache jetzt, was ich will und mir ist scheißegal, wenn der Planet dabei zugrunde geht. Ich spiele Golf, habe viele Frauen und mache Partys. Diese wahnsinnig dekadente Haltung hat mich - und ich glaube, auch Elfriede Jelinek - unglaublich fasziniert und schockiert. Für einen Theatermacher ist das natürlich eine Herausforderung. Wie macht man Theater über Leute, die die ganze Zeit selbst theatralische Mittel benutzen, ein unglaubliches Spektakel veranstalten und auch noch selbst Reality-TV-Schauspieler sind?

Idil Baydar tritt in "Am Königsweg" in ihrer Paraderolle als Jilet Ayşe auf, eine prollige und sehr direkte Deutschtürkin. Wie kamen Sie auf diese Besetzungsidee?

Elfriede Jelineks Texte sind oft sehr kryptisch und schwer zugänglich. Sie verwendet eine ganz faszinierende, tolle Sprache, die man aber manchmal nicht sofort versteht. Das wollte ich konfrontieren mit einer ganz direkten Sprache. Idil Baydar spielt eine Figur, aber es ist eine ganz andere Art von Schauspielerei als etwa die von Ilse Ritter, der großen alten Dame der Schauspielkunst, die auch mit dabei ist. Idil setzt sich auseinander mit Alltagsrassismus und Migration – und mit der aktuellen Angstmacherei vor Muslimen und allem anderen Fremden. Das wird von ihr dann auf der Bühne thematisiert. Letztlich verhandelt sie das, was auch Elfriede Jelinek verhandelt, auf einer Art Comedy-Ebene, ganz direkt mit den Zuschauern.

In Deutschland gibt es mit der AfD ja auch eine Partei, die mit rechtspopulistischen Positionen stark geworden ist. Ihre Berliner Inszenierung "Fear" war ja Thema einer Gerichtsverhandlung, die unter anderem die AfD-Politikerin Beatrix von Storch gegen die Schaubühne angestrebt hatte - und bei der das Theater dann ganz klar gewann. Würden Sie dieses Stück heute anders inszenieren?

In jedem Fall. Aber nicht, weil ich damals etwas falsch gemacht hätte. Ich würde es einfach anders machen, weil sich sehr viel geändert hat. Ich habe das Stück 2014 vorbereitet, 2015 kam es heraus - da war die AfD noch nicht so stark und sichtbar wie heute. Damals ging es um die ersten Ahnungen. Ich wollte im Grunde sagen: Achtung, da kommen Leute, die die Demokratie auflösen wollen. Die sind gegen unsere offene Gesellschaft, gegen Kunst- und Pressefreiheit. Darum ging es in dem Stück - und um bestimmte Personen, die teilweise schon keine Rolle mehr spielen, Frauke Petry zum Beispiel. Seitdem haben die rechtsradikalen, rechtsextremen, rechtspopulistischen Kräfte sich zusammengetan. Sie bilden jetzt eine wichtige und starke politische Strömung in Deutschland. In meinen Texten reagiere ich eigentlich immer auch auf das aktuelle gesellschaftliche Geschehen. Insofern würde ich das Stück natürlich heute anders schreiben.

Was denken Sie denn rückblickend über die Erfahrung, dass Ihre Inszenierung vor Gericht verhandelt wurde?

Das war natürlich keine gute Erfahrung, auch wenn ich dadurch sehr viel darüber erfahren habe, wie rechtsnationale Gruppierungen arbeiten. Ich habe mich mit allem, was ich in "Fear" gemacht habe, total an die Regeln unseres Grundgesetzes gehalten. Deswegen habe ich ja auch Recht bekommen vor Gericht. Die haben versucht, etwas zu skandalisieren und mich einzuschüchtern. Die Arbeit war ja nicht als Provokation gedacht, sondern als Warnung an die offene Gesellschaft. Ich finde das Stück immer noch richtig. Es war damals ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftspolitischen Situation.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

Sendung: Inforadio, 13.05.2018, 8 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    ""Da wird jemand als König eingesetzt, um die Gesellschaft von einem Übel zu befreien. Irgendwann findet er dann heraus, dass er eigentlich selbst das Übel ist oder es zumindest selbst verursacht hat."...
    "Sie sind in jedem Fall sehr antidemokratisch."...."Da geht es um die Vorherrschaft des weißen, heterosexuellen, reichen Mannes."..." Da findet eine absolute Entfesselung statt. Es gibt keine Moral und keine Tabus mehr. Die wollen jetzt einfach alle möglichen rassistischen und homophoben Ausdrücke wieder benutzen dürfen."..."Achtung, da kommen Leute, die die Demokratie auflösen wollen. Die sind gegen unsere offene Gesellschaft, gegen Kunst- und Pressefreiheit."
    Merkt der Regisseur eigentlich, dass er im Grunde über sich und die von ihm favorisierte politische Richtung spricht.

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