Szene aus der Inszenierung "Böse Häuser" von dem Berliner Performance-Kollektiv Turbo Pascal (Quelle: Daniela del Pomar)
Audio: Inforadio | 09.05.2018 | Nadine Kreuzahler im Interview | Bild: Daniela del Pomar

Stückemarkt des Berliner Theatertreffens - Es geht ans Eingemachte

Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens ist eine Plattform für neue Talente. In diesem Jahr sind auch einige Performances mit dabei - und gleich zwei Stücke aus Israel. Nadine Kreuzahler gibt einen Überblick über das Programm.

Wie verändern sich unsere Beziehungen, wenn wir uns nur noch digital begegnen? Wie verändert sich dadurch unsere Körperlichkeit, wie unser politisches Bewusstsein? Das sind Fragen, die sich Olivia Wenzel in ihrem Stück "1 yottabyte leben" stellt, das nun beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens zu sehen war. Das Theaterkollektiv Turbo Pascal wiederum hinterfragt in seiner Mitmach-Performance "Böse Häuser" Glaubenssätze, die wir haben, Ängste, Werte und Vorurteile.

Es geht gemütlich los. Am Eingang tauscht das Publikum seine Straßen- gegen Hausschuhe ein. Im Saal bewegt es sich damit die ganze Zeit auf einem weichen, flauschigen Teppich. Aber zum Wohlfühlen ist diese Performance nur ganz kurz. Das Berliner Performance-Kollektiv Turbo Pascal spielt ganz geschickt mit dem Publikum, das in drei Gruppen aufgeteilt wird und mit grün, rot oder blau leuchtenden Kopfhörern, in unterschiedliche Gedankenwelten geschickt wird - eben in "Böse Häuser". In den besten Momenten fühlt man sich ertappt oder unangenehm berührt, man erschrickt über sich selbst, es geht ans Eingemachte.  

Andere Formen des Erzählens

Im Laufe seines Bestehens hat der Stückemarkt des mehrere Reformprozesse durchlaufen. Während früher nur deutschsprachige Texte eingereicht werden konnten, sind jetzt Arbeiten auf Englisch und Französisch dabei, aus ganz Europa und Israel. Auch anderen Formen des Erzählens hat sich der Stückemarkt im Laufe der Zeit geöffnet. So sind auch in diesem Jahr wieder zwei Theater- und Performancekollektive dabei. Insgesamt hat die Jury aus 263 Texten und Videos am Ende sechs Arbeiten eingeladen.

Old Masters aus der Schweiz zeigen ihr Stück "Fresque". Dabei spielt ein Gebilde aus übereinandergestapelten Kisten und blubbernden Reagenzgläsern die Hauptrolle. Es dient den beiden Schauspielern als Zentrum ihrer minimalistischen Performance. Sie liefern absurdes Objekttheater ab über die Unfähigkeit, miteinander zu reden und über Kunst an sich. Was sich langweilig und zäh angeht, entwickelt – je länger das Stück dauert – immer mehr Sog und Poesie.

"Geteilte Welt" lautet das diesjährige Motto des Stückemarktes. Das ist natürlich doppeldeutig zu verstehen. Zum einen sind damit Erfahrungen gemeint, die wir teilen, oder auch neue Erfahrungen des Teilens, also die "sharing community". Zum anderen geht es natürlich um das, was wir gerade aktuell überall erleben: die Spaltung der Gesellschaft, Populismus, aber auch die Schere zwischen Arm und Reich, Rassismus, Geschlechterfragen. Die sechs Arbeiten setzen sich sehr unterschiedlich damit auseinander.

Israel und Erinnerungskultur

Das Stück "Amsterdam" funktioniert ganz klassisch über gute, pointierte, vielschichtig und mehrdeutig eingesetzte Sprache. In ihrem Text erzählt die israelische, in Holland lebende Autorin Maya Arad Yasur von einer unbezahlten Gasrechnung aus dem Jahr 1944. Von dort ausgehend entspinnt sie ein Stück über den Holocaust und Erinnerungskultur, aber auch über persönliche Denkmuster und darüber, wie Geschichte und Geschichten erzählt werden können. Sehr überzeugend, wie hier mit Sprache umgegangen wird.

In diesem Jahr kommen gleich zwei Arbeiten aus Israel – Zufall, sagt Jury-Mitglied Joy Kristin Kalu bei der Eröffnungsdiskussion. Im Nachhinein denke sie aber, in Zeiten, wo Antisemitismus in Deutschland wieder zunimmt, gelte es, die Erinnerungskultur rund um den Holocaust – so wie sie in den beiden ausgewählten Texten auch vorkommt - zu verteidigen.

Beim Theatertreffen lassen sich kleine Entdeckungen machen. Vieles ist dabei – das ist logisch – noch nicht ganz ausgereift. Es lassen sich auch Schwierigkeiten erkennen, die auch die Jury selbst anspricht. Performances und Texte miteinander zu vergleichen sei schwer. Und dann sind es zum Teil auch englische Texte, auch von Nicht-Muttersprachlern geschrieben. Eine große Herausforderung für alle. Aber auch eine große Vielfalt, die zeitgemäß ist.

Am Donnerstag stehen beim Stückemarkt noch "Die Benennung der Tiere" von Leon Engler aus Österreich und "Exodus" von Li Lorian aus Israel auf dem Spielplan. Am Freitagabend wird dann bekannt gegeben, wer sich über den mit 7.000 Euro dotierten Werkauftrag freuen darf.

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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