Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, neue Doppelspitze der Berlinale (Quelle: imago/Christian Ditsch)
Video: Abendschau | 22.06.2018 | Steffen Prell | Bild: imago/Christian Ditsch

Personeller Neustart beim Filmfest - Berlinale-Doppel mit Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

Die Berlinale bekommt eine Doppelspitze: Künstlerischer Leiter wird Locarno-Chef Carlo Chatrian. Als Geschäftsführerin wird die Münchner Film-Managerin Mariette Rissenbeek berufen. Das gab Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Freitag bekannt.

Jetzt ist es raus: Wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am Freitagnachmittag bekanntgab, wird es gleich zwei Nachfolger für den scheidenden Berlinale-Direktor Dieter Kosslick geben. Ab Sommer 2019 sollen die Internationalen Filmfestfestspiele Berlin damit erstmals von einer Doppelspitze geleitet werden - ähnlich wie die renommierten Festivals in Cannes und Venedig.

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek (m.) mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (Quelle: imago/Christian Ditsch)
Zufriedene Gesichter nach Berlinale-Entscheidung | Bild: imago/Christian Ditsch

Zu viele Aufgaben für nur eine Person

Die künstlerische Leitung, das war bereits am Dienstag durchgesickert, wird künftig bei Carlo Chatrian liegen. Die Geschäftsführung soll die Filmmanagerin Mariette Rissenbeek übernehmen. Dass die Berlinale nach 68 Jahren zum ersten Mal eine Doppelspitze bekommt, begründete Grütters mit der Vielzahl kuratorischer und geschäftsführender Tätigkeiten. Dieter Kosslick habe die Berlinale seit 2001 so ausgebaut, dass die Vielfalt von Aufgaben nicht mehr von einer Person allein gestemmt werden könne, sagte Grütters dem rbb. 

"Wir haben jetzt die Chance, viele Aufgaben ein bisschen neu zu verteilen", fügte die CDU-Politikerin hinzu. So bekäme Chatrian die Bewegungsfreiheit, sich etwas mehr um das filmische Profil zu kümmern. Rissenbeek trete als Geschäftsführerin formal in die Fußstapfen von Kosslick, sie sei verantwortlich für das Budget, die organisatorischen Abläufe, für das Personal und die "etwas komplizierten deutschen Kulturfördermechanismen", erklärte Grütters.

Künstlerischer Leiter: Carlo Chatrian, Locarno

Carlo Chatrian leitet seit 2012 sehr erfolgreich das Filmfestival im südschweizerischen Locarno. Der 46 Jahre alte Italiener studierte Literatur und Philosophie an der Universität Turin, arbeitete zunächst als Filmkritiker und und veröffentlichte mehrere filmhistorische Bücher, zum Beispiel über Errol Morris und Wong Kar-Wai.

Über seine Berufung zum neuen Co-Chef der Berlinale zeigte sich Chatrian am Freitag sehr erfreut. Die Berlinale habe eine lange, glorreiche Geschichte, und er sei stolz und geehrt, Teil davon zu werden. "Es ist eine große Herausforderung, die ich sehr ernst nehme", sagte Chatrian. Außerdem bat er um Verständnis, wenn er nun erst einmal eine Zeit brauchen, werde, um sich in die "Maschinerie" der Berlinale einzuarbeiten und das Festival, das er in den vergangenen 15 Jahren regelmäßig besucht habe, nun von innen kennenzulernen.

Nach Alfred Bauer, Wolf Donner, Moritz de Hadeln und Dieter Kosslick ist Chatrian erst der fünfte Leiter der 1951 ins Leben gerufenen Berlinale. Noch im vergangenen Jahr hatte der Italiener in einem "Zeit"-Porträt gesagt, dass er für das Berliner Filmfest nicht geeignet sei, "zumal ich ja kein Deutsch spreche."

Geschäftsführung: Mariette Rissenbeek, München

Dieses Manko dürfte mit der neuen Doppelspitze nun keine Rolle mehr spielen, denn die künftige Geschäftsführerin, Mariette Rissenbeek, arbeitet schon lange in Deutschland. Die gebürtige Niederländerin, Jahrgang 1956, kam nach einem Germanistik-Studium nach Deutschland, wo sie unter anderem für die Tobis Filmkunst in Berlin arbeitete.

Von 1995 bis 2001 war Rissenbeek Producerin bei der Regina Ziegler Filmproduktion sowie als Geschäftsführerin ihrer eigenen Filmproduktion tätig. Im Jahr 2002 wechselte sie zu German Films. Das staatliche Unternehmen kümmert sich um die Vermarktung deutscher Filme im Ausland und organisiert auch die Wahl des deutschen Oscar-Kandidaten.

Kritiker bemängeln, dass Rissenbeek in ihrer Funktion als German-Films-Chefin nicht nur dem Aufsichtsrat der bundeseigenen Gesellschaft "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin" (KBB) angehört, sondern dass sie auch in der Findungskommission saß, die die KBB Ende 2017 eingesetzt hatte. 

Grütters rechtfertigt Berufung von Rissenbeek

"Das ist pikant", sagte die Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, im rbb zu der Ernennung. Allerdings begrüßte sie die Entscheidung für Rissenbeek, diese sei eine großartige Managerin. 

Grütters selbst gab zu, dass diese Konstellation "erklärungsbedürftig" sei. Allerdings wäre Rissenbeek "nie auf die Idee gekommen, sich ins Gespräch zu bringen", sagte die CDU-Politikerin. Gemeinsam mit Staatssekretär Björn Böhning (SPD), der für Berlin in der Findungskommission saß, hätte sie Rissenbeek gebeten, über eine Mitwirkung in der Berlinale-Leitung nachzudenken. "Wir hatten ein wirklich gutes und breites weibliches Bewerberfeld, aber Mariette Rissenbeek war für uns mit Abstand die erste Wahl, gerade in Verbindung mit Carlo Chatrian", sagte Grütters.

Als mögliche Berlinale-Geschäftsführerinnen waren in den vergangenen Tagen unter anderen auch Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München, und Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, genannt worden. Am Freitag gehörte das Medienboard in Potsdam-Babelsberg zu den ersten Gratulanten: "Wir heißen die Berlinale-Doppelspitze um Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek in der Filmhauptstadt Berlin willkommen und wünschen viel Erfolg für die Berlinale-Leitung!", hieß es in einer Pressemitteilung.

Die beiden neuen Berlinale-Leiter sollen Fünfjahres-Verträge erhalten und den bisherigen Berlinale-Leiter nach 18 Jahren ablösen. Die letzte Berlinale unter Dieter Kosslick findet vom 7. bis 17. Februar 2019 statt.

Findungskommission führte zahlreiche Gespräche

Unter der Leitung von Grütters, die auch Aufsichtsratschefin der KBB ist, war im vergangenen Jahr eine Kommission eingerichtet worden, die einen Nachfolger für Kosslick finden sollte. Nach eigenen Angaben führte die Kommission zahlreiche Gespräche mit Produzenten, Regisseuren, Schauspielern, Festivalkennern und auch Beschäftigten der Berlinale geführt.

Grütters selbst hatte sich für eine Doppelspitze ausgesprochen. "Ich persönlich befürworte eine Doppelspitze, nach dem Vorbild anderer Festivals", sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland Mitte Mai. Bei der Aufsichtsratssitzung der KBB am Freitag wurde der Personalvorschlag nun offiziell vorgestellt. Dabei nutzte Grütters die Gelegenheit, dem bisherigen Berlinale-Chef zu danken: "Dieter Kosslicks Qualitäten als Gastgeber sind einzigartig. Das hat er auf unvergleichlich charmante Art gemacht. Wir alle sind Dieter Kosslick für seine Verdienste um die Berlinale sehr, sehr dankbar."

Berlins Regierender gratuliert Chatrian

Bis Dienstag galt Chatrian bei der Suche nach einem Kosslick-Nachfolger eher als Außenseiter. Im Gespräch waren unter anderen auch der Filmkurator des New Yorker Museum of Modern Art, Rajendra Roy, und Bero Beyer vom Filmfest Rotterdam. Chatrian gilt als ausgesprochener Cineast mit hervorragenden internationalen Kontakten. Zudem bescheinigen ihm Kritiker, in Locarno den Spagat zwischen Kunst und Kommerz gut bewältigt zu haben. Bereits seit 2002 gehörte er dem Auswahlkomitee in Locarno an und kuratierte später auch eine Reihe des Festivals.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) gratuliert Chatrian und nannte die Entscheidung der Findungskommission "eine gute Wahl". In Locarno habe Chatrian bewiesen, "dass er für das Kino brennt, neue Trends erkennt und international bestens vernetzt ist", teilte Müller mit.

Filmemacher fordern Neuausrichtung der Berlinale

Akademie-Präsidentin Meerapfel erklärte zur Ausrichtung der Filmfestspiele, unter Kosslick sei die Berlinale gut gewesen, sie müsse nun weiterhin gut bleiben. Sie müsse international spannend, populär und intellektuell bleiben, Spaß machen und zum Nachdenken anregen. All das habe Kosslicks Berlinale eigentlich getan. Nun müsse man alles nochmal in Frage stellen und dann wieder das Gleiche tun.

Um die Nachfolge von Kosslick hatte es eine heftige Debatte gegeben. In einem offenen Brief. dem auch Meerapfel unterzeichnet hatte, hatten prominente Regisseure im November 2017 nicht nur einen inhaltlichen Neustart der Berlinale gefordert, sondern auch die Einberufung einer Findungskommission vorgeschlagen. Ihre Hauptforderung lautete, "das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken". Ziel müsse es sein, "eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden", die in der Lage sei, "das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen", hieß es in dem Brief, der von 79 deutschen Filmemachern unterzeichnet worden war. "Wir wünschen uns ein transparentes Verfahren und einen Neuanfang."

Sendung: Inforadio, 22.06.2018, 15.40 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Verstehe Ihren Kommentar nicht. Aber wenn Sie all die Jahre die Berlinale mitverfolgt haben, dann wissen Sie vielleicht auch wie schwer es für eine einzelne Person ist den Überblick zu behalten. Herr Kosslick war und ist ein ausnahmetalent und den kann auch niemand ersetzen. Nun wird es eben zwei geben die maßgeblich an der Gestaltung und Umsetzung der zukünftigen Berlinale beizutragen haben. Beide besitzen Format und hoffentlich auch das richtige Gespür. Somit finde ich diese Entscheidung richtig.

  2. 1.

    Teilen sie sich das Gehalt auch?

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