Die Schauspieler der <<Faust>> Inszenierung von Peter Castorf auf der Bühne bim Theatertreffen 2018. (Quelle: Pierro Chiussi)
Video: Abendschau | 04.05.2018 | Petra Gute | Bild: Piero Chiussi

Theaterkritik | Castorfs "Faust" auf dem Theatertreffen - Der Glanz des Ostens tief im Westen

Frank Castorfs Abschiedsinszenierung von der Volksbühne lebt - und wie: Sein "Faust" ist auch zum Auftakt des Berliner Theatertreffens ein Triumph, mit phänomenaler Darsteller-Riege von Wuttke bis Rois. Von Fabian Wallmeier

"Faust, komm nach Hause", steht in vertrauter Frakturschrift auf den Zetteln, die rund um das Festspielhaus auf Litfaßsäulen, Laternen und Mülleimern kleben. Auch Sophie soll nach Hause kommen - und Frank sowieso.

Hier in Wilmersdorf, bei der Eröffnung des Theatertreffens mit Frank Castorfs siebenstündigem "Faust", fühlt sich dessen alte Volksbühne trotzdem erst einmal ganz weit weg an. Teppich statt Asphalt im Zuschauerraum, Polstersessel statt Sitzsäcke und rückenzerstörende Hartplastikstühle. An den Wänden nicht Bert Neumanns schwarze Lametta-Streifen, sondern beigebraune Holzvertäfelung. Draußen nicht der raue Mitte-Hipster-Chick des Rosa-Luxemburg-Platzes, sondern Baumblüten und die verpennte Heimeligkeit des alten tiefen Westens.

Doch hat sich die Bühne des Festspielhauses erst einmal in Bewegung gesetzt - mit schepperndem Getöse und "Bitte geh nicht fort" nach Jacques Brels "Ne me quitte pas" - ist schnell unwichtig, wo sie sich dreht. Wichtig ist, dass sie sich überhaupt dreht.

Gerechtfertigter Aufwand? Hell yeah!

Das ist nicht selbstverständlich - denn die Darsteller und Mitarbeiter, die den "Faust" an der Volksbühne auf die Beine gestellt hatten, sind seit dem Ende der Ära Castorf in alle Winde verstreut. Das Bühnenbild war in Einzelteile zerlegt in einem Industriegebiet in Mecklenburg-Vorpommern gelagert und musste an das Festspielhaus angepasst werden. 500.000 Euro zusätzliche Lotto- und Fördergelder mussten die Berliner Festspiele insgesamt organisieren, um dieses Gastspiel auf die Beine zu stellen.

War der hohe Aufwand gerechtfertigt? Hell yeah! Denn wie die alte Castorf-Mannschaft an diesem langen Freitagabend noch einmal das Beste der untergegangenen alten Volksbühne auferstehen lässt, ist ein großer Glücksfall.

Das liegt unter anderem an den spektakulären Darstellern - ziemlich sicher der beeindruckendsten Riege des diesjährigen Theatertreffens. Sie stürzen sich mit sichtbarer Freude und Dankbarkeit in ihre Rollen, vielleicht noch etwas überzeichnungsfreudiger als noch vor einem Jahr in der Volksbühne, als die Vertreibung aus dem Paradies immer näher rückte.

Marc Hosemann gibt vergnügt einen bemerkenswert unambitionierten Mephisto. Valery Tscheplanowa glänzt als vielgesichtiges Gretchen und als verführerische Helena. Alexander Scheer macht den Direktor im "Vorspiel auf dem Theater" zur Dercon-Persiflage. Sophie Rois veredelt die Sätze der Hexe zu perfekt gesetzten Punch-Lines. Martin Wuttke schließlich ist in komischer Hochform, sein Faust ist ein jämmerlicher Wicht, ein orientierungsloser Tattergreis, ein dümmlicher geiler Bock - weit weg jedenfalls vom großen Gelehrten in der Sinnkrise, der er bei Goethe im Kern ist.

Aufkleber als Werbung für Castorfs "Faust" in der Schaperstraße vor dem Haus der Berliner Festspiele. (Quelle: rbb/Wallmeier)Werbe-Aufkleber für "Faust" in der Schaperstraße vor dem Haus der Berliner Festspiele.

Faust-Monolog gekreischt wie ein Teenie im Vollrausch

Überhaupt sind die Männerfiguren in diesem urdeutschen Männerdrama hier größtenteils ziemliche Jammerlappen. Das ist vielleicht die größte Umdeutung, die Castorf vorgenommen hat - und das will etwas heißen, denn er hat natürlich wie immer kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Er zeigt seine Arbeitsweise hier noch einmal in Vollendung. Castorf zerlegt Goethes Text, setzt ihn neu zusammen, verteilt Passagen teilweise auf andere Figuren und erweitert den Stoff erheblich. Fausts berühmter Anfangs-Monolog kommt hier etwa erst gegen Ende des ersten Teil des Abends - und er folgt auf die in Goethes Text viel später angelegte Szene in der Hexenküche, in der Faust einen Liebestrank erhält. So lallt und kreischt Wuttke nun das eigentlich bleischwere "Habe nun ach! Philosophie" wie ein Teenie im ersten Vollrausch.

Die Metro-Station, die der begnadete Aleksandar Denić in seine Drehbühne integriert hat, ist das Bindeglied zu den anderen Stoffen, die Castorf aufgegriffen hat: Sie führt in die Pariser Salons und Bordelle, von dort geht es thematisch unter anderem weiter in den Algerienkrieg, sehr lange sogar. Nicht jedem assoziativen Winkelschlag kann man folgen, nicht jede Anspielung kann man verstehen, aber das war bei Castorf schon immer so. Zu seiner Arbeitsweise gehört auch immer die Überforderung - die im Idealfall, wie hier am Ende, mit reinem Theaterglück belohnt wird.

"Frank, komm nach Hause", "Faust, komm nach Hause" und schlicht "Liebe - Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz": Die Zettel kleben festgetreten auf dem Bürgersteig, als es nach Mitternacht Richtung U-Bahnhof geht. U-Bahnhof Spichernstraße wohlgemerkt. Bis nach Hause, tief im alten Osten der Stadt, dauert es für den Rezensenten jetzt noch eine Dreiviertelstunde - aber mit diesem glänzenden, triumphalen "Faust" im Kopf und im Herzen vergeht sie wie im Flug.

Sendung: Inforadio, 05.05.2016, 10.00 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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10 Kommentare

  1. 9.

    Lieber Herr Wallmaier,
    zuerst einmal muss ich mich für mein Gestammel entschuldigen, ich hätte meinen Text Korrektur lesen sollen und es nicht dem Tablet überlassen, mit T9 einzugreifen.
    Ja, ich War da und habe die Veranstaltung miterlebt. Wie eben auch das Stück in der Volksbühne zu Casdorfs Abschied.
    Martin unübertroffen, Rois überbewertet - in beiden Stücken. Nicht nur deren, von Theaterqualm berauscht, Abgang. Ein trotzige Kleinkind, mehr Scherben machend, als Eindruck. Und, wie bei der ECHO, beeilten sich Viele es ihr Gleich zutun. Dercon hatte nie eine Chance in dem, vom Berliner Senat alimentierten, Kunstbetrieb. Künstlich am Leben erhalten, mit Blut und Kot beschmieren Schauspieler, die schreiend und blöckend ihr Unvermögen dem Scheinintelektuellen in ihre Bezahlfressen schmetterten.
    Neun Stunden, in der Volksbühne eine Qual, jetzt nur ein Abgesang. Nur die Bestuhlung, der Saal, das Ambiente war besser. Nach neun Stunden war alles vorbei. Wie die Zeiten der "Volksbühne".

  2. 8.

    Lieber Lothar,

    du kannst die erste Hälfte kostenlos live in der Bar im Haus der Berliner Festspiele verfolgen und wenn du Glück hast (sehr wahrscheinlich), kannste als "Nachrücker" für Ticketinhaber*innen die zweite Hälfte auf einen leer gewordenen Stuhl ansehen.

  3. 7.

    Man könnte beim Lesen denken, dass das Beschriebene anders ist als in der Inszenierung, wie sie vor nem Jahr am Rosa-Luxemburg-Platz war! Das ist aber ein Trugschluss. Wieso also eine erneute Kritik, kein Wort von der Rede Thomas Oberenders der Aufführung...?

  4. 6.

    Bitte um Nachsicht. Ihr Artikel ist sehr fundiert und lesenswert. Bin eigentlich kein Theatergänger, doch zu dieser Aufführung wäre ich sehr gerne hingegangen, wenn das Geld gereicht hätte. Leider bekommen Rentner keinen Preiserlass.

  5. 5.

    Den Bezug zur Freien Volksbühne stellte gestern bei der Eröffnung auch Festspiel-Intendant Thomas Oberender her. Aber Castorfs Volksbühne stand natürlich für etwas anderes, für den Ostteil der Stadt. Deshalb habe ich das in meinem Text nicht erwähnt, um die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren.

  6. 4.

    Naja, jedenfalls wars ein Umzug in die noch zu DDR-Zeiten im Westteil Berlins genannte“ Freie Volksbühne“. Später waren wir Wessis ja so nett und haben den Namen umgeändert in Berliner Festspielhaus. Aber Schnee von gestern.

  7. 3.

    Lieber "Karl Eduard von Schnitzler",

    ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinaus wollen. Sie werfen mir Parteinahme vor? Ich habe in dem Beitrag meine Meinubg, meine Eindrücke formuliert. Es ist schließlich eine Theaterkritik, kein nüchterner Bericht.

    Im Übrigen läge mir nichts ferner als ein Nachtreten gegen Dercon. Bei allen Fehlern, die er gemacht hat (und die gab es ohne jede Frage) ist er meiner Meinung nach sehr unfair behandelt worden. Ich hätte gern gesehen, was er und Marietta Piekenbrock in den nächsten Jahren gemacht hätten.

    Verstehe ich richtig, dass Sie gestern auch da waren? Wie hat es Ihnen gefallen?

    Schönen Gruß

    Fabian Wallmeier, rbb|24

  8. 2.

    Zum Mitschreiben: 500.000€ wurden dafür ausgegeben, weil Herr Castorf umziehen wollte: von Mitte nach Wilmersdorf. Es erschien ihn ein Graus zu sein, an der Volksbühne aufzutreten. Das ist wahrhaft linke Kulturpolitik. Schmeißt das Geld zum Fenster raus, nur um den Egotrip des Meisterregisseurs zu befriedigen.

  9. 1.

    Lieber Herr Fabian Wallmeier,

    Alles ist besser, als das von Dercon (ach, haben wir innerlich gelacht über das Nachtreten durch die Dercon-Persiflage)und dem Berliner Kulturbetrieb geplante. Allein, dass in wenigen Worten gefasst hätte nicht den Geschmack von Parteinahme gehabt, den ich hatte, als ich diese Lobpudelung gelesen habe.
    Selbst, wenn Casdorf sprechende Besenstiele auf die Bühne gestellt hätte.
    Schade, die Volksbühne wird es so nicht geben, wie auch die tränenreiche Erinnerung daran wird verlassen, leider werden aber einige knietief in der morgen Erinnerung stecken bleiben, Herr Fabian Wallmeier.
    Nebenbei: die Aufführung War wirklich besser, als die, die Casdorf als Abgesagt auf die Volksbühne inszenierte. Ambiente und Sitzplätze dem Rahmen angepasst.

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