Johnny Marr bei einem Konzert am 16. Mai 2018 in London (Quelle: dpa/Photoshot)
Audio: Inforadio | 22.05.2018 | Martin Spiller | Bild: dpa/Photoshot

Konzertkritik | Ex-Smiths-Gitarrist in Berlin - Johnny Marrs Musik braucht keine Rampensau

Die Smiths, bis heute verehrt, waren eine der wichtigsten Bands der 80er Jahre. Gitarrist Johnny Marr präsentierte am Montag sein inzwischen viertes Soloalbum im Festsaal Kreuzberg. Er legte einen souveränen Auftritt hin - an den Smiths kam er aber nicht vorbei. Von Martin Spiller

Kann ein Musiker mittleren Alters Rampensau lernen? Klar – Johnny Marr hat unzählige Male auf unzähligen Bühnen gestanden. Vor allem mit unzähligen Bands: Nachdem er mit den The Smiths die Blaupause für eine ganze Indie-Kultur gesetzt hatte, war Marr in so viele verschiedene Projekte involviert, wie kaum ein anderer Künstler. Aber unter seinem eigenen Namen? Dafür hat er lange gebraucht. Erst vor fünf Jahren erschien sein erstes Soloalbum.

Jetzt also steht er auf der Bühne ganz vorne in der Mitte. Die Jacke glänzend, das Hemd gepunktet, die Haare struppig. Ein bisschen sieht Marr auf der Bühne aus wie Keith Richards - aber der von vor knapp 100 Jahren. Also: Präsent ist er.

Eleganz fehlt ein Stück weit

Los geht es am Montag mit "The Tracers" aus dem neuen Album "Call the Comet", das aber erst im Juni erscheint. Er spielt es im Festsaal Kreuzberg fast durch. "Call the Comet" ist ein ungewohnt politisches Album. Mit Songs wie "Bug", den er in Berlin ankündigt als Song über den Mann im Weißen Haus mit dem "ridiculous haircut".

Über die musikalische Qualität des Songmaterials kann man streiten - die Eleganz vieler The-Smiths-Titel fehlt. Beim Publikum kommen die Stücke aber überraschend gut an: etwa die Single "Hi, hello".

Kaum anders als mit Morrissey

Aber an den The Smiths kommt Marr natürlich nie vorbei. Sechs Klassiker gibt es, darunter "How soon is now", "Last night I dreamt that somebody loves me" oder "Bigmouth strikes again". Was aber nur deshalb seltsam falsch wirkt, weil eben das Bigmouth gar nicht auf der Bühne steht. Denn die eigentliche bange Frage - wie klingt es, wenn Marr den Gesangspart Morrisseys übernimmt? - lässt sich zur Beruhigung ganz einfach beantworten: kaum anders als mit Morrissey.

Marr verfällt keinem Zwang, eigene Interpretationen bringen zu müssen. Er scheut sich auch nicht, die Songs-Pirouetten genauso zu singen wie Morrissey es einst getan hat. Marr liefert alles so selbstverständlich ab, dass auch dem Letzten im Festsaal klar wird, dass die Smith eben keine Morrissey-Backing-Band waren. Was soll auch Backing sein bei Johnny Marr? Seine Gitarre ist ein Melodie-Instrument. Sein Markenzeichen: filigran perlende Arpeggien statt prolliger Powerchords.

Musik funktioniert ohne Rampensau

Im Zugabeblock dann noch mal Klassiker: das ruhige "Please please let me get what I want" und "There is a light that never goes out" - mit freundlicher Unterstützung der Fans.

Und dann geht das Licht an. Fehlte etwas? Nichts. Gar nichts. Nicht einmal ein schluchzender Sänger im halboffenen Seidenhemd. Die Musik ist die Show. Und die funktioniert auch ohne Rampensau.

Beitrag von Martin Spiller

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