Cigarettes After Sex in der Columbiahalle Cigarettes After Sex spielten am 16.05.2018 in der Berliner Columbiahalle. (Quelle: imago/Thesing)
imago/Thesing
Audio: Inforadio | 17.05.2018 | Susanne Bruha | Bild: imago/Thesing

Konzertkritik | Cigaretttes after Sex in Berlin - Fummeln im Nebel

Die amerikanische Ambient-Popband Cigarettes after Sex hat in zehn Jahren Bandgeschichte nur ein Album rausgebracht. Aber das macht offenbar schon während des Konzerts in der Berliner Columbiahalle Lust auf Sex. Von Susanne Bruha

Die Bühne ist in Trockeneisnebel versunken als die vier Musiker auftreten. Dass Cigarettes after Sex an Schlagzeug, Bass, Keyboard und Gitarre stehen, kann man jetzt wirklich nur noch hören. Der Rauch ist also da - und für den Sex zu den Zigaretten sorgt Bandleader Greg Gonzalez mit seiner betörend androgynen Stimme. Gleich der erste Song "Affection" ist eine Lied gewordene Einladung zum Knutschen. Das Paar vor mir beginnt damit auch sofort und hört bis Ende des Konzerts kaum damit auf.

Verlassen oder Verlassenwerden – das ist hier die Frage

Cigarettes after Sex haben ihre Neuinterpretation des 1980er-Jahre-Dreampop "Ambient Pop" getauft. In Interviews bekennt Sänger und Songschreiber Greg Gonzalez sich stolz zu der Hau-Drauf-Romantik, die seinen Songs innewohnt. Es geht eigentlich immer um Verlassen oder Verlassenwerden. Cigarettes after Sex spielen Kuschelrock für modern-urbane Menschen.

Denn der Sound ist nostalgisch, aber frisch. Bass und Gitarre scheinen im dichten Nebel zu hängen, der Klang des Keyboards bohrt sich prägnant in den Saal, das Schlagzeug laid back. Dieses Klangbild ist Song um Song aus einem Guss. So sehr, dass man sich spätestens bei Lied fünf fragen kann: Haben sie das nicht schon gespielt?

Das Paar vor mir fragt sich so etwas nicht. Die sind woanders. Er hat seine Hände unter ihrem Shirt und sie die Augen geschlossen. Greg Gonzalez dürfte das freuen, will er doch ausdrücklich mehrere Alben voller Romantik machen, die man auflegt, wenn man verliebt ist, oder: zum Einschlafen. Ganz schön uneitel, der Greg.

In zehn Jahren Bandbestehen haben Cigarettes after Sex dieses eine Album herausgebracht, darauf eine große Anzahl äußerst hitverdächtiger Nummern. Und diese Songs haben alle gemeinsam, dass zu dem verträumt-romantischen eine gewisse Dringlichkeit in Text und Musik kommen. Wie in "Apocalypse", dem letzten Song vor der Zugabe.

Nehmt euch ein Zimmer!

Die Zugabe "Dreaming of You" ist für das mittlerweile in Löffelchenstellung fummelnde Paar vor mir eine Art Weckruf. In der Art "Huch, wir brauchen ja gar nicht voneinander zu träumen. Wir haben uns ja!" Und schwups zieht sie ihn an der Hand aus dem Saal. Sich ein Zimmer nehmen oder so. Alle anderen machen ein letztes völlig vernebeltes Handyvideo von einer Band, die genauso cool, lässig und extrem ruhig abgeht, wie sie aufgetreten ist. Eine satte Stunde Musik, genau die richtige Länge für dieses Temperament.

Beitrag von Susanne Bruha

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

2 Kommentare

  1. 2.

    Mehr als die Passagen über irgendein Paar haben mich die Beschreibungen der Musik interessiert - und tatsächlich mal veranlasst, mir auf Youtube paar Lieder anzuhören. Nicht übel. Wenig abwechslungsreich, ehrlich gesagt, sehr langsam, aber gerade deswegen auch ziemlich entspannend.

  2. 1.

    Ich kenne die Band nicht und habe vorher nie etwas von ihr gehört.
    Jedoch nach lesen des Artikels komme ich zu der Ansicht, dass zukünftige Konzerte im Zoo stattfinden sollten, am besten vor dem Paviangehege, praktisch als "real lebenden Hintergrund".

Das könnte Sie auch interessieren