Archivbild - Daniel Barenboim dirigiert in der Philharmonie Berlin
Audio: Inforadio, 4.5.2018, Jens Lehmann | Bild: imago stock&people

Konzertkritik | Homage an Claude Debussy - Barenboim dirigiert die Staatskapelle in einen Debussy-Rausch

Der 100. Todestag von Claude Debussy beschäftigt die Musikwelt. Jetzt hat die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim dem französischen Komponisten einen ganzen Abend gewidmet. Jens Lehmann hat einen fantastischen Konzertabend erlebt.

Ich hab Debussy früher immer für langweilig gehalten. Klar, diese duftigen Klänge sind schon etwas Besonderes, aber einen ganzen Abend hätte ich mir im Leben nicht damit vorstellen können. Jetzt bin ich älter und reifer, interessiere mich viel mehr für die Details – und die Staatskapelle beschert mir mit ihrer Debussy-Hommage einen fantastischen Konzertabend.

Ewig-Mystisches, duftig begleitet

Das geht schon in "La Damoiselle élue" ("Die Erwählte") los, einer seltsamen kleinen Kantate auf ein symbolistisches Gedicht, die wohl niemand so richtig auf dem musikhistorischen Zettel hat. Wenn aber Chor und Mezzo erwähnte erwählte Jungfrau umschreiben, die sich an die goldene Brüstung des Himmels lehnt, und wenn eben diese auch noch mit der bezaubernden Stimme von Anna Prohaska Ewig-Mystisches besingt, von der Staatskapelle duftig begleitet, dann ist man vollends in Debussys Bann.

Auch in den Trois Nocturnes zeigt sich das Orchester von seiner allerbesten Seite. Diese Streicher! Diese Holzbläser! Daniel Barenboim am Pult braucht nicht viele Gesten, um den perfekten Debussy-Klang aus seinen Musikern herauszuholen. Es könnte so schön sein, wären da nicht die intonatorisch irrlichternden Damen des Staatsopernchores.

Das Bedrohliche in "La Mer"

Viel besser macht es da der neue Super-Mezzo, die Französin Marianne Crebassa. Mit ihrer ausdrucksvollen, wunderbar timbrierten Stimme hebt sie gleich den nächsten, selten zu hörenden Schatz. Wer hätte gedacht, dass sich der Symbolist und Schönklangexperte Debussy den Gedichten von Francois Villon widmet. Dessen oft recht derbe Lyrik ist hierzulande vor allem durch die legendären Lesungen von Klaus Kinski bekannt. Debussy vertont denn auch drei ziemlich unverfängliche, fast schon romantische Gedichte Villons - gibt ihnen aber unter der duftigen Oberfläche etwas Bedrohliches, Lauerndes.

So sind die drei Lieder die perfekte Überleitung zu "La Mer", dem wohl berühmtesten Werk von Debussy. Denn Barenboim interessiert sich auch hier vor allem für das Düstere, das Bedrohliche des Meeres. Nur selten fällt ein Cello-Lichtstrahl auf das aufgewühlte Nass, das schließlich in einem Blechblasgewitter über dem Publikum zusammenschlägt. Ein großer Abend - und wer behauptet eigentlich, Debussy sei langweilig?!

Sendung: Inforadio, 4.5.2018, 7.55 Uhr  

Beitrag von Jens Lehmann

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