Standbild aus der ARD-Webserie zur vierten Staffel "Weissensee". (Quelle: © ARD/Ziegler Film)
Audio: Inforadio | 08.05.2018 | Interview mit Friedemann Fromm | Bild: © ARD/Ziegler Film

Interview | "Weissensee"-Autor Friedemann Fromm - "Alles hat damals seinen Anfang genommen"

Am Dienstag startet die vierte Staffel der preisgekrönten ARD-Serie "Weissensee". Sie spielt 1990, kurz nach dem Mauerfall. Im Interview erzählt Friedemann Fromm , warum dieser Zeitabschnitt für ihn als Autor und Regisseur besonders herausfordernd war.

RBB: Herr Fromm, in der neuen Staffel geht es um die ziemlich undurchsichtige und in Teilen auch chaotische Zeit nach dem Mauerfall. Wie haben Sie die Ereignisse damals wahrgenommen?

Friedemann Fromm: Ich habe das aus der Ferne beobachtet, mit dieser noch weit verbreiteten Distanz des typischen Wessis, der sich das erst mal angeguckt hat und gedacht hat: Hm, jetzt ist die Wiedervereinigung da und damit ist alles auch doch eigentlich gut. Und ich haben dann auch sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass es für die Menschen im Osten ein totaler Neuanfang ist. Nicht das Ende von Etwas, sondern der Anfang. Ich habe das damals noch nicht begriffen. Ich habe da noch in München studiert und mich hat es überfordert.

Diese Zeit eines wirklich halsbrecherischen Übergangs, in der sich die Ereignisse jagten, wo auch kaum einer von den DDR-Bürgern hinterher kam - wie kriegt man so etwas in ein Drehbuch? Wie findet man da überhaupt eine Linie?

Wir haben das Glück bei Weissensee, wirklich tolle Figuren zu haben. Und als es darum ging, die vierte Staffel zu gestalten, war mir sofort klar: Das ist der Zeitraum, den ich erzählen will, weil der einfach so in der Tiefe einfach noch nie erzählt worden ist, und ich den ungeheuer spannend finde. Alles, was wir heute zwischen Ost und West erleben, hat da seinen Anfang genommen. Und ich habe mir unsere Figuren und ihre emotionalen Bögen angeguckt. Für mich steht immer die emotionale Linie im Vordergrund, und das Faktische folgt daraus. Das hat sich dann ganz großartig ergeben. Da musste ich dann musste ich mich gar nicht so wahnsinnig aus dem Fenster hängen mit irgendwelchen abstrusen Konstruktionen.

Sind Sie denn bei der Vorbereitung auch auf Überraschendes gestoßen? Auf Dinge oder Entwicklungen, von denen Sie bis dahin noch nichts gehört hatten?

Mir war in der Tiefe die Veruntreuung der Parteigelder so nicht klar. Ich wusste, dass es das gab, aber dann war ja immer die offizielle Lesart: Es ist jetzt auch alles wieder mehr oder weniger geklärt. Dass da überhaupt vieles noch gar nicht geklärt ist, war mir in der Form nicht klar. Auch nicht, mit welcher Chuzpe und Zielstrebigkeit das durchgezogen wurde. Und die Dimension des Raubtierkapitalismus, mit dem die Großindustrie sich die DDR vereinnahmt hat, also die westdeutsche Großindustrie, das war mir in der klaren Zielsetzung und Brutalität erst mal auch nicht klar. Da haben mir so ein paar Gespräche mit ehemaligen Managern ganz schön die Augen geöffnet.

In der vierten Staffel tritt ja ein ganz neuer Bösewicht auf, also eine negative Kraft, nämlich die Treuhand. War es schwierig, die dramaturgisch einzuführen und zu entwickeln?

Eigentlich nicht. Wobei die Treuhand für mich gar nicht der Bösewicht ist. Sie ist für mich eine tragische Figur, weil sie ja eigentlich was Gutes wollte und auf diesem Weg kläglich gescheitert ist. Die wirklichen Bösewichter, jetzt mal vereinfacht gesprochen, sitzen für mich in den Schaltzentralen der Großkonzerne, für die die DDR einfach ein Markt war. Die wollten keine Produktionsstätten, die wollten Kundschaft, um ihre Waren loszuwerden und haben alles getan, um sich diesen Markt mundgerecht zu zerlegen. Das ist für mich die wirklich antagonistische Kraft dieser Geschichte.

Herr Fromm, diese vierte Staffel behandelt eine Zeit, die fiktional bisher kaum behandelt wurde. Was glauben Sie: Warum hat sich da bisher kaum jemand ran getraut?

Vielleicht aus Angst, das Thema sei so trocken, ganz viel Wirtschaft und Politik und Klein-klein-Verstrickungen. Möglicherweise liegt es daran. Mich hat es immer schon interessiert, weil ich das so aufregend finde, was da alles im Guten wie im Schlechten los war. Aber natürlich ist es auch wahnsinnig viel, das zu strukturieren, eine Ordnung rein zu kriegen. Es war auch beim Schreiben jetzt eine Aufgabe. Das kann einen schon ganz schön ins Schwitzen bringen.

Und die Aufgabe bleibt ja wahrscheinlich. Wie geht es denn weiter mit Weissensee? Was passiert in der fünften Staffel?

Da bin ich ja der ganz falsche Ansprechpartner, weil die Entscheidung dazu muss ja erst mal ganz woanders getroffen werden.

Wenn man Sie fragen würde, dann würden Sie die fünfte Staffel auch noch schreiben und drehen wollen?

Weissensee ist ja nach einer hohen historischen Genauigkeit verpflichtet. Das heißt, wir müssen uns einen historischen Zeitraum anschauen, den wir für interessant halten, den wir auch mit den Figuren in Deckung bringen. Dann muss man sich ganz viele Fragen vorher stellen. Die habe ich mir auch bei der vierten Staffel gestellt. Wenn ich nicht diesen Zeitabschnitt hätte erzählen können, dann hätte ich die vierte Staffel vielleicht auch gar nicht gemacht. Das muss Sinn machen. Weissensee ist inzwischen schon auch ein Stück Zeitgeschichte und mit dem muss man verantwortlich umgehen. Das kann man nicht einfach machen, weil man irgendwie Produktionsvolumen ausfüllen will, sondern da steht schon eine hohe Verantwortung auch im Raum.

Das Interview führte Oliver Rehlinger, Inforadio.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels standen falsche Sendezeiten. Richtig ist: "Weissensee" läuft am 8., 9. und 10. Mai jeweils um 20:15 Uhr im Ersten.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

Prix Europa Preisverleihung 2018
Prix Europa

Ab 20:00 Uhr - Verleihung des Prix Europa 2018 im Livestream

Für den europäischen Medienpreis Prix Europa sind in diesem Jahr 210 Beiträge der Kategorien Fernsehen, Radio und Online aus 33 Ländern eingereicht worden. Die zwölf Preisträger werden am Freitagabend in Potsdam ausgezeichnet. Der rbb überträgt im Livestream ab 20:00 Uhr.