Jennifer Weist von Jennifer Rostock live beim Konzert (Quelle: Michael Kremer/Geisler-Fotopress)
Audio: Inforadio | 12.05.2018 | Jakob Bauer | Bild: Geisler-Fotopress

Konzertkritik | Jennifer Rostock in Columbiahalle - Tränen für eine Frontsau

Nach zehn Jahren ist Schluss – zumindest erstmal. Gerade befindet sich die Band Jennifer Rostock auf Abschiedstournee; am Freitag haben sie in der Berliner Columbiahalle gespielt. Mit dabei: viel nackte Haut, Feuer und ein kleines bisschen Rebellion. Von Jakob Bauer  

Vom Platz der Luftbrücke bis zur Columbiahalle sind es circa 600 Meter Fußweg. Wer die U-Bahn-Station verlässt, der findet an diesem Abend auch als Ortsfremder auf Anhieb und ohne Hilfsmittel den Ort, wo Jennifer Rostock eines ihrer drei Abschiedskonzerte in Berlin spielen. Und das geht so: Man hält sich die ersten 100 Meter einfach an die Bier, Sekt- und Weinflaschen, die am Rand des Gehsteigs stehen. Dann folgt man den Rufen der Schwarzmarkt-Ticketverkäufer und schwupps, stolpert man schon in die letzten Wartenden der langen, langen Schlange. 300 Meter steht man locker und wenn man dann endlich in die brechend volle C-Halle reinstolpert, ist klar: Ok, das wird kein normales Konzert.

Die Tränen zurückgehalten

"Ihr kommt genau richtig…ZUR JENNIFER ROSTOCK BEST OF TOUR 2018!" schreit Sängerin Jennifer Weist mit ihrer schönsten Plärrstimme. Die Zeichen stehen auf Abschied: Als Intro laufen Filmschnippsel aus zehn Jahren Bandgeschichte, immer wieder beschwört die Wahl-Berlinerin die wunderschöne, gemeinsame Zeit mit den Fans und schon nach zwei Liedern verkneift sie sich die Tränen. Und das muss sie nicht spielen. Die Liebe der Zuschauer, die Jennifer Rostock hier vom ersten Moment an entgegenwallt, die ist gewaltig, warm und gänzlich euphorisch.

Seltsame Fummel auf viel nackter Haut

Diese Liebe gilt vor allem einer: Jennifer Weist. Sie ist Style-Ikone und Identifikationsfigur   – als rebellische und unangepasste Frau, eine, die einfach anders ist: Fast ihr kompletter Körper ist tätowiert und sie wechselt im Viertelstundentakt ihre Kleidung, trägt mal ein Oberteil das so ausschaut, als hätte jemand eine Kiwi darauf ausgequetscht, mal ein seltsames Pailletten-Ding und meistens ist von ihrem Po mehr zu sehen, als von dem Stoff, der diesen bedeckt. Kurzum: Seltsame Fummel auf viel nackter Haut. Dazu schreit und singt sie hingebungsvoll und ist eine Frontfrau, nein eine Frontsau, die den Namen mit Recht und Würde trägt. Wow.

Ein kleines bisschen Rebellion für den Mainstream

Jetzt ist das Problem dabei nur ein bisschen: Die Musik von Jennifer Rostock ist in großen Teilen ziemlich einfallsloser Mainstream-Pop-Rock. Und wenn Jennifer Weist sich in einer ihrer Ansagen augenzwinkernd bei den Fans bedankt, dass diese dabei geblieben sind, als die Band mal im Fernsehgarten gespielt hat, dann entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Denn egal wie viel Weist schreit, nackte Haut zeigt und mit obszöner Sprache kokettiert, manche Lieder von Jennifer Rostock passen schon ganz gut rein, in den Fernsehgarten.

Songs wie "Die Guten Alten Zeiten", das letzte Lied des Abends, ein klassischer Nostalgie-Schunkler inklusive pathetischer Binsenweisheiten, die nun wirklich nicht rebellisch oder unangepasst daherkommen: "Alles geht vorbei, alles geht vorbei/Sag mir, was bleibt/Die Geschichten, die wir heute schreiben/Das sind morgen unsre guten alten Zeiten/Und das ist, was bleibt/Von der guten alten Zeit". Das ist so Punk wie Campino, der für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wird. Eher Biedermeier als Betontod.

Künstlerische Mogelpackung – menschlicher Erfolg

Jennifer Rostock sind also ein kleines bisschen Rebellion für den Mainstream. Aber heute Abend ist diese Diskrepanz "scheißegal", würde Jennifer Weist vielleicht ins Mikro brüllen.  Die Songs sind live zehnmal heftiger als auf Platte, die Party ist schwitzig, intensiv, leidenschaftlich und knallt. Feuer schießt aus der Bühne, Konfettikanonen ballern ins Publikum, das Stroboskoplicht flackert und Funkenregen glitzert von der Decke. Gemeinsam singen Band und Publikum über das Saufen und die Liebe, immer mal wieder blitzt aber auch politischer Protest gegen AfD und Nazis auf.

Und dann wird wieder exzessiv gesoffen, Schnapps fließt auf der Bühne, aus 1-Liter Bier-Bechern gönnt man sich's im Publikum, aber die Chemie zwischen Band und Fans ist nicht nur deswegen beeindruckend. Egal, ob das künstlerisch eher eine Mogelpackung ist – diese Menschen auf und vor der Bühne bedeuten sich gegenseitig wirklich die Welt und feiern einen euphorischen und tränenreichen Abschied mit ihrem Soundtrack der letzten zehn Jahre. Und das ist doch auch etwas Schönes.

Beitrag von Jakob Bauer

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Kann und darf man in Deutschland eigentlich noch irgendwas schreiben ohne dabei anzuecken? Mecker-Deutschland !!!! Dabei fällt mir nur eine Zitat vom gestrigen Jennifer Rostock-Konzert ein "irgendwas ist immer!" In diesem Sinne Lieber RBB...bitte macht genauso weiter.

  2. 7.

    Falsch. Als „ Rampensau“ werden vor allem Theaterschauspieler*innen bezeichnet, die ihr Leben ganz der Bühne widmen, bis ins hohe Alter( im Rampenlicht stehen). Bei Bands ist es eher die Bezeichnung“ Frontfrau oder Frontmann“. Frontsau ist eher selten, doch ebenso zutreffend.

  3. 6.

    Endlich......Schluß mit Geseier und "deneigenenlebensdreckaufandereablassen" und Textdurchfall.....danke......

  4. 5.

    Das heißt übrigens Rampensau. Der das geschrieben hat, konnte sie wohl auch nicht leiden.

  5. 4.

    Korrekt,

    also, Herr oder Frau oder was auch immer (Gender-Neutralitäts-Wahn berücksichtigen!) " Nazis raus",
    bitte ERST Ahnung haben und DANN meckern.

  6. 3.

    LOL;-) Anstelle von Frontfrau, Frontsau. Macht mal ruhig weiter so rbb24. Dabei noch das Argument mit 1. Weltkrieg dazu. Passt scho.

  7. 2.

    Es ist ein Begriff aus dem Militär, der als Gegenwort zu Schreibtischhengst zu verstehen ist. Auch wenn das Wort im Dritten Reich benutzt wurde, ist es schon älter. Es wurde schon im ersten Weltkrieg verwendet. Selbst Bands aus dem linken Spektrum bezeichnen so ihre Leadsänger.

  8. 1.

    Es ist eine bodenlose Unerhörtheit, dass ein öffentlich rechtlicher Sender Nazi Vokabular der Form "Frontsau" benutzt und das ausgerechnet, wenige Tage nach dem Tag der Befreiung :-(((

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